Von Anne Seith
Hamburg - Wenn René Obermann abergläubisch ist, dann sollte er heute nicht n-tv gucken. "Kann ein neuer Vorstandschef die Telekom wieder auf Vordermann bringen?", fragt der Nachrichtensender seine Zuschauer in einer Umfrage. Allzu groß ist deren Vertrauen in den Neuen nach den bisherigen Zwischenergebnissen nicht: Auf der Internetseite stimmten mehr als 60 Prozent mit Nein.
Der Chefsessel der Telekom, den der 43-Jährige jetzt übernimmt, ist ein Schleudersitz, die Aufgabe, die Obermann vor sich hat, fast unlösbar. Die Telekomkunden ergreifen in Massen die Flucht: Seit Jahresanfang wechselten rund 1,5 Millionen zur Konkurrenz - das sind rund 150.000 im Monat. Nun muss Obermann bei dem von Arcor, Hansenet und Co. eingeleiteten Preiskampf einsteigen.
Dabei muss er aber mit einem riesigen und teuren Apparat von Mitarbeitern operieren, von denen viele unkündbar sind. In der deutschen Festnetzsparte des ehemaligen Monopolisten sind allein gut 40.000 der 80.000 Beschäftigten Beamte.
"Wir werden es nicht allen recht machen können"
Dass es nicht leicht wird, weiß Obermann. Nachdem der Telekom-Aufsichtsrat heute die Personalie bestätigt hatte, erklärte er recht nüchtern: "Die Rahmenbedingungen werden in Zukunft schwierig bleiben." Man werde es nicht allen recht machen können. Die Telekom solle unter seiner Führung aber "Marktführer in Sachen Service werden" und gleichzeitig die Kosten weiter senken.
"Das ist schwierig, das ist ein Spagat", fügte Obermann hinzu. Tatsächlich ist das noch eine recht euphemistische Beschreibung. Denn Obermann muss auch noch alle Anteilseigner und die mächtige Gewerkschaft Ver.di besänftigen. Zudem ist der Bund noch immer größter Aktionär, ohne dessen Einwilligung gar nichts geht. Der Ricke-Vorgänger Ron Sommer war 2002 unter anderem auf Betreiben des unzufriedenen Finanzministeriums abgesägt worden. Gleichzeitig sitzt seit kurzem der Finanzinvestor Blackstone mit 4,5 Prozent im Boot - und der will Rendite sehen, und das umso dringlicher, als er im Laufe der ersten Monate seiner Beteiligung durch die Talfahrt der T-Aktie Unsummen verloren hat. Die Gewerkschaft tut gleichzeitig alles dafür, jede Form von Personalabbau so schwierig und teuer wie möglich zu machen.
Doch wenn es einer kann, dann Obermann - so scheint das Motto der Stunde. Ricke wirkte bei seinem überraschend schnellen Abschied steif wie ein alter Mann, mühsam hielt er den Rücken grade, die Stirn unter dem grauen Haar von Sorgenfalten durchzogen. Wie ein Nachwuchstalent tritt dagegen der nur eineinhalb Jahre jüngere Obermann auf: moderner Kurzhaarschnitt, jungenhaftes Gesicht, energiegeladenes Auftreten.
Es hat etwas von Königsmord, dass nun ausgerechnet Obermann Rickes Stuhl übernimmt. Er galt als Vertrauter des bisherigen Chefs, von dem er schon einmal ein wichtiges Amt übernommen hatte. Als Ricke Konzernchef wurde, folgte Obermann 2002 auf den T-Mobile-Chefsessel. Doch Ricke selbst erklärte bei seinem Abschied ausdrücklich, er wünsche sich Obermann als Nachfolger. Und die Leichtigkeit, mit der dieser dem Ruf folgt, passt vollkommen zu dem aalglatten Manager, der mit seinem extrem gepflegten Äußeren und dem unglaublichen Lebenslauf wirkt, als sei er Darsteller einer US-Business-Soap.
