Aus Hongkong berichtet Pavo Prskalo
Die ganze Nacht haben sie vor dem Schaufenster im Herzen Hongkongs vebracht. Karten gespielt, sich unterhalten und Fotos gemacht. Die beiden Freunde Cao und Kawis wollten unbedingt vorne dabei sein, wenn der schwedische Moderiese H&M die Türen für seine Asienpremiere öffnet. Schließlich hat das große Idol der beiden Endzwanziger, Popstar Madonna, für H&M zum Bleistift gegriffen und die eigene Kollektion "M by Madonna" kreiert. Doch rund 30 Mitstreiter sind noch früher gekommen als Cao und Kawis, um Madonnas Künste zu bewundern. Der Rest der Welt muss sich noch zwei Wochen gedulden, erst dann wird die Kollektion in den anderen H&M-Filialen erhältlich sein.
Dass die Neu-Designerin lieber in Los Angeles relaxt, statt der Premiere beizuwohnen, tut der Euphorie in Hongkong keinen Abbruch. Allen voran der Mann in der schwarzen Jacke an der Spitze der Schlange ist bester Stimmung – und das, obwohl er hier nun seit fast 25 Stunden steht. Seit Freitagmorgen 10 Uhr sei er hier, erklärt der 35-Jährige, der sich selbst nur "Wilkie" nennt, eine halbe Stunde vor der Einweihung. Kein Gang zur Toilette, keine Müdigkeit? "Nein, ich will der Erste sein, ich bin der größte Madonna-Fan in Hongkong." Bei sieben Konzerten der Musikikone sei er schon gewesen, nun möchte er sehen, welche Kleider sie entworfen hat. Außerdem wolle er sich für seine Madonna-Sammlung einen von der Künstlerin entworfenen und signierten Trenchcoat, den die ersten 20 Besucher als Geschenk erhalten, und eine der 500 Gratis-Sonnenbrillen sichern.
Von diesen Präsenten sind andere Besucher weit entfernt. Wenige Minuten vor der Eröffnung ist die Schlange fast einen Kilometer lang. Immernoch strömen Menschen aus dem U-Bahn-Ausgang "Central" und folgen den vielen Werbebannern mit der Aufschrift "H&M – Straight to Heaven" – geradewegs in den Himmel.
Dieser ist vier Stockwerke hoch und auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern sieben Tage die Woche geöffnet. "Wir haben lange gewartet, eine Filiale in Asien zu eröffnen. Nun ist der richtige Moment gekommen", erklärt Lex Keijser, Vertreter von H&M-China. Bereits im kommenden Monat werden zwei Shops in Shanghai hinzukommen, im Herbst folgen drei weitere in Hongkong. "Wir sehen in China viel Potential zum Expandieren."
Ein Sicherheitsbeamter vor der Eingangstür ist überrascht von der Menschenmasse. So etwas habe er noch nie gesehen. Mehr als 500 Absperrgitter wurden über Nacht aufgebaut, sagt er. Die kleine, gegenüberliegende Li Yuen Street, in der sich die Straßenhändler vor Kundschaft sonst kaum retten können, ist dagegen nahezu menschenleer. Die Verkäufer haben ihre Stände verlassen und blicken auf die Menge auf der anderen Straßenseite.
Punkt elf Uhr öffnen sich die Türen, in regelmäßigen Abständen werden Gruppen von 30 bis 40 Personen in den Laden gelassen. "Wir waren auf diesen Ansturm vorbereitet", erklärt Keijser. Die Enttäuschung, dass Madonna nicht anwesend ist, ist ihm anzusehen: "Aber so ist das eben mit Stars", sagt er. Ganz ohne Statement bleibt Madonna aber nicht. "Ich habe nie ein Geheimnis aus meiner Liebe zur Mode gemacht", lässt die 48-Jährige über eine Sprecherin ausrichten. "Ich bin sehr froh über das Ergebnis und freue mich, mit dem Rest der Welt meine Kollektion zu tragen."
Die scheint zumindest bei einem Teil der Käufer gut anzukommen. Während die Teenager zumeist einen Bogen um die meist in schlichtem schwarz und weiß gehaltenen Kleider machen, greift das ältere Publikum beherzt zu. Mit Abendkleid, Seidenbluse, Tasche und Stöckelschuhen unter dem Arm machen sich die Damen bei Madonnas Song "Holiday" auf den Weg in die nächste Schlange – vor der Umkleide. Auch der teuerste Artikel im "M by Madonna"-Sortiment, ein weißer Ledermantel für 2490 Hong-Kong-Dollar (rund 250 Euro), ist gefragt. Dagegen geht es in der Männerabteilung im Untergeschoss ruhig zu. Hinter dem Kassentresen lächeln 13 Angestellte freundlich und warten auf Arbeit. Nur vereinzelt entscheiden sich einige Hongkonger, etwas zu kaufen.
Auch Micky Kwong hat sich hier umgeschaut, allerdings nicht lange. Der Schüler verlässt als einer der ersten eine halbe Stunde nach Eröffnung den Shop, in der Hand einzig die Sonnenbrille, die er geschenkt bekommen hat. Viele Wartende in der Schlange schütteln den Kopf. Er habe einige Sachen anprobiert, "aber mir hat nichts gefallen", sagt der 17-Jährige, der wie viele andere die Nacht ausgeharrt hat. Jetzt gehe er nach Hause, schlafen. Währenddessen schaut am Ende der Schlange das Ehepaar Chris und Wendy Sung ständig auf die Uhr. "Wartezeit zwei bis drei Stunden" habe ihnen ein Ordner soeben gesagt. Die beiden sind eigens zur H&M-Eröffnung aus Singapore eingeflogen, mit diesem Ansturm haben sie aber nicht gerechnet. "Wir wollen unbedingt was von den Madonna-Sachen kaufen, das Problem ist aber, dass wir in drei Stunden zurück zum Flughafen müssen", sagt Wendy Sung etwas verzweifelt. Vorzeitig aufgeben wollen sie aber nicht.
Durchhalten lohnt sich – zumindest aus der Sicht von den Madonna-Fans Cao und Kewis. Einen Trenchcoat samt Autogramm haben sie zwar nicht ergattern können, dafür aber jede Menge T-Shirts und Mützen gekauft – und natürlich zwei Sonnenbrillen eingeheimst. Nach mehr als einer Stunde Shopping gehen beide zufrieden nach Hause – und lassen das Ehepaar Sung samt einer weiterhin riesigen Schlange zurück.
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