Hamburg - Sollte die Öllieferung nach Deutschland für längere Zeit ausfallen, gibt es einen festen Notfallplan. Zunächst greifen die betroffenen Raffinerien auf ihre eigenen Vorräte zurück. Diese reichen in der Regel für zwei Wochen.
Wenn das nichts hilft, können sich die Raffinerien untereinander austauschen; über Pipelines sind die Betriebe miteinander verbunden. "Alle deutschen Raffinerien können füreinander einspringen", erklärt Heino Elfert vom Energieinformationsdienst EID.
Laut Mineralölwirtschaftsverband sind in Deutschland insgesamt 29 Millionen Tonnen Rohöl gelagert. Zum Vergleich: Die ausgefallene "Druschba"-Leitung aus Weißrussland hat im vergangenen Jahr 23 Millionen Tonnen Rohöl nach Deutschland geliefert. Den Ausfall der Leitung könnte Deutschland also allein aus seinen Vorräten mehr als ein Jahr lang verkraften.
Darüber hinaus könnten zusätzliche Lieferquellen erschlossen werden. So kann der Hafen von Rostock zusätzliche Tankschiffe aufnehmen – auch aus Russland. Von Rostock verlaufen dann innerdeutsche Pipelines zu den einzelnen Raffinerien. "Diese Maßnahme wäre auch kurzfristig möglich", erklärt Experte Elfert. Allerdings wäre das Umlenken von Tankschiffen mit zusätzlichen Kosten verbunden.
Die Vorräte in den Notlagern reichen für 90 Tage
Wenn trotz all dieser Maßnahmen immer noch Öl fehlt, müssen die Notlager angegriffen werden. In mehreren Kavernen in Norddeutschland sind Rohöl und Ölprodukte wie Benzin und Diesel eingelagert. Laut Gesetz müssen die Vorräte den gesamten deutschen Verbrauch von 90 Tagen decken. Eigentümer der Mengen ist der Erdölbevorratungsverband - der darf die Vorräte aber erst mit Zustimmung der Bundesregierung frei geben. Die Regelung stammt noch aus den Zeiten der Ölkrise in den siebziger Jahren. Kontrolliert wird die Lagerung von der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris.
Elfert hält es allerdings für "komplett ausgeschlossen", dass es überhaupt soweit kommt. "Die Russen werden ihre westeuropäischen Kunden unter keinen Umständen verärgern", sagte er. "Deshalb werden sie alles daran setzen, um schnell wieder zu liefern."
Entsprechend unaufgeregt fielen die Reaktionen in Berlin und Brüssel aus. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erklärte am Nachmittag, die Situation sei für Deutschland nicht dramatisch. In Raffinerien lagere ausrechend Rohöl, so dass die Versorgung "auch bei längeren Lieferausfällen sichergestellt" sei. Gleichwohl äußerte er die Hoffnung, dass die Lieferung durch die Pipeline "so schnell wie möglich in vollem Umfang wieder aufgenommen wird".
EU-Energiekommissar Andris Piebalgs erklärte in Brüssel, die deutsche Ölversorgung sei durch den Energiestreit zwischen Weißrussland und Russland vorerst nicht gefährdet. Für den Fall, dass die Pipeline "Druschba" für längere Zeit ausfalle, sei aber ein Anzapfen strategischer Reserven nicht ausgeschlossen.
Auch Ökonomen und Ölkonzerne erklärten, ein Ausfall der Pipeline habe kurzfristig keine spürbaren Auswirkungen. "Deutschland ist mit seinen Ölreserven gut gerüstet", sagte der Energieexperte vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), Klaus Matthies. "Ich sehe in dem heutigen Vorfall nichts Dramatisches." Matthies verwies auf andere Krisen, beispielsweise im Iran oder Irak. "Da fehlten bis zu drei Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Bei der Ölleitung durch Weißrussland geht es dagegen um rund 500.000 Barrel Öl, der Lieferausfall lässt sich leicht kompensieren."
Ähnlich äußerte sich die DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert; sie warnte vor "Panikmache". "Der Winter ist derzeit sehr mild, es wird nur wenig Öl verbraucht", erklärte sie. Der Markt sei deshalb noch entspannt.
Der Ölpreis hat sich kaum geändert
Diverse Ölkonzerne hatten zuvor angekündigt, sie rechneten wegen der Lieferunterbrechung durch die Pipeline "Druschba" nicht mit Engpässen. Am Spotmarkt in Rotterdam stieg der Preis für ein Barrel Rohöl der Marke Brent nur leicht: Im Vergleich zu gestern betrug das Plus rund einen Dollar. "Das ist nicht signifikant", sagte ein Sprecher von BP Deutschland. Ob sich langfristig Auswirkungen für die deutschen Autofahrer ergeben, werde sich erst noch zeigen.
Auch Heino Elfert vom EID äußerte sich vorsichtig. "Wir haben es mit keinem weltweiten Szenario zu tun, sondern nur mit einem regionalen", sagte er. Der Ölpreis werde sich deshalb höchstens marginal ändern. "Es besteht überhaupt kein Grund zur Panik."
Deutschland importierte nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes im Jahr 2005 insgesamt 112,2 Millionen Tonnen Rohöl. Davon kamen 38,3 Millionen Tonnen aus Russland, von denen wiederum 23,4 Millionen Tonnen über die weißrussische Pipeline "Druschba" flossen.
kaz/wal
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