Von Marc Pitzke, New York
New York - Sie saß im Freien, souverän wie immer, im Parka, Pelzkragen und Handschuhen vor der Winterkulisse von Davos. Maria Bartiromo, Star des Wirtschaftssenders CNBC, ließ sich nichts anmerken, als sie am Freitag vom Weltwirtschaftsforum berichtete. Erst bewarf sie Intel-CEO Craig Barrett mit Softball-Fragen, später dann Microsoft-Chef Bill Gates. "Nächste Woche", gurrte sie, Atemnebel vor dem Mund, "wird eine große Tech-Woche."
Was sie verschwieg: Auch für Bartiromo, 39, dürfte es eine entscheidende Woche werden. Denn die Vorzeigefrau des US-Businesskanals ist tief in einen Spesenskandal verstrickt, der im Dämmerreich zwischen Klatsch und Klüngel begann, mittlerweile aber einen Top-Manager des Finanzriesen Citigroup den Job gekostet hat. Prompt kreisen die Aasgeier: Muss die Frau, die den Börsenbericht zum Glamour-Event machte, vielleicht auch dran glauben?
Eins steht fest: "Money Honey" (ihr Spitzname, den sie sich kürzlich selbst als Markenzeichen hat schützen lassen) steckt in der Honigfalle - schuldig oder schuldlos. "Ich stelle die harten Fragen auf zivilisierte Weise", sagte sie einmal. Jetzt ist sie es, die sich harte Fragen stellen lassen muss - und zivilisiert geht das nicht zu.
Dinner-Date im Nobelrestaurant
Das Drama gärt intern schon lange, kochte jedoch mit einer Spesenabrechnung über, die Todd Thomson, Chef der Citigroup-Vermögensverwaltung, seinem CEO "Chuck" Prince vorlegte. Darin hatte Thomson rund 50.000 Dollar für den Einsatz des Firmenjets verbucht, für einen Flug von Peking nach New York im November. Sologast an Bord: Maria Bartiromo.
Die "bekannteste Wirtschaftsjournalistin der Welt" ("Financial Times") hatte vor Citigroup-Kunden in Hongkong und Shanghai Vorträge gehalten, als Werbeaktion für den Sender. Auf dem Rückweg, so lancierten Informanten an die US-Presse, habe Thomson sie zum First-Class-Flug zu sich gebeten - derweil sich der Rest des Citigroup-Teams um andere Transportmittel habe bemühen müssen. Zwar versichert CNBC, Bartiromos Hitchhiking abgesegnet und Citigroup dafür 4000 Dollar überwiesen zu haben (den Preis eines Linienflugs erster Klasse). Doch Prince stieß die Sache sauer auf.
Schließlich war dies nicht das erste Mal, dass der Powerbanker und das "Econobabe" Schlagzeilen machen. Dem Duo wird sogar nachgesagt, so der Klatsch-Blog "Jossip", "eine private Romanze zu unterhalten". Thomson, 45, ist verheiratet, Bartiromo ebenso. Losgetreten wurden die Gerüchte, als sich die zwei beim Dinner-Date im New Yorker Nobelrestaurant "Daniel" ertappen ließen - von Citigroup-Kollegen. Woraufhin Thomson angewiesen worden sein soll, den "Kontakt zu reduzieren".
"Geschäftsfördernde Maßnahme"
"Kontakte" zwischen Wirtschaftsreportern und Top-Managern sind immer ein brenzlige Affäre, seien sie romantisch oder nicht. US-Journalisten ist es meist untersagt, Geschenke oder Einladungen anzunehmen. CNBC-Mitarbeiter dürfen überdies keine Aktien an Unternehmen besitzen, mit denen sie befasst sind. Selbst Freundschaften werden missbilligt, sind oft aber unvermeidbar auf der Jagd nach dem nächsten Exklusivknüller. Wobei sich bei Bartiromo, so die "Washington Post", die Frage stelle, "wie nahe sie den Companys gekommen ist, über die sie berichtet, und ob sie nicht mehr eine Prominentenjournalistin ist als das Wall-Street-Arbeitspferd ihrer frühen Jahre".
