New York - Den Vorsprung gilt es zu nutzen. Zurzeit führen die Unterhändler von Barclays
und ABN Amro
"exklusive" Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss, wie beide Unternehmen gestern Abend bestätigten. Dabei nannte ein Sprecher der britischen Bank keine Details, sondern erklärte lediglich, das Ziel sei die Schaffung einer "hoch ergänzenden Partnerschaft". ABN ergänzte in einer separaten Stellungnahme, dass es keine Gewissheit gebe, dass die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss führen werden.
Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" könnte eine Übernahme von ABN durch Barclays einen Wert von mehr als 80 Milliarden US-Dollar haben und mit Aktien und Barmitteln finanziert werden. Die Zeitung beruft sich dabei auf Aussagen von mit der Situation vertraute Personen. Sollten die Gespräche zum Erfolg führen, so wäre dies also die größte Transaktion im europäischen Bankensektor überhaupt.
Durch einen Zusammenschluss würde an der Marktkapitalisierung gemessen der nach der HSBC Holdings
zweitgrößte Bankkonzern in Europa entstehen, der in der Weltliga ohne Probleme mithalten könnte - mit einer äußerst breiten Produktpalette, die vom Investmentbanking in den USA bis zum Consumer Banking in Taiwan reiche.
Etliche Bankhäuser haben Interesse
Noch ist die Sache jedoch keineswegs in trockenen Tüchern. Denn zunächst gilt es, andere Interessenten aus dem Feld zu schlagen. Denn mit ihrer globalen Reichweite ist ABN Amro eine attraktive Ergänzung für eine Reihe europäischer Banken. So sollen bereits die französischen Finanzkonzerne Societé Generale und BNP Paribas
Interesse an einem Deal signalisiert haben. Auch die niederländische Bankengruppe ING, die Bank of Scotland und die spanische Santander-Gruppe
gelten als Interessenten. ABN Amro ist im Mittleren Osten, Asien, Brasilien und Teilen Europas präsent, wie etwa in Italien. Zudem gehört die Chicagoer US-Bank LaSalle zum Konzern.
Deutsche Institute beteiligen sich offensichtlich nicht an dem Bieterwettbewerb. So hatte etwa Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erst vor wenigen Tagen eine Fusion mit einer anderen europäischen Großbank abgelehnt, weil dies für die Deutsche Bank einen Umzug der Konzernzentrale ins ausland bedeuten würde. Und für die anderen dürfte das Projekt eine Nummer zu groß sein.
Das Bieterrennen spiegelte sich gestern bereits in der Entwicklung des Aktienkurses wider. Im Verlauf des Handelstages legten die Aktien von ABN Amro um 14 Prozent zu. Gemessen zum Kurs von gestern Vormittag ist die Bank an der Börse rund 56 Milliarden Euro wert und damit etwa zehn Prozent mehr als die Deutsche Bank
. Analysten warnen auch bereits, dass es für Barclays äußerst schwierig werden könnte, ihre Aktionäre davon zu überzeugen, dass die niederländische ABN Amro ihren Preis auch wert ist.
Für die Niederländer deutet die Aufnahme der Gespräche mit Barclays nach Einschätzung von Marktbeobachtern auf eine neue Ausrichtung hin. Vor zwei Jahren waren entsprechende Überlegungen noch am Chef von ABN Amro, Rijkman Groenink, gescheitert. Er hatte kulturelle, rechtliche und unternehmerische Umstände gegen eine Fusion ins Feld geführt, die immer einen der beiden Partner zum "Junior" degradieren würden.
Druck von Seiten der Aktionäre
Doch inzwischen scheint der Vorstand dem Druck von Seiten der Aktionäre, speziell des Hedgefonds The Children's Investment Fund (TCI) nachzugeben. TCI fordert bereits seit geraumer Zeit, das Geschäftsmodell zu ändern oder einen Fusionspartner zu finden, um dem seit längerem stagnierenden Aktienkurs auf die Beine zu helfen. Bislang hatte sich das Bankhaus auf seinen Restrukturierungsplan konzentriert, den Groenink nach Angaben des "WSJ" im kommenden Monat vorstellen wollte.
Im vergangenen Jahr hatten ABN Amro Aufsehen erregt, weil sie mit richterlicher Hilfe, aber gegen den Willen der italienischen Zentralbank, die Banca Antonveneta
übernahm.
Aber auch Barclays hat Grund, sich zu wappnen. In jüngster Zeit hatte es immer wieder Spekulationen gegeben, dass die Bank of Amerika Interesse an einer Übernahme habe. Das Londoner Bankhaus kommt derzeit auf einen Marktwert von rund 65 Milliarden Euro.
mik/vwd/Reuters/dpa-AFX
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