Hamburg - Vor dem Skandal war Klaus-Rüdiger Landowsky ein Saubermann: Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Verwaltungsrat des Neuen Berliner Kunstvereins. Mittlerweile zeigt er sich kaum noch in der Öffentlichkeit. Selbst seine wichtigsten Parteifreunde in der CDU vermeiden es, sich mit "Lando", wie er früher genannt wurde, sehen zu lassen.
Heute wurde Landowsky nun vom Landgericht Berlin wegen Untreue zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Im Prozess ging es um den größten Bankenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Eng verbandelt ist Landowskys berufliches Leben mit dem des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen. Kennengelernt haben sie sich in den sechziger Jahren während ihres Jurastudiums an der Freien Universität Berlin. Beide waren Verbindungsstudenten, beide haben "gegengehalten gegen die revolutionäre Umbildung der Universität", wie es Landowsky einmal sagte.
Später, als sie es nach oben geschafft hatten, war Landowsky der starke Mann hinter Diepgen, er war einer der einflussreichsten Männer Berlins. Selbst als der Bankenskandal längst ins Rollen geraten war, stand die CDU fest zu ihrem Oberpaten: Nach seinem Rücktritt als Fraktionschef wählte ihn die Partei zu Diepgens Stellvertreter im Landesvorsitz - mit 71 Prozent der Stimmen.
Landowski war die CDU, und die CDU war Berlin. Deshalb war der Bankenskandal auch nicht irgendeine Unternehmensaffäre. Er war ein Erdbeben in der politischen Landschaft der Hauptstadt. Seither ist nichts mehr wie es war, die Machtverhältnisse in Berlin haben sich grundlegend verschoben: Erst der Bankenskandal hat die große Koalition platzen lassen, erst durch ihn wurde eine Regierungsbeteiligung der PDS möglich. Noch heute regiert SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit mit rot-roter Mehrheit. Schaffte die CDU bei früheren Wahlen regelmäßig 40 Prozent, dümpelt sie heute bei rund 20 Prozent.
Angeblich "politischer Prozess"
Auch wirtschaftlich ist die Affäre längst nicht überwunden. Dem Landeshaushalt drohen noch erhebliche Kosten aus den Immobiliengeschäften der Bank; Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) geht von bis zu sechs Milliarden Euro aus. Bisher musste das Land der Bank schon 2,2 Milliarden Euro zuschießen. Zuvor hatte der Senat die Immobilienrisiken mit einer Bürgschaft über knapp 22 Milliarden Euro abgesichert, um das Überleben des Finanzinstituts überhaupt zu sichern - angesichts der Haushaltslage im chronisch klammen Berlin eine enorme Summe.
Kein Wunder, dass Landowsky heute für viele eine Unperson ist, in weiten Teilen der Stadt gilt er als Symbol des Berliner Filzes, wenn nicht gar als Verbrecher. Zwar hat er nicht alle Fehler der Bank persönlich zu verantworten - aber er ist zumindest greifbar. Politisch lässt sich der Fall daher gut gebrauchen. "Ich hoffe, dass Landowsky und die anderen Bankmanager nicht leer ausgehen", sagte die Grünen-Politikerin Barbara Oesterheld vor dem Urteil. Auch Carl Wechselberg von der Linkspartei sprach sich für "harte Urteile" aus.
Landowsky und seine ihm verbliebenen Anhänger versuchten daher, das Verfahren als "politischen Prozess" zu brandmarken, von einer "beispiellosen Hetzkampagne" war die Rede. Weil Oberstaatsanwältin Vera Junker SPD-Mitglied ist, konstruierte der Angeklagte wilde Verschwörungstheorien. "Ich kämpfe um meine Ehre", war einer seiner beliebten Aussprüche. "Es bleibt ein politischer Beigeschmack", sagte auch der CDU-Abgeordnete René Stadtkewitz.
Barspende von 40.000 Mark
Das Gericht ließ sich von solchen Vorwürfen nicht beeinflussen. Vielleicht auch deshalb, weil der Vorsitzende Richter Josef Hoch bereits Erfahrungen mit angeblich politisch motivierten Verfahren hat: Er war es, der in den SED-Politbüroprozessen das Urteil gegen den letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR Egon Krenz verhängte. Eine Kampagne gegen die CDU lässt sich daraus kaum ableiten.
