Bhagwati: Meine Spezialfächer sind ja Einwanderung und Handelstheorie - vor diesem Hintergrund würde ich sagen: Die EU ist nicht besonders gut darin, den Handel jenseits ihrer eigenen Grenzen zu liberalisieren. Sie hat die multilateralen Handelsgespräche der Uruguay- und der Doha-Runde verzögert, weil alle EU-Staaten sich immer über alles einig sein müssen. Beim globalen Handel kann ein Land wie Frankreich die anderen EU-Länder abbremsen, die sonst viel schneller voranschreiten würden. Die einzige echte Kritik, die ich an der EU habe, ist dass sie in gewisser Weise zu amerikanisch geworden ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie das?
Bhagwati: Sie will anderen Ländern zu oft ihre Sichtweisen aufzwingen. Beim Europäischen Parlament gibt es die Neigung, anderen Staaten zu sagen: Klar wollen wir Handel mit Euch, aber Ihr müsst das und das und jenes dafür erfüllen. Ihr braucht Öko-Etiketten oder wir belegen Euch mit Zöllen. Wenn Ihr im Indischen Ozean fischt, bitte nur mit bestimmten Netzen, damit keine Schildkröten darin verenden - denn dann gibt es Sanktionen. Das ist eine Art von Neokolonialismus. Beruhigt Euch! Es geht hier um arme Länder, die ihren Weg zu demokratischen Werten und einer funktionierenden Wirtschaft suchen. Sie werden schon selbst darauf kommen, was richtig ist. Sie wollen jedenfalls nicht von der EU herumgeschubst werden, auch wenn sie noch so gute Absichten hat.
SPIEGEL ONLINE: Die EU hat jetzt 27 Mitgliedsstaaten - wie weit sollte der Erweiterungsprozess noch vorangehen?
Bhagwati: Die Union ist jetzt schon ein Mammut. Bei wichtigen Themen wie Bosnien oder der Doha-Runde ist sie regelmäßig gespalten. Ihre politischen Mechanismen haben ein Stadium der Schwerfälligkeit erreicht. Das ist auch einer der Gründe, warum Wähler anfangen, der Idee Europa zu misstrauen. Wenn Sie also nicht bald mit der EU-Erweiterung aufhören, haben Sie ein echtes Problem. Man kann sich viele Alternativen vorstellen: Die EU könnte assoziierte Staaten einbinden, die alle Vorteile des freien Handels genießen, aber nicht Teil ihrer politischen Institutionen werden. "Lasst 1000 Blumen blühen" wäre da meine Devise.
SPIEGEL ONLINE: Eine der größten Streitfragen ist, ob man der Türkei den EU-Beitritt gestatten sollte. Was meinen Sie?
Bhagwati: Einige vernünftige Leute sind dagegen, die Türkei hinein zu lassen. Es bleiben bedeutende kulturelle Unterschiede, obwohl sich die Türken seit Jahrzehnten mühen, sich zu europäisieren. Ich persönlich fände es gut, wenn die EU die Türkei aufnehmen könnte, sofern es irgendwie geht. Die Vorstellung, Amerika und Europa würden die islamische Welt nicht fair behandeln, hat sich tief eingebrannt. Eine Aufnahme der Türkei würde allen beweisen, dass die EU nicht anti-islamisch ist. Und sie würde kaum etwas kosten. Aber das ist eine Frage, die nur die Europäer allein entscheiden können.
Das Interview führte Matthias Streitz
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