Von Hasnain Kazim
Vor vier Jahren hat das auch der Discount-Riese Aldi erkannt und das Buch für 11,99 Euro angeboten. Ein Jahr später brachten "Bild"-Zeitung und Weltbild-Verlag eine "Volksbibel" für 9,95 Euro auf den Markt, die sich kurz vor Weihnachten innerhalb weniger Wochen eine Viertelmillion mal verkaufte. "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann schrieb, die "Verbreitung der christlichen Glaubensbotschaft" sei dem Blatt ein "ernstes Anliegen". "Die Bibel ist nicht nur das Buch der Christen, sondern Grundlage der gesamten abendländischen Kultur." 2005 folgte die "Goldbibel", 2006 die "Dürer-Bibel" mit den berühmten betenden Händen auf dem Holzdeckel.
Jürgen M. Schymura seufzt, wenn man ihn auf diese Exemplare anspricht. "Solche Aktionen machen mir zu schaffen", sagt er. Schymura ist Geschäftsführer des ebenfalls in Stuttgart ansässigen Katholischen Bibelwerks, dessen Ziel nach eigenen Angaben die "Vervielfältigung und Verbreitung der Heiligen Schrift" ist. Das Bibelwerk vertritt die Rechte an der Einheitsübersetzung.
Im Gegensatz zu vielen Kirchenvertretern, die die Aktionen von Aldi, "Bild" und Weltbild lobten, sagt Schymura, dass solche Massenverkäufe schadeten - und zwar dem Image, weil Bibeln in unansprechender Weise auf Paletten angeboten würden. Die "Wertigkeit" von Büchern würde insgesamt leiden. Nach einer Pause sagt er: "Warum nehmen sich eigentlich Global Player wie Aldi und der Axel-Springer-Verlag ein Jahr nach dem Jahr der Bibel das Recht heraus, aus dem luftleeren Raum so etwas zu machen?" Nur mit viel Aufwand habe das Bibelwerk die Verkaufs- und Umsatzzahlen angesichts der plötzlichen Konkurrenz konstant halten können, sagt er, ohne konkrete Zahlen zu nennen.
Die Bibel - ein langfristiges Investitionsgut
Als hilfreich erwiesen sich neue Produkte wie die Bibel auf CD-Rom im Chipkartenformat, auf USB-Stick oder als elektronische Ausgabe für den Taschencomputer. Kinderbibeln seien ohnehin immer gefragt, ebenso Kunstbibeln mit Bildern von berühmten Malern. Schymura entwickelte zusammen mit seinem 15-köpfigen Team eine Bibel im Fächerformat, mit Texten zum schnellen Überfliegen für zwischendurch, sowie einen zwei Meter langen Zollstock mit Bibelzitaten, der aufgrund der hohen Nachfrage mehrmals nachproduziert werden musste. "Es gibt einen Innovationsdruck", sagt er. Die Bibelgesellschaft nahm christliche Computerspiele, Hörbibeln sowie eine interaktive Jugendbibel mit dem Namen "Basis B" in ihr Programm, das einschließlich theologischer Fachliteratur rund 300 Titel umfasst.
Beide kirchlichen Verlage betonen, dass ihre preiswertesten Bibelausgaben mit weniger als neun Euro günstiger seien als die Discount-Produkte. Welches Hardcover-Buch gebe es sonst so billig? Dennoch, heißt es, sei der Verkauf herkömmlicher Bibeln rückläufig. Das Neue Testament als gesondertes Buch verkaufe sich besonders schlecht, dieser Markt sei wegen der Gratis-Exemplare von Missionaren stark eingeschränkt. Ohnehin sei die Bibel ein "langfristiges Investitionsgut" - wer sie einmal hat, braucht nicht unbedingt eine zweite.
Zudem mache sich der generelle Trend weg vom Religiösen auch im Bibel-Handel bemerkbar. Weder das "Jahr der Bibel" 2003 noch die Euphorie angesichts des neuen deutschen Papstes trugen zu einem spürbar größeren Absatz bei. "Was sich allerdings prächtig verkauft, ist Literatur vom Autor Joseph Ratzinger", sagt Schymura. "Selbst profan ausgerichtete Buchhandlungen hatten ja lange Zeit einen Papsttisch."
Mit ihren neuen Produkten wollen Bibelgesellschaft und Bibelwerk das Buch aus der konservativen Ecke herausholen - und müssen zugleich Vorwürfe aus dieser Richtung abwehren. "Immer nur schwarz, Goldschnitt, Kreuz drauf", sagt Felix Breidenstein, "das funktioniert eben auch nicht."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH