Wirtschaft



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20.01.2007
 

Krisenmanagement

"Eine Stilllegung der Bahn war nicht notwendig"

Schlechte Beratung , falsche Anzeigetafeln: Für ihr Sturm-Krisenmanagement muss die Bahn Schelte von Politikern und Fahrgast-Vertretern einstecken. Immer noch fahren nicht alle Züge plangemäß. Ein privater Konkurrent bezweifelt, ob die Stilllegung des Verkehrs sinnvoll war.

Hannover - Der Stopp des Zugverkehrs wegen des Sturms sei richtig gewesen - die Information der Kunden hinterher aber "katastrophal und stümperhaft" gelaufen – dieser Meinung ist der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann.

Bahn-Fahrgast am Freitag: Welle von Beschwerden erwartet
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DPA

Bahn-Fahrgast am Freitag: Welle von Beschwerden erwartet

Auch der Fahrgastverband "Pro Bahn" schließt sich der Meinung an: "Es gab offensichtlich keinen ausreichenden Notfallplan", sagte der Verbandsvorsitzende Karl-Peter Naumann der "Neuen Presse" in Hannover. Reisende seien während des Sturms nicht ausreichend über Verspätungen und gestrichene Zugverbindungen informiert worden. Auf Anzeigentafeln in Hauptbahnhöfen seien lange Zeit noch Verbindungen angezeigt worden, die längst gestrichen gewesen seien. Der Fahrgastverband rechnet mit einer regelrechten Welle von Beschwerden bei der sogenannten "Schlichtungsstelle Mobilität".

"Eine Stilllegung der Bahn war vor allem im Regionalverkehr überhaupt nicht notwendig", sagte dagegen Johannes Kruszynski, Vorstand der AKN-Bahn, dem SPIEGEL. Die AKN fuhr in Schleswig-Holstein planmäßig, nachdem die Strecken "abgesucht und gesichert" worden seien, wie Kruszynski sagte.

Auch die Sturmschäden am Berliner Hauptbahnhof rufen Kritik hervor. Der Grünen-Politiker Hermann sagte: "Man muss fragen, ob es nicht durch hemdsärmlige Einsparungen beim Bau des Hauptbahnhofes zu Mängeln gekommen ist." An dem Bahnhof hatten sich in der Sturmnacht zwei tonnenschwere Stahlträger losgerissen, einer davon war auf die Freitreppe gefallen.

In Berlin sprach sich unterdessen die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), für die Suche nach möglichen Fehlern in der Fassadenkonstruktion des Hauptbahnhofs aus. „Ich gehe davon aus, dass bei der Planung, beim Bau und beider Prüfung alle verantwortlich gehandelt haben. Dann darf so etwas aber eigentlich nicht passieren“, sagte die Politikerin, deren Behörde den zuständigen Prüfingenieur bestellt hatte, dem SPIEGEL.

Verteidigt wird die Bahn von der Union: Unions-Fraktionsvize Hans-Peter Friedrich sagte dem Blatt, Warn- und Krisenpläne hätten funktioniert, auch bei den Verkehrsunternehmen: "Für die Sicherheit muss im Zusammenhang mit Naturkatastrophen alles getan werden, dass gleichzeitig die alltäglichen Abläufe nach Fahrplan funktionieren, kann keiner erwarten."

Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verteidigte die Entscheidung der Bahn, den gesamten Zugverkehr während des Sturmes aus Sicherheitsgründen einzustellen. Die Bevölkerung habe es gut verstanden, dass es richtig gewesen sei, Züge nicht fahren zu lassen, sagte er der "Welt". "Mit großer Ruhe haben die Menschen die Verspätungen und Verzögerungen über sich ergehen lassen", sagte der Minister.

Bahnkunden können sich noch um Entschädigung bemühen

Auch am zweiten Tag nach dem Orkan gab es unter anderem in Nordrhein-Westfalen starke Beeinträchtigungen im Bahnverkehr. Betroffen waren Fernverkehr und Regionalverkehr. Im Zentrum des Ruhrgebiets fuhr am Samstag nach wie vor kein Zug. "Den Fahrplan können wir total vergessen", sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn AG. In manchen Teilen des Landes sei erst Montagmittag wieder mit einer Normalisierung des Bahnbetriebs zu rechnen. Grund für das Verkehrschaos waren anhaltende Aufräumarbeiten sowie weiter herabfallende Äste und umstürzende Bäume. "Alles verfügbare Gerät und alle Reparatur-Trupps sind im Einsatz", sagte der Sprecher.

Die Strecke Essen-Duisburg solle am Samstagmittag gegen 14 Uhr wieder in Betrieb gehen, die Strecke Essen-Dortmund gegen 20 Uhr. Von den nordrhein-westfälischen S- Bahnen waren am Samstag lediglich vier Linien voll in Betrieb - alle anderen ruhten oder wurden nur teilweise befahren. Die Hauptstrecke Köln-Düsseldorf ist nach Angaben des Bahnsprechers seit dem frühen Samstagmorgen wieder passierbar. Auch die Strecke Dortmund-Köln via Wuppertal war befahrbar. Die Strecken Venlo-Viersen, Krefeld-Viersen und Köln-Dormagen- Neuss-Krefeld sind voraussichtlich bis Montag unbefahrbar.

Auf manchen Strecken im Sauerland lägen so viele Bäume, dass die Räumung auch noch länger als bis Montag dauern könnte. Die für den deutsch- niederländischen Bahnverkehr wichtige Strecke Emmerich-Oberhausen war am Samstag wieder frei. Insgesamt hat die Bahn in Nordrhein-Westfalen ein 4500 Kilometer langes Streckennetz. (Kostenlose Sonder-Hotline der Deutschen Bahn: (08000) 99 66 33)

Nach den massiven Störungen und Zugausfällen können sich Fahrgäste auch jetzt noch um Entschädigung bemühen. "Wer sich nicht sofort bei uns gemeldet hat, kann es nun noch tun", sagte ein Sprecher der Bahn. "Wir werden uns jeden Einzelfall anschauen und prüfen." Vermutlich können die Betroffenen auf Reisegutscheine hoffen. "In Einzelfällen werden wir aber vielleicht auch die Hotel- und Taxikosten erstatten."

Wie viele Bahnreisende von den Störungen betroffen waren, ist noch unklar. Nach Angaben der Bahn haben Fahrgäste zwar keinen Anspruch auf Entschädigung, können aber auf Kulanz hoffen. Ein Orkan sei eindeutig ein Fall von höherer Gewalt.

Die Kundencharta für den Fernverkehr des bundeseigenen Konzerns sieht einen Rechtsanspruch auf Erstattung nur bei Störungen vor, die das Unternehmen selbst zu verantworten hat wie etwa einen technischen Defekt. Dann gibt es 20 Prozent des Preises zurück, wenn das Ziel mehr als eine Stunde zu spät erreicht wird.

itz/dpa/Reuters/ddp

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