In der deutschen Wirtschaftsgeschichte war der Fall Landowsky einmalig. Gemessen an der Zahl der Angeklagten war es der größte Wirtschaftsprozess seit 1945 - noch nie saßen so viele Vorstände und Aufsichtsräte eines Bankkonzerns auf der Anklagebank, insgesamt waren es 13. Die Anklageschrift umfasste 750 Seiten, rund 5000 Aktenordner wurden vor Gericht zusammengetragen, insgesamt 20 Monate dauerte der Mammutprozess.
Losgetreten wurde die Affäre zu Beginn des Jahres 2001. Damals war eine dubiose Barspende an die CDU in Höhe von 40.000 Mark bekannt geworden. Wer die Nachricht seinerzeit lancierte, ist bis heute unklar. Fest steht nur, dass von da an der Stein ins Rollen geriet.
Das Geld "nur so hinterhergeworfen"
Landowsky war damals nicht nur Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, sondern - quasi in Personalunion - auch Vorstandsvorsitzender der Berlin Hyp, einer Tochter der mehrheitlich landeseigenen Bankgesellschaft Berlin. In dieser Funktion hatte er in den neunziger Jahren Kredite an die Immobilienfirma Aubis vergeben - allerdings ohne die Bonität und die Risiken ausreichend zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft sprach deshalb von "Untreue in einem besonders schweren Fall". Landowsky und die anderen Angeklagten hätten den Kreditnehmern das Geld "nur so hinterhergeworfen".
Zeitnah zu den Krediten überbrachte ein Aubis-Manager Landowsky die besagte Spende an die CDU. Für die politische Einordnung des Falls mag dieser Aspekt bedeutsam sein - vor Gericht spielte er keine Rolle. Hier ging es nur um den wirtschaftlichen Schaden, den die Manager ihrer eigenen Bank zugefügt haben. Und der war beachtlich.
Weil sich hinter den Krediten tatsächlich größere Risiken verbargen, fuhr die Berlin Hyp im Geschäftsjahr 2000 einen Verlust von 1,1 Milliarden Mark ein, der Wert des Unternehmens musste um 1,3 Milliarden Mark nach unten berichtigt werden. Als letztlich haftender Hauptaktionär musste das Land Berlin einspringen - und damit der Steuerzahler. Im Juli 2001 stellte der Senat zwei Milliarden Euro für die Bankgesellschaft bereit. Bedingung: eine grundlegende Sanierung des Unternehmens.
Gesundgeschrumpft
Heute ist die Bankgesellschaft nicht mehr wieder zu erkennen. Von den ehemals 16.000 Mitarbeitern haben nur 7500 den Umbau überstanden. Um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, hat sich das Institut außerdem einen neuen Namen gegeben: Landesbank Berlin heißt es nun - und verdient sogar richtig Geld. Für das Geschäftsjahr 2006 soll jetzt erstmals seit 1999 wieder eine Dividende gezahlt werden.
So gesehen hat der Landowsky-Skandal indirekt doch noch eine positive Folge: Erst mit der Aufarbeitung der Affäre konnte die Bank ihren Weg als normales Unternehmen einschlagen, die unsägliche Verquickung von Politik und Bank gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Konkurrenten in der Branche sehen das mit Respekt - und zeigen mittlerweile sogar großes Interesse an der Bank. Demnächst muss Berlin die Landesbank wegen einer EU-Auflage verkaufen, und potentielle Käufer gibt es genug. Optimistischen Rechnungen zufolge kann der Senat mit Einnahmen von sechs Milliarden Euro rechnen.
Dem Landeshaushalt kommt das Geld allerdings nicht zugute. Stattdessen soll der Verkaufserlös in ein Sondervermögen fließen. Damit sollen die verbleibenden Risiken aus dem Immobiliengeschäft der Bankgesellschaft abgedeckt werden. Wenn alles gut geht, könnte die Summe gerade reichen.
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