Der "Bulldozer" musste Diplomatie lernen
Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen fing Obermann 1986 nach einer Lehre als Industriekaufmann an, Telefone, Anrufbeantworter und Kopierer auf eigene Faust zu verkaufen - da war er gerade einmal 23. Sein soeben begonnenes Volkswirtschaftsstudium fand damit bald ein vorzeitiges Ende. Obermann setzte lieber auf learning by doing und das mit beachtlichem Erfolg. Schon im ersten Geschäftsjahr macht seine kleine Firma einen Umsatz von einer Million Mark, 1990 waren es bereits 20 Millionen. Ein Jahr später verkaufte Obermann das Unternehmen an den Hongkonger Konzern Hutchison Whampoa - der Preis ist nicht bekannt, nur, dass Obermann seitdem finanziell ausgesorgt haben soll. Aus seinem finanziellen Erfolg machte der Jungmanager keinen Hehl: Er fuhr mit Genuss Porsche, die "Wirtschaftswoche" betitelte ihn als "Kapitalist aus dem Bilderbuch".
Zur Telekom holte den energiegeladenen Jungspunt der einstige Vorstandschef Ron Sommer, wo Obermann 1998 zunächst Vertriebs-Geschäftsführer von T-Mobile Deutschland wurde. Auch dort setzte er seinen fast beängstigenden Erfolgskurs fort. Trotz des mörderischen Wettbewerbs konnte Obermann als T-Mobile-Chef die Marktführerschaft im Mobilfunkgeschäft in Deutschland absichern, in Österreich und Polen stärkte er das Geschäft mit den Übernahmen von Telering und PTC. Früh habe er die sich anbahnenden Wachstumsschwierigkeiten der Branche erkannt, urteilen Analysten, und deshalb ein Milliarden-Sparprogramm in der Sparte eingeleitet. Das kostete Hunderte Mitarbeiter den Job - doch ohne Obermann seien später noch schwerere Einschnitte nötig gewesen, heißt es.
Obermann gilt als unternehmerisch denkender Manager - perfektionistisch und führungsstark. "Bulldozer" ist sein Spitzname. Dass er nicht immer mit dem Kopf durch die Wand könne, habe der Manager im Riesenapparat Telekom erst lernen müssen, heißt es. "Er ist ein Arbeitstier und ein Maniac", sagte ein ehemaliger Mitarbeiter dem "Handelsblatt" außerdem über den neuen Telekom-Chef. Obermann habe bereits das "Telekom-Hasserbuch" gelesen und sei anonym zu verschiedenen T-Punkten gefahren, um Service-Mängel am eigenen Leib zu erfahren.
Anlegerschützer begrüßten Rickes Ablösung
Ob Obermann es nun richten kann, ist fraglich. Aus dem Konzern hieß es, der Wechsel werde intern eher neutral bewertet. Obermann sei sehr beliebt, die Führung der kriselnden Festnetzsparte T-Com sei jedoch verunsichert. Denn in diesem Bereich hat die Telekom noch aus ihren Zeiten als Behörde einen eklatanten Beschäftigtenüberhang.
Außerdem gibt es schon seit geraumer Zeit Gerüchte, dass T-Com-Chef Walter Raizner ebenso wie Ricke bald seinen Schreibtisch räumen müsse. Auch an der Börse sind die Meinungen zu Obermann gespalten: Anlegerschützer begrüßten die Ablösung Rickes, der ein Jahr vor seinem eigentlichen Vertragsende aufgibt. Die T-Aktie
legte zum Börsenstart außerdem um mehrere Prozent zu und setzte sich damit an die Spitze des Dax
. Analysten jedoch erwarten kaum Besserung. Der Kundenschwund und die strukturellen Probleme des Konzerns seien einfach zu gravierend.
Obermann hat Entscheidungen vor sich, die einen Konzernchef in der Öffentlichkeit nicht gerade beliebt machen. Ricke hat mit seinem kürzlich verkündeten Programm "Telekom 2010" ein rigides Sparprogramm angekündigt. Schon nächstes Jahr sollen bis zu zwei Milliarden Euro eingespart werden. Außerdem hat Ricke seinen Frieden mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat kürzlich gebrochen und einen Personalumbau angestoßen. Unter anderem sollen rund 45.000 Mitarbeiter in zwei neue Serviceeinheiten ausgegliedert werden. Sie sollen demnächst länger arbeiten, was de facto natürlich Gehaltseinbußen bedeutet. Nicht zuletzt ist der Konzern gerade dabei, insgesamt 32.000 Jobs abzubauen, und Personalchef Heinz Klinkhammer hat bereits angedeutet, dass es dabei womöglich nicht bleiben wird. Dieses Erbe muss Obermann nun antreten.
mit Dow Jones, Reuters
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