Wirtschaft



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26.01.2007
 

Industrie 2067

Opa baut jetzt Mikrochips

Frühverrentung, Altersarmut, Arbeitslosigkeit: All das kennt Deutschland 2067 nicht mehr. Wenn wir ein paar Weichen richtig stellen, werden wir zu den Gewinnern der Globalisierung zählen – mit ganz neuen Freiheiten, sagt Porsche-Berater Eberhard Weiblen.

Vor der Wohnanlage am Rande des – sagen wir einmal – Ruhrgebietsstädtchens Bochum haben es sich Rentner auf den Bänken im Schatten der Bäume gemütlich gemacht. Die Hände auf den Gehstock gestützt, fachsimpeln sie über das Fernsehprogramm und das Wetter. Der Sommer 2067 bringt schon wieder Hitzerekorde.

Die gleißende Sonne spiegelt sich in der Fassade des nahen Einkaufszentrums – eines Konsumtempels für ältere Menschen, der für den Bedarf seiner betagten Kunden alles bietet: von der Gehhilfe über die Rheumadecke bis zu spezieller Nahrung mit Proteinen für brüchige Knochen und Aufbaustoffen fürs Gehirn. Seit das Senioren-Kaufhaus vor einigen Jahren von einem chinesischen Handelskonzern eröffnet wurde, ist wieder Leben im Viertel. Eine Zeitlang hatte das alte Industriegebäude als Indoor-Spielhalle für Kinder gedient (wegen der gefährlichen Ozonstrahlung auch im Sommer). Doch danach hatte sie mangels Nachfrage jahrelang leer gestanden. Die über 100-Jährigen erinnern sich noch daran, dass dort in grauer Vorzeit mal Autos produziert wurden.

Reinraum für die Chipproduktion: Wer immer 2067 eine Hightech-Fabrik bauen will - Deutschland muss sie liefern, das ist unsere Zukunft
DDP

Reinraum für die Chipproduktion: Wer immer 2067 eine Hightech-Fabrik bauen will - Deutschland muss sie liefern, das ist unsere Zukunft

Das chinesische Unternehmen stellt sich seiner sozialen Verantwortung und subventioniert die benachbarte Senioren-Wohnanlage. Die Ruheständler können froh sein, denn ohne diesen steten Geldzufluss wären die Wohnkosten für sie so hoch, dass sie die Miete mit ihrer schmalen Rente kaum bezahlen könnten. Längst hat die Stadt ihre finanzielle Unterstützung eingestellt. In Bochum, mit weniger als 100.000 Einwohnern auf knapp ein Viertel seiner einstigen Größe geschrumpft, haben nur einige kleine Handwerksbetriebe den Wirtschaftswandel überlebt – wegen zu geringen Steueraufkommens musste der Staat die meisten Sozialausgaben im Laufe der Jahre streichen.

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Diese Momentaufnahme aus der Ruhrgebiets-Kommune im Jahr 2067 ist natürlich Fiktion. Schenkt man jedoch diversen populistischen Szenarien Glauben, wie sie heute in Büchern oder im Fernsehen ausgebreitet werden, dann sieht es in 60 Jahren in ganz Deutschland so aus: Die Einwohnerzahl sinkt, das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt, und die produktiven Arbeitsplätze werden mehr und mehr ins Ausland verlagert.

Deutschland, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts berühmt für seine Wohlstandsgesellschaft, wird demnach im Verlauf des 21. Jahrhunderts einen beispiellosen Niedergang erleben. Im „ökonomischen Weltkrieg“ um die Verteilung des Wohlstands ist es hilflos gegenüber aufstrebenden Staaten wie China, Indien oder Brasilien.

Möglich, dass die Schwarzseher Recht behalten. Doch so zwangsläufig ist die Entwicklung keineswegs vorgezeichnet – jedenfalls nicht, solange wir heute die richtigen Fragen stellen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Zugegeben - einigen ernüchternden Tatsachen werden wir uns stellen müssen. Produktionsabläufe in der traditionellen Massenfertigung, die mit einfacher Hand- oder Maschinenarbeit verbunden sind, werden entweder automatisiert oder in so genannte Billiglohn-Länder verlagert. Diese Entwicklung ist unumkehrbar, denn auf diesem Gebiet sind wir gegenüber anderen Wirtschaftsregionen im globalen Wettbewerb tatsächlich chancenlos.

Unternehmen jedoch, die sich auf ihre Stärken besinnen, werden im globalen Wettbewerb gegen die konkurrierenden Billigstandorte bestehen. Wenn Billiglohn-Länder Hemden herstellen wollen, dann müssen wir ihnen eben die Nähmaschinen dazu liefern. Steigt ihr Energiebedarf, sollten wir es sein, die ihnen die modernen Kraftwerke bauen oder die Raffinerien planen. Und wenn sie billige Autos produzieren, müssen wir dafür Sorge tragen, dass Automobile "made in Germany" qualitativ besser, technisch innovativer und vom Design her ansprechender sind – damit sie begehrenswert bleiben und die Kunden weltweit weiter bereit sind, einen höheren Preis dafür zu bezahlen.

Auslagern - aber die Kontrolle behalten

Deutsche Unternehmen werden sich zunehmend auf anspruchsvolle Service-Angebote konzentrieren: zum Beispiel bei der Management- und IT-Beratung, bei Ingenieursdienstleistung und in der Medizin. Sie werden besonders auf die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb besonders hochwertiger Produkte, Investitionsgüter und chemischer Erzeugnisse setzen - von Fahrzeugen und Werkzeugmaschinen über medizinische Geräte und neue Werkstoffe bis hin zu Arzneimitteln.

Dabei kommt nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern vor allem der Produktion eine große Bedeutung zu. Sie wird immer mehr zu einem Management weit verzweigter Wertschöpfungsketten, bei dem ein hoch komplexes Zulieferer-Netzwerk professionell koordiniert werden muss.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt das Beispiel Porsche. Im Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen findet nur ein Fünftel der Fertigung eines Neuwagens statt. Darunter fallen alle aber entscheidenden Tätigkeiten wie Motorenproduktion, Montage und Qualitätssicherung; dazu kommen Entwicklung, Design, Marketing und Vertrieb. Doch der größte Teil der Fertigungsleistung wird von externen Zulieferern erbracht (bei Porsche überwiegend deutschen) – so kann „made in Germany“ in Zukunft aussehen.

Das Beispiel zeigt: In einem immer komplexeren Geflecht aus Entwicklungs- und Fertigungspartnern, aus System-Zulieferern und deren Sublieferanten muss die Wertschöpfung optimal gesteuert werden. Dabei zählen nicht nur Effizienz und Qualität, sondern zunehmend auch Schnelligkeit und Flexibilität, um rasch auf Veränderungen der Nachfrage reagieren zu können. Die größte Herausforderung ist, durch die Kontrolle aller Abläufe und ein Schnittstellen-Management die Hoheit über die gesamte Produktion zu behalten.

Bildung, Bildung und nochmals Bildung

In Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten geht der Trend schon jetzt dahin, innovative Industrie- und Dienstleistungsprodukte zu entwickeln, die dem Kunden einen nachvollziehbaren Mehrwert gegenüber Billigkonkurrenz aus Niedriglohn-Ländern bieten. Dafür lassen sich dann auf den Weltmärkten nach wie vor Premium-Preise durchsetzen, die den Unternehmen trotz der relativ hohen Produktionskosten weiter vernünftige Margen und Profitabilität garantieren.

Und warum sollen deutsche Unternehmen in sechzig Jahren nicht Vorreiter im Gesundheitswesen sein, als Hersteller von medizinischen Geräten ebenso wie als Anbieter von ärztlicher Behandlung? Deutsche Firmen könnten auch eine starke Marktposition bei der Entwicklung und Installation von effizienten, integrierten Verkehrsystemen einnehmen, die in zahlreichen Millionenmetropolen der Welt den täglichen Verkehrsinfarkt verhindern. Oder sie könnten die unangefochtene Weltmarktführerschaft bei Umwelttechniken errungen haben, mit deren Hilfe Länder wie China, Indien oder Brasilien die immensen Umweltschäden, die dort infolge der rapiden Industrialisierung entstanden sind, wieder beheben.

Dieses Szenario wird sich allerdings nur dann zu einer realisierbaren Zukunftsvision verdichten, wenn eine wesentliche Grundvoraussetzung erfüllt ist: Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Eine vorbehaltlose Förderung von Kindergärten, Schulen und Universitäten, von betrieblicher Aus- und Weiterbildung, Grundlagenforschung und wissenschaftlicher Lehre – das ist die zentrale Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte. Um komplexe Wertschöpfungsprozesse zu steuern, um wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln und herzustellen, sind hoch qualifizierte Mitarbeiter unerlässlich.

Nur mit hervorragend ausgebildeten Facharbeitern, Ingenieuren, Managern und Wissenschaftlern wird es dem amtierenden Exportweltmeister Deutschland gelingen, seine Spitzenposition im globalen Wettbewerb zu sichern.

Diese Entwicklung ist unter dem Strich kein Nullsummenspiel, in dem die einen verlieren, was die anderen gewinnen. Sie ist vielmehr die Folge der fortschreitenden internationalen Arbeitsteilung - der zunehmenden Verflechtung von Unternehmen und der Entstehung von Produktionsverbünden über Firmen- und Ländergrenzen hinweg.

Davon könnten am Ende alle Wirtschaftsstandorte gleichermaßen profitieren. So gesehen verliert die häufig kritisierte Globalisierung ihren Schrecken. Man muss sie nur politisch vernünftig gestalten – dann wird sie zur positiven Vision.

Ruhestand keine Frage des Alters mehr

Wohl auch für unsere Kinder, die jetzt noch zur Schule gehen. Sie können im Jahr 2067 selbst entscheiden, ob sie mit 55 oder mit 70 in Rente gehen – weil die Wertschöpfung ihrer Arbeit bis dahin so hoch gewesen sein könnte, dass sie die Freiheit haben, sich auch ohne staatliche Rentenanstalt zur Ruhe zu setzen. Sie können aber auch viel länger beruflich aktiv sein. Wahrscheinlich sitzen 2067 viele 67-Jährige noch in der Arbeit am Computer und begutachten den Entwurf eines Mikroprozessors, den der Kollege in Indien über Nacht per E-Mail geschickt hat – für die Entwicklung eines neuen Multimediageräts in Taschenformat, das demnächst in Vietnam produziert wird.

Vielleicht werden sie auch noch mit 72 im eigenen Designstudio arbeiten und die letzten Skizzen für ein neues Stadtauto mit abgasfreiem Antrieb fertig stellen. Oder mit 70 am Monitor die hoch automatisierte Produktion von Robotern überwachen – sofern sie es wollen.

Wenn wir dieser Vision konsequent folgen, könnte es 2067 in Deutschland genug Arbeit für alle geben – zumindest für alle, die qualifiziert sind. Und von Altersarmut braucht 2067 möglicherweise auch niemand mehr zu sprechen. Eher vielleicht vom nächsten Urlaub am Sonnenstrand. Oder besser noch von Wellness-Ferien im gerade eröffneten Komforthotel in der Mark Brandenburg, wo jede Woche mit medizinischen Bädern, Massagen und Gymnastik wie ein Jungbrunnen ist. Und draußen scheint die Sonne, fast jeden Tag.

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