Wirtschaft



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31.10.2006
 

"Daily Sun" in Südafrika

Auflagen-Hexer mit Blut und Gewalt

Von Corinna Arndt, Kapstadt

Abstoßende Bilder, bluttriefende Überschriften und ein zweifelhaftes Verhältnis zur Gewalt - die südafrikanische Boulevard-Zeitung "Daily Sun" schlägt ihre nicht gerade zimperlichen Vorbilder aus Großbritannien um Längen. Gerade das macht sie so erfolgreich.

Kapstadt - Wenn die Reporter des südafrikanischen Boulevardblattes "Daily Sun" morgens in die Johannesburger Redaktion kommen, müssen sie an Mpumelelo vorbei, einer mannshohen Puppe in knallblauen Arbeitsklamotten und abgetragenen Schuhen. Mpumelelo ist der Inbegriff des durchschnittlichen "Daily Sun"-Lesers. In der Hand hält er die neueste Ausgabe der Zeitung. Das Datum auf der Titelseite wechselt, doch die Schlagzeilen gleichen sich. Es sind Titel wie "Verflucht von einem Wurm!", "Cop-Razzia in Messerstecher-Schule", "Werwölfe - es gibt sie wirklich!". Dazu Tote über Tote: "Freund hat mein Baby gefressen!" oder: "Das grausame Ende eines kleinen Jungen". Selbst der Klassiker "Hunde fressen Herrchen" ist dabei. Dazu die passenden Fotos: groß, bunt, nah dran. So manchem deutschen Zeitungsleser würde sich dabei der Magen umdrehen.

Herausgeber Deon du Plessis hat sich ganz und gar dem Gewalt-Boulevard verschrieben und umgibt sich selbst in seinem Büro mit Fotos von Mordopfern. Als er die "Daily Sun" vor vier Jahren auf den Markt brachte, erklärten ihn viele für verrückt. Das gängige Urteil: Arme Schwarze in den Townships lesen keine Zeitung.

Tun sie doch - die "Daily Sun" liefert den Beleg dafür. Innerhalb kürzester Zeit hat sie sich zur meistverkauften Tageszeitung des Landes entwickelt - und das, obwohl sie bisher nur in vier der neun Provinzen erhältlich ist. Im September gingen täglich im Schnitt 496.000 Exemplare über den Ladentisch, an einzelnen Tagen sind es bereits mehr als 500.000. Die Zahl der Leser liegt laut du Plessis sogar bei vier Millionen. Und wie diese vier Millionen aussehen, das weiß er genau: Sie sind eher männlich als weiblich, zu 99 Prozent Schwarze, leben in Townships und haben Jobs als einfache Arbeiter. Da verwundert es nicht, dass die Welt der gut situierten weißen (und zunehmend schwarzen) Südafrikaner im Blatt praktisch nicht vorkommt. "Wir schreiben für Leute, die aussehen wie die Puppe Mpumelelo", sagt Chefredakteur Themba Khumalo. "Die Frage ist: Was will dieser Typ im Blaumann für 1,50 Rand (umgerechnet 16 Cent) lesen? Was interessiert die Leute in den überfüllten Minibus-Taxis, in den Zügen, den Bussen, den Kneipen?"

Die Antwort ist jedem in der Redaktion klar: Soccer, Sex and Crime. Südafrikas Kriminalitätsrate gehört zu den höchsten der Welt, und nirgendwo ist das offensichtlicher als in den Townships. Khumalo zieht eine jüngst erschienene Zeitung hervor. "Keine Gnade" prangt auf dem Titel. "Ein Dieb schmeckt die Gerechtigkeit der Straße". Daneben das Foto eines gefesselten jungen Mannes, auf den der Mob eindrischt. "Dieses wunderbare Bild", sagt Khumalo, "zeigt, wie weit wir gekommen sind. Die Leute haben diese Verbrecher satt und wehren sich, weil die Polizei nichts tut. Das ist das Leben unserer Leser. Das nehmen wir ernst."

