Von Anne Seith
Hamburg - Wolfgang Bernhard lässt sich nicht gern aufhalten. Schon als verantwortlicher Manager bei Chrysler schickte er 26.000 Mitarbeiter nach Hause und schloss mit seinem damaligen Chef Dieter Zetsche mehrere Werke. "Was er macht, zieht er voll durch", sagt Bernhards Mutter Maria Ayerle aus dem Allgäu. Das fing schon mit dem provinziellen Nachnamen Ayerle an, den Bernhard mit 29 nicht mehr haben wollte und trotz aller bürokratischen Hürden tatsächlich loswurde. Seitdem hat der heute 46-Jährige eine rasante Karriere hingelegt. Er wurde jüngstes Vorstandsmitglied bei DaimlerChrysler
, Anfang 2005 wechselt er dann flugs zu Volkswagen
, weil bei Mercedes ein anderer Chef geworden war.
Bernhard, dessen Arbeit bei Chrysler ihm Spitznamen wie "Kostenkiller" und "Sparminator" eingebracht hatte, kam als Sanierer ins verschlafene Wolfsburg. Er sollte aufräumen. Die angeschlagene Kernmarke VW auf Vordermann bringen. Konzernchef Bernd Pischetsrieder gab ihm dafür alle nur denkbaren Freiheiten. Doch nun hat der übermächtige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Pischetsrieder abgesägt - Audi-Chef Martin Winterkorn übernimmt. Ein Mann, mit dem der ehrgeizige Durchstarter Bernhard bisher auf Augenhöhe stand - und den er nach allgemeiner Auffassung nicht ausstehen kann.
Zu allem Überfluss will Winterkorn jetzt auch noch die gesamte Führungsstruktur umkrempeln und dabei neue zentrale Vorstandsposten für Entwicklung und Produktion schaffen. Ein klarer Machtverlust für Bernhard. Wie es seine Art ist, will er mehreren Berichten zufolge deshalb jetzt kurzen Prozess machen und bei VW den Schreibtisch räumen. Möglicherweise werde Bernhard sogar zurück zu Chrysler gehen und dort den in die Kritik geratenen Chef Thomas LaSorda ablösen.
Der Verlust des Super-Sanierers ist ein Schlag für VW. Zwar erwirtschaftete der Autobauer im vergangenen Geschäftsjahr einen Reingewinn von 1,12 Milliarden Euro - doch die Kernmarke steckt in der Krise. Die Herstellungskosten sind nach einhelliger Expertenmeinung viel zu hoch. Die sechs westdeutschen Werke häuften im vergangenen Jahr einen dreistelligen Millionenverlust an.
"Bernhard war der größte Trumpf, den Volkswagen in der Hand hatte", sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Voller Energie" sei er und "durchsetzungsstark". Auch Patrick Juchemich vom Bankhaus Sal. Oppenheim sieht den offenbar bevorstehenden Abgang des Markenchefs mit Sorge. Das bedeute "nichts Gutes" für die gesamte Management-Struktur von Volkswagen. Bernhard und auch Pischetsrieder stünden trotz aller Kritik für "das leidlich erfolgreiche Sanierungskonzept", das langsam zu greifen beginne.
"Er stürmte wie Rambo in jedes Gespräch"
Bernhard wurde bei VW seinem Ruf durchaus gerecht. Bei Volkswagen stürmte der Manager "anfangs wie ein Rambo in jedes Gespräch mit dem Betriebsrat", so zitiert die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einen VW-Kenner. Anfang des Jahres verkündete der eigentlich für sein zauderndes Wesen bekannte Pischetsrieder mit seinem neuen Markenchef im Rücken dann ein knallhartes Restrukturierungsprogramm, das letztlich den Abbau von bis zu 20.000 der 100.000 Arbeitsplätze bei der Marke VW bedeutet. Trotz des Beschäftigungssicherungsvertrags, der bis 2011 gilt.
Bernhard schrieb in der Mitarbeiterzeitung "Autogramm" dazu nüchtern, die Produktivität in den deutschen Werken in den kommenden drei Jahren um 30 Prozent steigern zu wollen. "Wenn wir diese Probleme nicht jetzt lösen, steht langfristig das gesamte Unternehmen auf dem Spiel." Er sinnierte sogleich kühl über Werksschließungen.
Vor wenigen Wochen einigten sich Geschäftsführung und Arbeitnehmervertreter dann auf längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich in den westdeutschen Werken. Vor den Verhandlungen hatte Bernhard unverblümt mit dem Abzug der Golf-Produktion aus Deutschland gedroht - dem Wolfsburger Traditionsmodell.
Auch bei den Modellen fackelte Bernhard nicht lange: In den kommenden vier bis fünf Jahren sollen rund 20 neue Volkswagen auf den Markt kommen. Im August stellte der Manager persönlich mit gewaltigem Tamtam den Iroc vor, ein Nachfolger des legendären Scirocco - "ein richtig scharfes Teil", rief der aufgekratzte Bernhard seinem Publikum zu.
Die Kompromisslosigkeit, die dem ehemaligen McKinsey-Berater Bernhard einmal die Schlagzeile "der Angstmacher" einbrachte, sei im Wolfsburger Autobiotop aus wirtschaftlicher Sicht zurzeit mehr als notwendig, findet Autoanalyst Pieper. Nur so könne die Übermacht der Gewerkschaften "wieder auf Normalmaß" gebracht werden.
"Die Weichen sind gestellt"
Ohne Bernhard geht also nichts mehr in Wolfsburg? Ganz so sei es auch nicht, sagen die Experten. "Die Weichen für die Sanierung der Kernmarke sind jetzt für die kommenden ein bis zwei Jahre gestellt", sagt Pieper. Der neue Konzernchef Winterkorn, der ebenfalls als entscheidungsfreudig gilt, sei "sicher ein dynamischer Manager". Schließlich habe der schon Audi auf Erfolgskurs gebracht. Wichtig sei es nun, den harten Sanierungskurs bei Volkswagen fortzusetzen. Sicher finde sich für Bernhards Position bald ein fähiger Nachfolger im Haus: "Volkswagen hat gerade in zweiter und dritter Reihe so viele Talente sitzen wie kaum ein Konkurrent", sagt Pieper.
Die Aufgabe, die Kernmarke wieder konkurrenzfähig zu machen, sei dennoch ziemlich groß, urteilen die Analysten. Die jüngst abgeschlossene Tarifvereinbarung über längere Arbeitszeiten setzt voraus, dass die deutschen Werke voll ausgelastet sind - derzeit werden aber nur zwei Drittel der Kapazitäten genutzt.
Die für 2008 gesetzten Konzernziele sind außerdem extrem ehrgeizig. Der Autobauer peilt einen Gewinn vor Steuern von 5,1 Milliarden Euro an - im vergangenen Jahr lag er bei 1,7 Milliarden Euro. Und die Produktionskosten in Deutschland seien nach wie vor zu hoch, sagt Analyst Juchemich. Möglicherweise müsse sogar noch mehr Personal abgebaut werden als bisher bekannt.
Solche harten Einschnitte durchzusetzen - genau darin habe Bernhards Talent bestanden. "Er war da als Symbolfigur wichtig", sagt Juchemich. "Er stellt sich wenn nötig auch hin, um die Schläge einzustecken."
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