Von Matthias Streitz
Hamburg - Für die Laudatio hat sich Besuch aus der Hauptstadt angesagt: Wenn heute in Frankfurt der "Plagiarius 2007" verliehen wird, spricht Justizministerin Brigitte Zypries über Produkt- und Markenpiraterie. 30 Jahre, nachdem der Designer Rido Busse die Schmähtrophäe erfunden hat, ist der "Plagiarius" in Politik und Wirtschaft bekannt. Er passt in die Zeit: Durch die Globalisierung gewinnt das Thema Produktpiraterie an Sprengkraft. Nicht nur Weltmarken von Gucci bis adidas, auch Mittelständler klagen über Raubkopien ihrer Produkte.
Ganz oben auf der Preisträgerliste stehen in diesem Jahr: eine imitierte Isolierkanne, ein nachgemachtes Notizbuch und eine kopierte Kehrmaschine (siehe Bilderstrecke oben).
Platz eins ging an eine Firma namens He Shan Jia Hie Vacuum Flask & Vessel aus dem Süden Chinas. Sie hat eine Thermoskanne auf den Markt gebracht, die dem Modell "Sophie" der Wertheimer Firma alfi bis ins Detail gleicht. Auch andere "Plagiarius"-Gewinner stammen aus China. So stellte die Firma Wuyi Zhoui eine Kehrmaschine her, die vom offenkundigen deutschen Vorbild "TopSweep 55" erst bei genauerem Hinsehen zu unterscheiden ist.
Auch Lidl steht am "Plagiarius"-Pranger
Der Blick auf Original und Fälschung mag amüsant sein - doch dahinter lauert ein wachsendes Problem. Der Schaden durch Warenpiraterie geht längst in die Milliarden. Nach Schätzungen der EU-Kommission beläuft er sich weltweit auf 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr, mit zunehmender Tendenz. Fast jedes zehnte Produkt, das auf der Welt gehandelt wird, sei abgekupfert, gefälscht oder raubkopiert, glauben die EU-Statistiker.
Bei aller Kritik am Copyright-Diebstahl in China - geklaut und kopiert wird auch in den USA und Europa. So bekommt die Firma ars nova aus Witten beim "Plagiarius 2007" den zweiten Preis. Sie vertreibt ein Notizbuch, das allzu offenkundig an die Edelkladden der Marke Moleskine angelehnt ist. Auch der Discounter Lidl steht am Pranger - die achtköpfige Plagiarius-Jury wirft ihm vor, dreist kopierte Schmuckkoffer verkauft zu haben. Im übrigen, glaubt die Jury, stecken oft auch hinter jenen Imitaten, die billig in China hergestellt werden, europäische Auftraggeber.
Als Rido Busse den "Plagiarius" 1977 schuf, wollte er eines ausdrücken: dass sich Produktpiraten auf Kosten anderer bereichern. Der Anti-Oscar fürs geraubtes Design sieht noch immer so aus, wie Busse ihn damals entwarf: Es ist ein hässlicher schwarzer Gartenzwerg mit einer goldenen Nase.
Die "Plagiarius"-Gewinner der Jahre 2006 und 2007 sind noch bis zum 13. Februar auf der Konsumgütermesse Ambiente im Congress Center in Frankfurt am Main zu sehen. Ab dem 1. April werden mehr als 250 Originale und Imitate im Museum Plagiarius in Solingen ausgestellt.
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH