Aus Gurgaon berichtet Hasnain Kazim
Von Gurgaon aus telefonieren die Angestellten in alle Welt, machen Umfragen, erfassen Daten, schreiben Präsentationen - nach eigenen Angaben zu Preisen, mit denen kaum ein Konkurrent aus einem Industrieland mithält. Datenauswertung für Banken oder Telekomfirmen, Marktforschung für neue Produkte, Analysen für Investoren, Patentrechte-Überwachung: "Wir haben für alles Experten", sagt Evalueserve-Mitgründer Marc Vollenweider. Juristen, Mediziner und Chemiker kümmern sich zum Beispiel um den Patenschutz, schließlich sind hier die größten Auftraggeber Pharma- und Chemiekonzerne aus aller Welt.
Vollenweider ist Schweizer, lebt in Österreich, verbringt einen großen Teil seines Lebens im Flugzeug. Vor Jahren arbeitete er noch für McKinsey in Indien. Seine Frau lernte auf einer Kinder-Geburtstagsparty die Frau von Allok Aggarwal kennen, einem indischstämmigen Amerikaner, der bei IBM arbeitete. Man kam ins Gespräch, lud sich ein, die Männer entdeckten, dass sie denselben Traum haben: Informationen zu sammeln, zu sortieren, aufzubereiten, eine Wissensfirma zu gründen.
Ihr Plan: Unternehmer werden. Indiens günstige Bedingungen nutzen. Dienstleistungen in alle Welt verkaufen.
Bei einem gemeinsamen Abendessen verabredete man den Schritt in die Selbständigkeit. Binnen einer Woche kündigten beide ihre exzellent dotierten Jobs. So geht die Legende, die man sich im Unternehmen erzählt. Im November 2000 gründeten Vollenweider und Aggarwal Evalueserve.
Deutsche Arbeitskräfte, indische Bedingungen
Inzwischen zählen "rund tausend Firmen zu unseren Kunden, viele Dax- und Fortune-500-Unternehmen", sagt Vollenweider - Namen nennt er nicht. "Verschwiegenheit ist vertraglich festgelegt." Auch viele Umfrageunternehmen seien Kunden, "wir machen denen das Backoffice".
Immer mehr mittlere und kleine Unternehmen entdecken die indischen Dienstleister: "Die merken, dass sie viel mehr Arbeitszeit für ihre Kunden zur Verfügung haben, wenn sie uns die aufwändige Datenarbeit machen lassen. So können die ihre Verkaufskraft verdoppeln, ohne neue Leute einzustellen."
Die Leute stellt dafür Evalueserve ein - aber eben zu indischen Bedingungen.
Vollenweider findet, vieles spreche für einen Job in seiner Firma: "Die Hochschulabsolventen können ihr Englisch verbessern. Indien steht in ihrem Lebenslauf. Sie machen enorme kulturelle Erfahrungen." Die Gastarbeiter aus Deutschland, Frankreich, Schweden oder den USA unternähmen an den Wochenenden regelmäßig Ausflüge, "nach Agra zum Taj Mahal oder nach Dharamsala, wo der Dalai Lama lebt. Das ist doch eine tolle Chance".
Das indische Gehalt ist für Vollenweider das geringste Problem. "80 Prozent der Lebenseinkünfte macht ein Mensch im Alter von 45 bis 55 Jahren. Es kommt also darauf an, alles zu tun, damit man ab 45 möglichst viel verdient." Da könnten ein, zwei Jahre bei Evalueserve "den Karrierewinkel etwas anheben". Der Stundenlohn hänge außerdem von den Fähigkeiten der Leute ab, von der Ebene, auf der sie eingestellt werden. "Natürlich verdient ein Manager mehr als ein Analyst."
Ausgehen mit der Kollegin - undenkbar
Dass viele Deutsche angesichts der Kampfpreise die indische Billigkonkurrenz fürchten, verstehen die Evalueserve-Leute nicht. "Die Globalisierung führt zu einer Win-win-Situation. Für den Einzelnen, der seinen Job in Deutschland verliert, weil die Arbeit in Indien billiger erledigt werden kann, mag das nicht zutreffen. Aber gesamtwirtschaftlich gesehen profitieren sowohl die deutsche als auch die indische Wirtschaft", sagt Ashish Gupta.
Vollenweider verweist darauf, dass es in Deutschland trotz der Arbeitslosigkeit viele offene Stellen gibt. "Wer in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder den USA seinen Job verliert, verliert ihn nicht wegen der Globalisierung - sondern weil er nicht genug qualifiziert ist." Bessere Bildung, das sei die Lösung.
Die 40 ausländischen Gastarbeiter bei Evalueserve mögen den Job. "Nur an manche Dinge müssen wir uns gewöhnen", sagt ein deutscher Mitarbeiter, der seinen Namen nicht genannt wissen will. "Zum Beispiel ist es undenkbar, dass man mal mit einer indischen Kollegin ausgeht. Das wäre für sie und für ihre Familie ein Skandal."
Selma Kasimay arbeitet inzwischen ein Vierteljahr in der Presseabteilung von Evalueserve. "Es ist aufregend, gerade jetzt in Indien zu sein, wo sich hier so viel ändert." In ein, zwei Jahren will sie es noch mal in Deutschland versuchen. "Dann bin ich ja keine Berufsanfängerin mehr. Dann ist es einfacher, in den Arbeitsmarkt reinzukommen."
Eines aber fehle ihr schon jetzt, sagt sie: das deutsche Essen.
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH