Aus Gurgaon berichtet Hasnain Kazim
Gurgaon - Selma Kasimay hat im Internet nachgeschaut. Bei der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit. Sie klickte sich zu den Auslandsjobs durch, nach Indien. Nie zuvor hatte sie das Land besucht, aber was sie darüber hörte, fand sie gut. Kasimay, Deutsche mit türkischen Wurzeln, hatte ihr Geographiestudium in Tübingen gerade beendet und suchte den Einstieg in den Beruf. Schwierig in Deutschland, trotz aller Aufschwungsmeldungen.
Dann stand da plötzlich dieses Angebot von Evalueserve.
Das indische Unternehmen erstellt Studien und Analysen für Firmen - und suchte jemanden für Presse und Public Relations. Mit ihrem Studium hatte das nicht viel zu tun. Aber Kasimay unterwarf sich der wichtigsten Regel der Globalisierung: Sei flexibel und bereit für einschneidende Veränderungen im Leben. Kasimay zog nach Gurgaon, einen sterilen Vorort der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.
Ein Monatsgehalt von weniger als 600 Euro - das nahm sie hin. Genauso das Drei-Zimmer-Appartement für drei Mitarbeiter. Nach ein paar E-Mails und Telefonaten war Kasimay als Gastarbeiterin eingestellt.
Glaskasten an Glaskasten, in Grün, Rot und Blau
Im Februar reiste sie nach Indien, zum ersten Mal in ihrem Leben, aber für Urlaubsgefühle war keine Zeit, sie begann sofort mit der Arbeit. Zehn Stunden am Tag und mehr.
"Es ist spannend zu erleben, was hier in Indien passiert", sagt sie. "Gurgaon boomt." Ein Boom, der Wohlstand und Hässlichkeit gebiert. Hier reiht sich Hochhaus an Hochhaus, Glaskasten an Glaskasten, in Grün, Rot und Blau. Jeder IT-Konzern, der etwas auf sich hält, hat hier eine Filiale. Die Bürowüste wird alle paar Kilometer durch gläserne Einkaufszentren aufgelockert, Malls nach US-Vorbild, McDonald's, Pizza Hut, alles drum und dran. Die Armenviertel sind gut in den hinteren Straßenreihen versteckt. Die Planer von Gurgaon lieben Glas und alles, was irgendwie nach Amerika aussieht. Über die kürzlich eröffnete Autobahn dauert es von Neu-Delhi hierher eine knappe Stunde, im Berufsverkehr auch mal drei. Demnächst wird die Stadt an das U-Bahn-Netz der Hauptstadt angeschlossen.
Vom ursprünglichen Gurgaon ist nicht viel übrig. Gaon heißt auf Hindi Dorf, was der Ort vor 15 Jahren war. "Damals gab es hier ein paar brüchige Häuser, viele Tempel und Kühe auf den Straßen", sagt Kasimays Chef Ashish Gupta. "Heute zahlt man für eine Wohnung in Gurgaon locker eine Million Dollar oder mehr." Der Manager zeigt auf ein rötliches Gebäude, zehn Stockwerke hoch, ein protziger Klotz an der sechsspurigen Hauptstraße. "Dort bekommt man unter 500.000 Dollar nichts, würde ich sagen."
Gupta ist Indien-Chef von Evalueserve, ein erfolgreicher Mann, immerhin ist das Unternehmen seit Gründung Ende 2000 jährlich um mindestens hundert Prozent gewachsen. In ein, zwei Jahren soll es an die Börse. Inzwischen arbeiten dort 1700 Menschen, 60 in Shanghai, 35 im neuen Büro in Valparaiso in Chile, 1550 in Gurgaon, außerdem Marketingleute in der ganzen Welt. Die Manager denken gerade über ein Büro in Osteuropa nach. Bis Ende 2009 will Evalueserve 4000 Mitarbeiter beschäftigen. Jeden Monat fangen 15 neue an. Gupta: "Wir suchen derzeit rund 200 neue Mitarbeiter aus dem Ausland. Gerne aus Deutschland."
Bewerbersuche über die deutsche Arbeitsagentur
Die Suche läuft inzwischen über Empfehlungen, über Mund-zu-Mund-Propaganda von Kollegen, die nach ein, zwei Jahren nach Deutschland zurückkehren. Evalueserve nutzt aber auch die Bundesagentur für Arbeit, deren Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) immer mehrere offene Stellen in Indien auflistet - ein Großteil davon bei Evalueserve.
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