Mehr als nur Journalisten

Die "Daily Sun"-Reporter sind mehr als nur Journalisten. "Wir erledigen die Arbeit der Ärzte, der Sozialarbeiter, der Behörden und der Polizei", sagt Redakteurin Nahima Ahmed etwas hochtrabend. In gewissem Sinne hat sie aber Recht: Wenige Meter entfernt an der Rezeption warten etwa 20 Menschen geduldig darauf, mit einem Reporter sprechen zu können. Sie kommen aus Soweto, Alexandria und Thembisa - allesamt große Townships bei Johannesburg, die Zentren des Verbrechens und der Armut sind. Müdigkeit spiegelt sich auf den Gesichtern der Wartenden, aber auch Hoffnung. Da sitzt die alte Frau, die aus unerfindlichen Gründen ihre Rente nicht ausbezahlt bekommt und wissen will warum. Oder der junge Mann mit einer Kiste Blutorangen auf dem Schoß, der behauptet, die Früchte seien mit Aids verhext.

200 Hilfesuchende kommen jeden Tag, immer wieder unterbrechen die Journalisten ihre Arbeit am Schreibtisch, um zuzuhören und Rat zu geben. Dafür werden sie in den Townships wie Helden verehrt. "Hin und wieder rufen Einbrecher und Mörder hier an", erzählt Ahmed. "Die wollen sich stellen, aber nicht der Polizei, sondern der 'Daily Sun'". Und Chefredakteur Khumalo fügt stolz hinzu: "Wir produzieren kein realitätsfremdes, intellektuelles Blatt. Wir sind Kult, weil wir für Leute schreiben, die vom Rest der Presse ignoriert wurden, weil wir zuhören!" Zuhören, ernst nehmen - und den nie versiegenden Strom von grausamen, skurrilen und unglaublichen Geschichten direkt in die Ausgabe des nächsten Tages fließen lassen.

Doch ihre Erfolge feiert die "Daily Sun" nur bei den Lesern. Von Seiten der Experten, Medienfachleute und Verbandsvertreter kommt jedoch vernichtende Kritik. Das Blatt verachte seine Leser, ereiferte sich etwa Joe Thloloe, Vorsitzender des südafrikanischen Redakteursforums SANEF und erinnere mit seinem "apolitschen Mix aus Sport, Sex und Verbrechen" daran, wie Apartheidmedien in den fünfziger Jahren die Schwarzen ruhig zu stellen versuchten. Der Medienwissenschaftler Guy Berger sieht die "Daily Sun" als "keine echte Zeitung", weil sie Halbwissen verbreite und etwa Berichte über Hexerei als Wahrheit verkaufe.

Aids wird weitgehend ignoriert

Auf solche Vorwürfe reagiert man in der Redaktion gereizt. "Wir beschuldigen niemanden der Hexerei", sagt Khumalo, "aber es gibt eben mystische Dinge im Leben, die man nicht ignorieren kann. Im Falle von Hexerei fragen wir die Opfer, die Nachbarn und traditionelle Heiler - egal, ob uns Wissenschaftler deshalb für verrückt erklären oder nicht. Man muss die Leser auf einer Ebene ansprechen, die sie verstehen."

Schwerer wiegt der Vorwurf, die "Sun" ignoriere das Thema Aids weitgehend. Zwar ist mindestens jeder zehnte Sun-Leser mit HIV infiziert, doch die Krankheit wird gerade unter Schwarzen nach wie vor tabuisiert - und was mit einem Stigma behaftet ist, das verkauft sich nicht. "Gerade in Südafrika brauchen wir aber Medien, die der Gesellschaft einen Schritt voraus sind, die aufklären und sich ihrer Verantwortung bewusst sind", mahnt Berger.

"Alles Bullshit", erwidert Herausgeber du Plessis. Das Blatt wachse mit seinen Lesern. Und die interessierten sich längst nicht mehr nur für Hexerei, Sex und Morde - sondern zunehmend für Hausbau, Autos und die Bildung ihrer Kinder. Jede Woche gibt es einen achtseitige Automobil-Beilage mit Schwerpunkt auf BMW, dem Traumauto der aufsteigenden schwarzen Mittelschicht (in Südafrika "Black Man's Wish" genannt). Und die Auflage klettert weiter. Kein Wunder, dass du Plessis frohlockt und auf seine Kritiker, die "verdammten Akademiker", pfeift: Wer Krawatte trage lese die Zeitung sowieso nicht. "Wir erreichen die Mehrheit. Wir haben Millionen neue Zeitungsleser geschaffen. Dieser Typ da", und er weist auf die lebensgroße Mpumelelo-Puppe neben sich, "ist zu Südafrikas größtem Goldesel geworden."

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