Von Simon Hage
Hamburg - Die Supermacht hat am Golf schweres Geschütz aufgefahren. Seit Ende Februar kreuzt in arabischen Gewässern ein zweiter amerikanischer Flugzeugträger, die "USS John C. Stennis", eines der größten und leistungsstärksten Kriegsschiffe der Welt: mehr als 18.000 Quadratmeter Flugdeck, 260.000 PS, insgesamt rund 6000 Mann Besatzung.
Begleitet wird der Stahlkoloss von Zerstörern, Raketenkreuzern, Hilfsschiffen und einem Luftkampfgeschwader. Bis zu 90 Flugzeuge und Hubschrauber gehören zur Ausstattung. Nur ein militärisches Muskelspiel der USA? Oder stecken hinter dem Aufgebot konkrete Angriffspläne gegen Iran, dessen Führung sich im Atomstreit weiter uneinsichtig zeigt? Die Signale aus Washington sind widersprüchlich.
Gerade dieser Aspekt alarmiert einige Marktstrategen. Die Unsicherheit, wie hoch das Risiko eines weiteren Kriegs am Golf ist, macht die Sache so gefährlich. Würden die USA nun tatsächlich den Angriff starten, könnte das die Märkte eiskalt erwischen. Zu diesem Ergebnis kommen Charles Robertson und Mark Cliffe, Ökonomen des niederländischen Allfinanzkonzerns ING in ihrer Studie "Attacking Iran". "Die Ölmärkte würden explodieren", glaubt auch der Berliner Politikprofessor Herfried Münkler.
Die zentralen Risiken eines militärischen Angriffs sind spätestens seit dem Irak-Krieg bekannt: Anstieg des Ölpreises, Absturz der Aktienkurse, Schwäche des Dollars. Doch der dritte Golfkrieg taugt nur bedingt zum Präzedenzfall. Damals hatten Kriegsrhetorik und militärische Bündnispolitik der USA bereits Monate zuvor auf eine baldige Attacke hingedeutet. Finanzinvestoren, Händler und Manager rechneten fest mit einem Angriff und kalkulierten ihn frühzeitig ein. Ergebnis: Als die Vereinigten Staaten im März 2003 die ersten Bomber losschickten, zeigte der Dow-Jones-Kurs schon wieder steil nach oben (siehe Chart). Der Ölpreis sank auf unglaubliche 24 Dollar pro Fass.
"Ein schneller Überraschungsangriff auf die iranischen Nuklearanlagen könnte eine viel stärkere Marktreaktion hervorrufen, als wir sie im Fall des Iraks gesehen haben", heißt es in der ING-Studie. Fraglich ist auch, ob die Händler an den Finanz- und Rohstoffmärkten noch an die Mär vom schnellen Präventivkrieg glauben.
Die ING-Ökonomen rechnen mit einem deutlich stärkeren Anstieg des Ölpreises als vor vier Jahren. Iran ist als Erdölexporteur bedeutender als der Irak. Eine Preisexplosion auf bis zu 80 Dollar pro Barrel halten die Forscher für plausibel. Damit wäre der Ölpreis etwa dreimal höher als zu Beginn des Irak-Kriegs (siehe Chart unten). Allerdings könnte die Preissteigerung aufgefangen werden durch üppige Reservekapazitäten der übrigen Opec-Staaten
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Gottfried Heller, Chef der Fiduka Depotverwaltung in München. Dass Iran seine Ölförderung drastisch drosseln könnte, befürchtet er nicht: "Die Iraner werden doch nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzen." Eine vorübergehende Zunahme des Ölpreises auf 80 bis 90 Dollar pro Barrel hält Heller jedoch für denkbar - "wegen Angstreaktionen der Spekulanten".
Wenn Händler in Unruhe versetzt werden, kann sich die Flussrichtung der Geldströme schlagartig ändern. Das gilt auch für die Finanzmärkte. "Die Angst vor einer Rezession würde zu drastischen Reaktionen führen", sagt Heller. Zwar stehe infolge eines Iran-Kriegs kein Börsencrash bevor: Dafür seien die meisten Aktien zu niedrig bewertet. Auch die Gefahr einer Inflation hält Heller, dank dem Preisdrücker China, nicht für gegeben. Dafür würde eine "Flucht in Qualität" stattfinden, prognostiziert der Vermögensverwalter - in US-Treasuries oder Devisenanleihen. "Anlageformen mit schlechten Ratings wären dagegen nicht mehr gefragt."
Eine derartige Entwicklung wäre Gift für Finanzinvestoren. Allenfalls tollkühne Spekulanten würden noch größere Summen in Hedgefonds investieren, die in einen Abwärtsstrudel aus fallenden Aktien- und steigenden Devisenkursen geraten könnten. Hedgefonds haben sich zuletzt in niedrig verzinslichen Währungen wie dem Yen oder dem Schweizer Franken verschuldet. Jede Wertsteigerung gegenüber dem Dollar ließe die Verbindlichkeiten empfindlich steigen. Die Folge: "Für Hedgefonds könnte es größere Turbulenzen geben", warnt Heller, "auch Pleiten wären nicht auszuschließen". Ebenfalls gefährdet sieht er private Anleger, die auf Kredit Aktien gekauft haben.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Aktieninvestor seine Papiere sofort abstoßen muss, sollten die USA oder Israel Iran angreifen. Im Gegenteil. Denn mittelfristig könnte der Konflikt wieder zu einem Aufschwung am Aktienmarkt führen. "Der Hoffnungsschimmer hinter der Krise bestünde darin, dass die Phase der Zinserhöhungen beendet wäre", analysiert Heller. "Davon würden aber nur diejenigen Anleger profitieren, die beim Absturz nicht sofort verkauft haben".
Die Profiteure eines Kriegs
Jede Krise schafft auch Profiteure. Gewiss, viele Branchen müssten in Folge eines Iran-Kriegs Einbußen hinnehmen: Die Autoindustrie hätte unter dem steigenden Ölpreis zu leiden, ebenso die Flug- und Tourismusbranche. Ein möglicher Konjunktureinbruch würde zudem die Kauflaune der Kunden bremsen, Unternehmen hätten weniger Geld für Investitionsgüter zur Verfügung. Hersteller von Elektrogeräten, Uhren oder Bekleidung müssten genauso Abstriche hinnehmen wie beispielsweise Maschinenbauer oder Verfahrenstechniker.
Andreas Wex, Leiter der globalen Anlagestrategie bei der Dresdner Bank, benennt jedoch auch vier Gruppen potentieller Krisengewinner:
Aktien von Sektoren, deren Wohlergehen von der Konjunkturentwicklung weitgehend unabhängig ist, werden in Zeiten hoher Ölpreise besonders nachgefragt. Wex nennt sie die "relativen Gewinner". Dazu gehören beispielsweise die Pharmaindustrie oder die Telekommunikationsbranche.
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