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06.02.2007
 

Rausch am Rio Juma

Tausende Brasilianer drängen zum Gold-Fluss im Regenwald

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

Goldfund im Amazonasgebiet: Mehr als 6000 Brasilianer haben alles stehen und liegen gelassen, um in Apuí am Rio Juma Glück und Reichtum zu suchen. Doch mit den Edelmetall kamen Kriminalität, Chaos, Krankheiten - und die Huren.

Rio de Janeiro - Vor über einem Jahr zogen vier bettelarme Landarbeiter in den Urwald bei Apuí - einem gottverlassenen Nest 460 Kilometer südwestlich von Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Amazonas. Neguinho, Paulo, Agenor und Tibúrcio rodeten den Urwald am Rio Juma. Sie wollten eine kleine Farm errichten und Rinder züchten. Schlachtvieh ist fast das einzige, womit sich im Amazonasgebiet Geld verdienen lässt.

Als sie im Flusssand herumstocherten, glitzerten ein paar Nuggets zwischen den Steinen. Die vier schworen, nichts von ihrem Fund zu verraten. Monatelang schürften sie heimlich, und sie wären wohl reich geworden, hätten sie sich nicht verplappert: "Ich schwimme in Gold!", prahlte einer der vier Ende Dezember in einer Bar in Apuí.

Das war der Signalruf für den größten Goldrausch im Amazonasgebiet seit dem legendären Run auf die Serra Pelada im benachbarten Bundesstaat Pará. Dort hatten Mitte der achtziger Jahre über 20.000 "Garimpeiros" (wie die Goldsucher genannt werden) ein riesiges Loch in den Urwald gebuddelt. Der brasilianische Starfotograf Sebastiao Salgado verhalf dem menschlichen Ameisenhaufen mit seinen archaisch anmutenden Bildern zu weltweiter Berühmtheit.

Bisher 1,5 Tonnen Gold gefunden

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Jetzt strömen wieder Abenteurer und Glücksritter aus dem ganzen Land an den Amazonas. Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht vom Goldfund verbreitet. Mehr als 6000 Garimpeiros schürfen schon im "Eldorado de Juma", wie die Fundstätte genannt wird. Täglich werden es mehr. Bis zu 1,5 Tonnen Gold sollen sie schon aus dem Fluss gewaschen haben. Aber genau weiß das keiner.

Als erstes kamen die Leute aus dem 80 Kilometer entfernten Apuí. Im Sägewerk Incopol, dem größten Holzunternehmen dort, blieben plötzlich die Arbeiter weg – sie setzten sich lieber in den Urwald zum Goldschürfen ab. Den Rinderzüchtern liefen die Kuhhirten fort. Auf den Baustellen fehlten bald Maurer und Klempner. Selbst der stellvertretende Bürgermeister, Aminadal de Souza, ließ seine Amtsstube im Stich und folgte dem Lockruf des Goldes.

Jetzt blüht das Geschäft der Buschpiloten und Bootsbesitzer, der Händler und Huren. Am Rio Juma gilt nur eine Währung: Gold. Zwei Sandwiches kosten ein Gramm, was etwa 35 Real (13 Euro) entspricht, eine Dose Cola ein halbes Gramm. Für ein Paar Fußballschuhe werden Wucherpreise bis zu 30 Gramm bezahlt. Stollenschuhe sind ideal für den sumpfigen Urwaldboden.

Wer clever ist, macht das Geschäft seines Lebens. Andréia Gobbi, Geschäftsführerin des größten Supermarkts von Apuí, entdeckte bei einem Besuch bei den Goldsuchern, dass es im Urwald vor allem an einem mangelt: Frauen. Sie tat sich mit ihrem Bruder zusammen, einem Tierarzt, heuerte 25 Mädchen aus Manaus an und eröffnete "Andressa's Nightclub". Vier Gramm kostet ein "Programm" mit den Damen in einem der 20 Zimmer. "Wir werden viel Gold verdienen", schwärmt das geschäftstüchtige Pärchen.

