Von Kai Lange
Öffnung als Rettung: Die Devise "Innovation lokal, Exekution global" klingt zwar griffig, bedeutet in der Realität aber einen teuren und langwierigen Prozess. Beratungs- und Bewertungsgesellschaften bieten hier ihre Dienste an, um eine Brücke zwischen Patent- und Kapitalmarkt zu bauen. "Vielen Unternehmen fehlt es an Geld oder an Know-how, um eine Idee zu einer Innovation zu veredeln und anschließend Vermarktungspartner für das neue Produkt zu finden", weiß Müller. Zu den Entwicklungs- und Suchkosten kommen Kosten für die gegenseitige Prüfung (Due Diligence) sowie Verhandlungskosten hinzu: "Kaum ein Mittelständler hat die Zeit und Geduld, um Lizenzverhandlungen mit einem Partner in Asien zu führen."
Ein mühsamer Prozess. Wer sich jedoch keine professionelle Hilfe holt und keine Partner in die gemeinsame Wertschöpfung einbindet, zahlt möglicherweise einen noch höheren Preis. Er riskiert, dass eine Idee ungenutzt liegen bleibt und früher oder später von anderen verwertet wird.
Viele Unternehmen beschränken sich zudem zu sehr auf den aktuellen Markt und auf ihre Kernkompetenz. Dabei lohnt sich ein Blick auf andere Branchen, die bestimmte Probleme möglicherweise schon gelöst haben. "80 Prozent der Innovationen sind Rekombinationen", sagt Gassmann. Man müsse nicht selbst alles neu erfinden, betont der Technologieexperte der Universität St. Gallen: Die Transferbereiche, die an der Schnittstelle etablierter Industrien entstehen, böten genug Raum für Neues.
Ein Automobilbauer, der zum Beispiel die Aluminium-Leichtbauweise perfektioniert hat, kann dieses Wissen durch Partnerschaften auch im Maschinenbau oder der Luftfahrtindustrie gewinnbringend einsetzen.
Schuhdämpung aus der Formel 1
Die Fähigkeit, über die eigene Branche hinaus zu blicken, beweist auch das Forschungsteam des bayerischen Autobauers BMW
. Das in neuen BMW-Modellen genutzte Steuerungssystem "iDrive" nutzt Navigationselemente aus der Computerspielbranche. Der an einen Joystick erinnernde Drehknopf in der Mittelkonsole ist für viele Kunden zwar gewöhnungsbedürftig, aber dennoch ein Beispiel für eine fruchtbare Übernahme aus anderen Bereichen.
Erfolgreich im Schnittstellenbereich bewegt sich auch der Sportschuhhersteller Nike
, der seine "Shox"-Laufschuhe nach dem Vorbild von in der Formel 1 genutzten Stoßdämpfern gedämpft hat. Wer bei der Entwicklung neuer Produkte jedoch lediglich an das Produkt an sich denkt, greift zu kurz: Regulierungsvorgaben sowie die Finanzierung sind in Deutschland noch immer hohe Hürden auf dem Weg zu einem neuen Produkt.
Regulierungsblockaden ausräumen
Vor allem die Hochschulen leiden nach Ansicht von Gassmann an einer zu starken Regulierung. Enge Zielvorgaben, ein ausuferndes Berichtswesen und detaillierte Vorschriften, auf welche Weise ein Vorhaben anzugehen sei, bremsten in vielen Bereichen die Kreativität. Der Föderalismus in der deutschen Forschungspolitik erschwere zudem die notwendige Bündelung der Ressourcen, ergänzt Peter Strüven, Partner bei der Boston Consulting Group. Statt den Wettbewerb zwischen Bundesländern und Hochschulen zu fördern, sollte Deutschland besser mit geballter Kraft der Forscherkonkurrenz in USA, Japan und zunehmend auch China und Indien die Stirn bieten.
Die Maxime, dass alle an einer Hochschule entwickelten Patente grundsätzlich der Hochschule gehören, ist nach Einschätzung von Gassmann kontraproduktiv: "In der Praxis führt das dazu, dass Industrieunternehmen nicht mehr ihre Topvorhaben, sondern nur noch drittklassige Forschungsprojekte mit einer Hochschule teilen".
Austauschmöglichkeiten blockiert
Die Einbindung einer Hochschule diene dann vorrangig dem Zweck, Forschernachwuchs zu rekrutieren. Bei den wirklich wichtigen Projekten sei dagegen die Befürchtung zu groß, dass man durch eine Forschungskooperation in einen zähen Rechtsstreit mit einer Hochschule über Intellectual Property geraten könnte.
"Wenn ein Unternehmen treibende Kraft einer Entwicklung ist, sollten ihm auch die Verwertungsrechte gehören", meint Gassmann. Anderenfalls werde der Austausch zwischen Hochschule und Unternehmen blockiert, die sich hervorragend ergänzen könnten.
Mehr als die Hälfte der vom IW befragten Unternehmen fehlt es nach eigenen Angaben an Eigenkapital, um ihre Patente weiterzuentwickeln. Dass Deutschland bei der Finanzierung junger Technologieunternehmen abgeschlagen ist, mag kaum jemand bestreiten.
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