Von Wolfgang Kaden
Wir sollten dem Establishment in Wolfsburg dankbar sein für so viel Transparenz. Die Macht über Deutschlands zweitgrößten Autokonzern wird derzeit neu verteilt. Und das geschieht nicht heimlich, hinter verschlossenen Türen, sondern in aller Offenheit und Öffentlichkeit.
Die IG Metall und Ferdinand Piëch - Hand in Hand. Wieder mal. "Warum nicht?", antwortete Piëch auf die Journalistenfrage, ob er auch nach seinem 70. Geburtstag im Aufsichtsrat verbleiben will. Und Bernd Osterloh, der Betriebsratschef und oberste Wolfsburger IG-Metaller, ergänzte wie bestellt: Piëch könne im Aufsichtsrat mit den Stimmen der Arbeitnehmervertreter rechnen, wenn er wieder Vorsitzender werden wolle.
Corporate Governance, made in Germany. Es ist ja in deutschen Unternehmen üblich, dass Vorstände munter ihre Deals mit der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat machen, zu Lasten der Aktionäre. Nie zuvor aber ist das Institut der paritätischen Mitbestimmung derart missbraucht worden wie derzeit in Wolfsburg.
Ein Bündnis, in dem es allein um Machterhalt geht
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende, amtierende Aufsichtsratschef und neue Mehrheitsgesellschafter Piëch in wechselseitiger Korrumpierung verbunden mit den lokalen und nationalen Größen der IG Metall - ein Bündnis, in dem es allen Beteiligten allein um Machterhalt geht und mit dem alle Grundsätze der Unternehmenskontrolle verhöhnt werden.
Man fasst es nicht, wenn man Osterloh und Piëch fröhlich plaudernd über die Detroiter Automesse schlendern sieht (wo beide nichts zu suchen haben). War da nicht was? Gibt es nicht eine Affäre, in der ein Topmanager von Volkswagen
Sonderboni von fast zwei Millionen Euro an den Betriebsratschef gezahlt und die Rechnungen für Prostituierte sowie die Freundin beglichen hat?
Eine Affäre, in deren Umfeld sich die beiden Herren tummeln -schließlich war Osterloh jahrelang Stellvertreter des allgewaltigen Klaus Volkert. Da ist es nur schwer vorstellbar, dass er nicht das eine oder andere gesehen und gehört hat - was er allerdings bestreitet. Dass Piëch - so behauptet er es stets - ganz ohne Kenntnis dessen war, wie der Personalchef Hartz den Betriebsrat und seinen Chef verwöhnte, ist zumindest verwunderlich.
Dass jener Piëch im kommenden April mit den Stimmen eben jener IG Metall - allen bisherigen Abreden mit anderen Anteilseignern zum Trotz - erneut zum AR-Chef berufen werden soll, ist daher wahrlich ein Stück aus dem Mitbestimmungs-Tollhaus. Bei dieser unheilvollen Koalition - unter dem Patronat von IG-Metall-Vorsteher und stellvertretendem VW-AR-Chef Jürgen Peters - werden alle Regeln einer Zivilgesellschaft außer Kraft gesetzt, mit denen diese Fehlverhalten von Institutionen und Personen gemeinhin sanktioniert.
Seit der Aufdeckung der Machenschaften bei der Neuen Heimat hat es keinen so schlagkräftigen Beleg mehr für die moralische Verkommenheit der Gewerkschaften gegeben.
Peters und Osterloh wissen doch, wer der Mann ist, dessen Macht sie nun betonieren. Einer, der überall, wo er regierte, Angst verbreitete. Einer, für den permanent Kriegszustand herrscht, soll heißen: für den es keine Normen gibt. Einer, der gegenüber dem SPIEGEL einmal über sich selbst sagte: "Ich wurde als Hausschwein aufgezogen und muss als Wildschwein leben."
Wie Piëch die Gunst der Gewerkschaft gewann
Das herzliche Einvernehmen zwischen Piëch und der IG Metall hat eine lange Tradition. Nur weil die Gewerkschaft 1993 in letzter Minute von dem VW-Vorstand Daniel Goeudevert abgerückt war, wurde der damalige Audi-Chef Piëch Herrscher in Wolfsburg. Piëch hatte die Gunst der Gewerkschaft gewonnen, weil er ihr, anders als sein Vorgänger Carl Hahn, einen sanften Sanierungskurs versprach. Was dann kam, war die 28-Stunden-Woche, für die das Unternehmen teuer bezahlte. Die Differenz zu den Sanierungsplänen des abgelösten Managements bezifferten Experten auf rund eine Milliarde Mark jährlich.
Jetzt weist die Konstellation verblüffende Ähnlichkeit auf. Noch immer leidet der Konzern unter einem Produktivitätsrückstand. Vorstandschef Bernd Pischetsrieder und VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard hatten sich darangemacht, den Abstand zu den Wettbewerbern zu verkleinern. Verständlich, dass die IG Metall keine Einwände hatte, als Piëch sich anschickte, Pischetsrieder abzuservieren. Verständlich auch, dass sie jetzt einer Umorganisation zustimmte, bei der Bernhard seinen Job als Markenvorstand verlor; der ruppige Sanierer hatte sich nie in den Wolfsburger Klüngel eingefügt.
Dass es so kommen musste, wie es jetzt kam, hatten Kundige schon Ende 2005 geahnt, als der Nachfolger des Personalvorstands Peter Hartz bestimmt wurde. Damals überrumpelte AR-Chef Piëch seine Kollegen von der Kapitalseite und stimmte zur allgemeinen Verblüffung für Horst Neumann, den Kandidaten der Gewerkschaft. Ein hierzulande einmaliger Regelbruch, mit dem Piëch Bonuspunkte bei der IG Metall sammelte.
Schwache Störenfriede
Im April, bei der turnusmäßig anstehenden Wahl des Aufsichtsratschefs, wird das Werk nun vollendet. VW bleibt in der Hand von Ferdinand Piëch und der IG Metall. Mit dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn als "Vasall" des AR-Chefs, "über den Piëch nun direkten Durchgriff auf alle Marken hat", wie die "FAZ" vermerkte. Die Unternehmenskontrolle ist in dieser Konstellation suspendiert, denn Ferdinand Piëch, Bernd Osterloh und Jürgen Peters müssen sich ja nicht selbst überwachen.
Gibt es, aus Piëchs Sicht, noch Störenfriede? Wohl kaum. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, Repräsentant des zweitgrößten Aktionärs, scheint angesichts der Brutalität, mit der Piëch sich durchsetzt, resigniert zu haben.
Die übrigen Räte der Kapitalseite sind entweder zu schwach, oder sie sind Lieferanten des Konzerns, wie Siemens-Mann Heinrich von Pierer. Die werden sich hüten, in Wolfsburg durch Widerworte aufzufallen.
Bleibt Wendelin Wiedeking, der Mann des neuen Mehrheitsaktionärs Porsche. Der wortgewaltige Westfale wirkt derzeit in Sachen Volkswagen ziemlich kleinlaut. Im September hatte er schon Mühe zu erklären, warum er plötzlich der Ablösung des Kollegen Pischetsrieder zugestimmt hat, nachdem er vier Monate vorher noch die Vertragsverlängerung gebilligt hatte.
Kontrolleure in der Verwandtschaft
Wiedeking hatte sich Hoffnung gemacht, selbst den Aufsichtsratsvorsitz zu ergattern und endlich in lichtere Höhen des Managements katapultiert zu werden. Nun muss er der Macht des Kapitals weichen. Sein Gesellschafter Piëch hat natürlich Vortritt.
Bremsen können Piëch nach derzeitigem Stand nur die Mitglieder der eigenen Großfamilie. Schließlich gehört ihm Porsche nicht allein; er gebietet über 13 Prozent der Aktien. Das ist, am Ende, das Tröstliche an dem Wolfsburger Monopoly: Piëch & Familie spielen mit hohem Kapitaleinsatz; knapp vier Milliarden Euro dürften die 29,9 Prozent an Volkswagen schließlich kosten, Porsche hat den Löwenanteil davon bereits gekauft. Die Fehler, die Piëch zukünftig in Wolfsburg macht, beschädigen daher unmittelbar die Depots der Clan-Mitglieder.
Es wird spannend sein zu beobachten, wie lange es die übrigen Mitglieder der Sippe hinnehmen, dass der bei ihnen nicht sonderlich beliebte Ferdinand sich mit der Macht ihres Gelds seine persönliche Herrschaft in Wolfsburg sichert.
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