Nachtclub als Abwechslung zu den Plastikzelten

Für die Garimpeiros ist der Nachtclub die einzige Abwechslung. Von Sonnenaufgang bis zum letzten Tageslicht stehen sie an ihren Pumpen im Schlamm und wühlen die Erde um. Sie schlafen in Hängematten unter Verschlägen aus Plastikplanen und abgeholzten Bäumen, ein infernalischer Gestank nach menschlichen Exkrementen liegt über dem Barackenlager. Malaria und Durchfallkrankheiten grassieren. Wer nicht gewieft ist, wird ein Opfer der Pistoleiros.

Wer zuerst kommt, der ist Chef des Claims - so lautet zwar ein ungeschriebenes Gesetz unter den Goldsuchern. Aber die Besitzer der ertragreichsten Flecken werden oft mit Waffengewalt vertrieben.

Die Cleversten heuern Bodyguards an und lassen andere für sich schuften. Sie vermieten ihre Claims und kassieren die Hälfte des Ertrags. Ganz unten in der Hierarchie stehen die "Requeiros": Sie durchwühlen die Schlacke der anderen in der Hoffnung, dass der Chef des Claims ein paar Nuggets übersehen hat.

Im "Eldorado von Juma" hat derzeit vor allem ein Mann namens Zé Capeta das Sagen. Er weist stolz ein Dokument vor, das ihn als Besitzer des Grundstücks ausweist, auf dem die vier Arbeiter die ersten Nuggets fanden. Zé Capeta ist zwar Kleinbauer und kann nicht lesen und schreiben; der Kaufvertrag über das Gelände ist nicht das Papier wert, auf dem er verfasst ist. Aber er war einer der ersten am Ort und ist voraussichtlich unter den ersten, die eine offizielle Konzession zum Schürfen erhalten.

Angst vor dem Kollaps der Goldgräber-Gesellschaft

Eine solche Konzession ist im wahrsten Sinn des Wortes Gold wert. Denn die Regierung hat sich entschlossen, die Mine am Juma zu "legalisieren", um der totalen Anarchie vorzubeugen. Sie hat jetzt 88 Polizisten, Gesundheitsexperten und Ärzte nach "Eldorado de Juma" entsandt. Sie sollen Ruhe und Ordnung bringen und dem Ausbruch von Seuchen vorbeugen. Die Goldsucher sollen sich zu einer Kooperative zusammenschließen und ihre Claims registrieren lassen.

So will die Regierung dem Raubbau an der Natur Einhalt gebieten und gewalttätige Fehden unter den Goldsuchern vermeiden. Der Umweltschaden ist schon jetzt beträchtlich: Mehr als 40 Quadratkilometer Urwald haben die Garimpeiros abgeholzt. Sie schlagen immer neue Pisten in die Vegetation. Das Quecksilber, mit dem sie das Gold vom Erz trennen, verseucht die Flüsse in der Umgebung. Die Schießereien und Morde haben zugenommen, der Kollaps der Goldgräber-Gesellschaft scheint programmiert.

Zwei prominente Bürger von Apuí, die von Anfang an gegen die Goldsuche waren, sehen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: der örtliche Pfarrer, Bruder Itacir Fontana, und Apuís Bürgermeister Antonio Roque Longo.

Priester Itacir versuchte vergeblich, die Nachricht von dem Goldfund zu dementieren. Er rief bei einer landesweit sendenden Radiostation an und beschwatzte die Redakteure, alles sei nur ein Bluff. Er lehnt den Goldrausch schon aus Eigeninteresse ab. Er hat über die Hälfte seiner Gemeindemitglieder verloren. Nur Alte und Kinder kommen noch zur Messe in seine Kirche. Alle anderen haben sich in die Goldmine abgesetzt.

Bürgermeister Roque Longo ahnt, wie der Goldrausch enden wird: Die meisten Goldsucher bleiben arm. Sie bringen ihr Gold mit Schnaps und Frauen durch und fallen der Stadtverwaltung zur Last. "Die Lebensbedingungen der Garimpeiros sind unmenschlich", sagt er. "Bald haben wir ein riesiges gesellschaftliches Problem." Dann stehen die Goldsucher vor seinem Rathaus Schlange und betteln um Almosen – und das "Eldorado vom Juma" verwandelt sich in einen gigantischen Slum unter dem Urwaldhimmel.

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