SPIEGEL ONLINE: Herr Milner, die Große Koalition will die Förderung für Solarstrom zurückfahren. Wie ernst ist die Lage für Ihr Unternehmen?
Milner: Ich beteilige mich nicht an Spekulationen. Ich bin sicher, die Bundesregierung weiß, welches Potential in der Solarenergie steckt und wird das bei der Förderung berücksichtigen.
SPIEGEL: Derzeit sinkt die Vergütung für Solarstrom jährlich um fünf Prozent. Nun ist im Gespräch, die Degression auf 7,5 Prozent zu verschärfen. Bereitet Ihnen das keine Sorge?
Milner: Wenn sich die Vergütung ändert, dann hätte das natürlich Auswirkungen auf unser Geschäft. Noch steht aber nichts fest. Ich persönlich gehe davon aus, dass der Meinungsfindungsprozess in der Regierung bis 2008 dauert.
SPIEGEL ONLINE: Die Verbraucher müssen für Solarstrom Unsummen zahlen. Die Fachzeitschrift Photon spricht von 77 Milliarden Euro für alle Anlagen, die bis 2010 ans Netz gehen. Gleichzeitig klettern die Gewinne der Solarfirmen in astronomische Höhen. Passt das noch zusammen?
Milner: Ich möchte diese Zahlen lieber unkommentiert lassen. Meine Betrachtungsweise ist anders: Die Menschheit steht vor erheblichen Klima-Problemen, herkömmliche Energieformen können wir nicht mehr weiter nutzen wie bisher. Gleichzeitig verdoppelt sich in den nächsten Jahren der weltweite Energiebedarf. Ohne neue Technologien wie die Solarenergie steuern wir auf ein Chaos zu.
SPIEGEL ONLINE: Und das rechtfertigt den Milliardenaufwand?
Milner: Die Entwicklung einer neuen Energie ist nun mal teuer. Das kostet die Gesellschaft Geld, aber es ist der einzige mögliche Weg.
SPIEGEL ONLINE: Und ganz nebenbei werden ein paar wenige Leute zu Multimillionären. Der Aktienkurs von Q-Cells hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt.
Milner: Verdienen die Unternehmen wirklich zu viel? Ich sage nein. Wir haben unseren Aktionären noch nie eine Dividende ausgeschüttet, stattdessen investieren wir. In diesem Jahr nehmen wir etwa das Vierfache unseres Jahresüberschusses, also 400 Millionen Euro, in die Hand, vor allem für die Entwicklung der nächsten und übernächsten Generation von Solarzellen, die wesentlich günstiger sein werden als bisher.
SPIEGEL ONLINE: Solarstrom kostet in Deutschland 50 Cent pro Kilowattstunde, konventioneller Strom nur fünf Cent. Wann werden Sie endlich wirtschaftlich?
Milner: Der Vergleich hinkt. Herkömmlicher Strom wird weit entfernt von den Verbrauchern in Großkraftwerken erzeugt. Deshalb fallen noch Netzgebühren und Abgaben an. Der Steckdosenpreis liegt bei rund 20 Cent - und damit können wir bald konkurrieren.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt bald?
Milner: In Teilen der Welt sind wir schon wirtschaftlich. In Kalifornien müssen die Verbraucher für herkömmlichen Strom bis zu 37 US-Cent pro Kilowattstunde zahlen, Solarstrom kostet dagegen nur 32 US-Cent. In den südlichen Ländern Europas können wir in den nächsten fünf Jahren ebenfalls mit der Steckdose konkurrieren. In Deutschland dauert es wegen der geringeren Sonneneinstrahlung ein paar Jahre länger.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Solarstrom so schnell wirtschaftlich wird, dann könnte man die staatliche Förderung doch zurückfahren.
Milner: Das ist keine Dynamik, die von heute auf morgen stattfindet. Wir rechnen in den nächsten Jahren mit einem Kostenreduktionspotential von 40 bis 50 Prozent. Es ist aber schwer zu sagen: Punktgenau da landen wir.
SPIEGEL ONLINE: Neueste Studien besagen, dass die Hersteller die Preise für Solaranlagen künstlich hoch halten. Lohnt sich für Hausbesitzer der Kauf überhaupt?
Milner: Natürlich lohnt sich das. Auch das Bundeswirtschaftsministerium ist in seiner gerade veröffentlichten Studie zu den erneuerbaren Energien zu dem Schluss gekommen, dass die Rendite bei der Installation einer Solaranlage für den Betreiber fast immer stimmt.
SPIEGEL ONLINE: Bisher macht die Solarenergie knapp 0,5 Prozent der deutschen Stromproduktion aus. Wann erreicht die Branche eine relevante Größenordnung?
Milner: Schwer, hier eine Prognose zu machen. Studien sagen, dass es bis zum Jahr 2020 zwei Prozent sein können. Persönlich denke ich, dass es mehr wird.
SPIEGEL ONLINE: Zwei Prozent klingt nicht nach viel.
Milner: Da stimme ich Ihnen zu. Es braucht aber 20 oder 30 Jahre, bis eine neue Technologie ihre Dynamik voll entwickelt. Was ist die Alternative? Kohle? Atom?
SPIEGEL ONLINE: Weltweit werden die allermeisten Solaranlagen in Deutschland aufgestellt - vor allem wegen der üppigen Förderung. Die großen Hersteller wie Sharp und Suntech sitzen aber in Japan und China. Zahlen die deutschen Verbraucher für die Gewinne der Asiaten?
Milner: Als führende Wirtschaftsmacht hat Deutschland eine Verantwortung vor dem Rest der Welt. Eine junge Technologie braucht nun mal Unterstützung. Mittlerweile ziehen aber auch andere Länder wie die USA oder Spanien nach. Über kurz oder lang werden wir von diesen Märkten überholt.
SPIEGEL ONLINE: Das große Geld machen trotzdem die Chinesen und Japaner.
Milner: Das ist weltweiter Wettbewerb. Produziert wird dort, wo es am günstigsten ist. Im Übrigen stehen die deutschen Unternehmen nicht schlecht da. Vor wenigen Jahren kam Q-Cells unter den größten Solarunternehmen auf Platz zehn. Heute sind wir die Nummer zwei.
SPIEGEL ONLINE: Aber auch Sie produzieren vor allem für den deutschen Markt.
Milner: Unsere Exportquote liegt bei 53 Prozent. In diesem Jahr werden wir 60 Prozent und im nächsten 70 Prozent erreichen.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, dass Ihre Solarzellen in Asien zu Modulen zusammengeschraubt werden und dann doch wieder nach Deutschland kommen.
Milner: In der Vergangenheit war das so, da hatten wir hohe Re-Importquoten. Inzwischen hat sich das Thema erledigt. Immer mehr Länder setzen auf die Solarenergie, der Markt wächst weltweit.
SPIEGEL ONLINE: Wie entwickelt sich der Gewinn von Q-Cells in diesem Jahr?
Milner: Umsatz und Ergebnis werden um etwa 30 Prozent steigen. Gleichzeitig erhöhen wir die Zahl unserer Mitarbeiter überproportional - von 960 auf mindestens 1400.
SPIEGEL ONLINE: Im letzten Jahr kam Q-Cells auf einen Umsatz von 540 Millionen Euro. Wann knacken Sie die Milliardengrenze?
Milner: Schon im nächsten Jahr.
Das Interview führte Anselm Waldermann
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