Da schwingt Neid mit. Doch die Citigroup-Spitze argwöhnte angeblich schon lange, dass Thomson Bartiromo Konzerninterna zustecke, wenn nicht mehr. Seit 2004 hat Bartiromo rund ein Dutzend CNBC-Berichte über Citigroup gesendet, darunter vier Interviews mit Thomson. Vor drei Jahren meldete sie als Erste den Abtritt von Prince-Vorgänger Sandy Weill.
Doch die Sache mit den Spesen ging zu weit. Das "Wall Street Journal" meldete, Bartiromo habe "mehrmals" den Citi-Jet genommen, auch für den Rückflug vom letzten Davos-Gipfel. Nur einmal habe ein Citigroup-Manager sich gegen einen Trip gesperrt, als Thomson Bartiromo auf eine Skihütte nach Montana habe einfliegen wollen - als "geschäftsfördernde Maßnahme".
Werbevertrag mit Valentino
Nach der Peking-Panne, so berichten Insider, sei Thomson in punkto Bartiromo erneut abgemahnt worden. Doch sechs Wochen später verpflichtete er Citigroup als Sponsor für eine TV-Sendung über das Filmfestival in Sundance. Avisierte Co-Moderatorin: Maria Bartiromo. Kosten für den Konzern: fünf Millionen Dollar.
Da platzte Prince der Kragen. Thomson wurde fristlos gefeuert. Zumal sich inzwischen auch der größte Einzelaktionär von Citigroup, der saudische Prinz Walid Ibn Talal, irritiert über die Spesenfrage beklagt und "drakonische" Sparmaßnahmen gefordert hat. Thomsons verschwenderischer Geschmack war dabei wohl kaum förderlich: Sein Luxusbüro im 50. Stock am Central Park nannten sie das "Todd Mahal".
Bartimoro wurde in den neunziger Jahren zum Instant-Star, als sie, von CNN zu CNBC gewechselt hatte, als erste überhaupt live vom Börsenparkett berichtete und das Aktiengeschäft so Millionen Laien zugänglich machte. Sie moderiert die tägliche Sendung "Closing Bell", hat zwei Fachbücher verfasst, schreibt eine Kolumne für "Business Week" und hat einen TV-Werbevertrag mit Valentino.
Ethische Fragwürdigkeiten sind ihr freilich nicht fremd. Im Juli 2004 interviewte sie den damaligen Citigroup-Chef Sandy Weill - und enthüllte dabei ganz beiläufig, dass sie selbst 1000 Citigroup-Aktien besitze. Daraufhin erließ CNBC neue Regeln gegen den Aktienbesitz seiner Reporter.
Im Mai 2006 dann brachte Bartiromo den US-Notenbankchef Ben Bernanke in Verlegenheit. Dem hatte sie bei der Korrespondentengala des Weißen Hauses eine dumme Bemerkung entlockt: Er sei von Investoren missverstanden worden, was seine früheren Bemerkungen zur Leitzinspolitik betraf. Zinserhöhung nicht ausgeschlossen. Obwohl die Veranstaltung als vertraulich gilt, posaunte sie das zwei Tage später über CNBC aus - 45 Minuten vor Börsenschluss. Der Dow Jones stürzte ab, und Bernanke entschuldigte sich vor dem Kongress für sein loses Mundwerk.
Abgang zu Fox News?
Nach außen hin scheint CNBC zu seinem Aushängeschild zu stehen - wiewohl in gestelzt-distanzierter Sprache. Bartiromo sei "einer der produktivsten und respektiertesten Finanzjournalisten in der Branche", erklärte der Sender. "Ihre Berichte sprechen für sich."
Bartiromo ist der größte Aktivposten für CNBC; sie an die Konkurrenz zu verlieren wäre fatal. Voriges Jahr trat sie laut CNBC 46-mal auf Werbeveranstaltungen für den Sender auf. Was vor allem jetzt wichtig ist, da die NBC-Tochter zum Jahresende in den USA einen Rivalen bekommt: Bis dahin will Medienmogul Rupert Murdoch bekanntlich einen eigenen Wirtschaftskanal flott machen, und zwar über seinen Kabelkonzern Fox News, dessen Chef Roger Ailes ein alter Freund von Bartiromo ist.
Übrigens: Rupert Murdoch war auch in Davos.
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