Wirtschaft



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12.05.2007
 

Telekom

Wieso Ver.dis Streik verständlich ist

Von Michael Kröger

Wer glaubt, die streikenden Telekom-Mitarbeiter gingen lediglich für ihre Besitzstände auf die Straße, verkennt Wut und Frust über die Arbeitsbedingungen im Konzern. Und die neue Servicegesellschaft löst längst nicht das entscheidende Problem.

Berlin - Es ist schnell erklärt, warum die Telekom-Mitarbeiter streiken - zumindest vordergründig. Die Telekom will 50.000 Mitarbeiter der Festnetzsparte in eine eigene Servicegesellschaft ausgliedern und ihnen rund neun Prozent weniger Lohn bezahlen. Ver.di rechnet dagegen die Arbeitszeitverlängerungen mit ein und kommt so auf einen Einkommensverlust von etwa 44 Prozent. Auch die Ausgliederung aus dem sicheren Konzernverbund will die Gewerkschaft nicht hinnehmen.

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Bei den Ökonomen stößt Ver.di mit seiner Position allerdings auf wenig Verständnis. Sie verweisen auf den Konkurrenzdruck in der Branche, der der Telekom Chart zeigenimmer stärker zusetzt. Von Monat zu Monat verlieren die Bonner rund 200.000 Kunden, die lieber einen billigeren Anbieter wählen. In dieser Disziplin aber hat die Telekom den Wettbewerbern wenig entgegenzusetzen, weil sie viel zu vielen Mitarbeitern viel zu viel Geld bezahlt - auch wenn der Gehaltsunterschied nicht 30 Prozent beträgt, wie Telekom-Chef René Obermann gerne behauptet.

Diejenigen, die Ver.di in diesem Zusammenhang schlicht in die Ecke der Besitzstandswahrer stellen, um ihre Forderungen zu diskreditieren, lassen indes den Kern des Konflikts außer Acht. Denn lässt man das Getöse der Gewerkschaftsführer einmal außen vor, herrscht unter den Mitarbeitern weitgehend Einigkeit darüber, dass Veränderungen notwendig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit der Telekom wieder herzustellen. Die Frage ist nur, ob die derzeit diskutierten Rezepte die richtigen sind.

Die grundsätzliche Bereitschaft der Telekomler, bei der Reformierung des Traditionskonzerns mitzuziehen, belegen auch zahlreiche E-Mails, die dem Brandbrief eines Servicetechnikers an die Konzernspitze folgten: Speziell die Reaktionen verärgerter Kunden sind es, die den Mitarbeitern zu schaffen machen - und weil sie selbst kaum imstande sind, den Missständen abzuhelfen.

Provinzfürsten beherrschen den Konzern

Grundsätzlich spricht vieles für die Einrichtung einer konzernübergreifenden Servicegesellschaft, das räumen längst auch Ver.di-Funktionäre hinter vorgehaltener Hand ein. Den Telekom-Kunden interessiert es schließlich wenig, ob er Fragen zu seiner Handyrechnung hat, zum DSL-Anschluss, oder zur Konfiguration seines Internetzugangs. Eine zentrale Anlaufstelle für die Probleme drängt sich da geradezu auf.

Doch im Kern geben Fachleute den betriebsinternen Kritikern Recht: Das zentrale Problem der Telekom löst auch eine übergeordnete Servicegesellschaft nicht. Ein Telekom-Experte aus Bonn bringt es auf den Punkt: "Der Konzern wird von Provinzfürsten beherrscht, die mehr damit zu tun haben, ihren eigenen Machtbereich abzusichern, als zum Wohle es Ganzen beizutragen."

Dieser Wasserkopf indes ist keine Erblast des ehemaligen Staatskonzerns. Erst der damalige Telekom-Chef Ron Sommer begann - angesteckt von der allgemeinen Euphorie im Telekommunikationsmarkt - nach dem Börsengang, in großem Stil Manager einzustellen. Zum Teil mit im Branchenvergleich exorbitanten Gehältern. Verdiente ein Abteilungsleiter bei einer privaten Telefongesellschaft 120.000 Euro pro Jahr, brachte es ein gleichrangiger Kollege in Sommers Reich locker auf 160.000 bis 180.000. Sein Nachfolger Kai-Uwe Ricke unternahm nichts, um die Fehlentwicklung zu korrigieren.

Die Erblast wiegt umso schwerer, als die Mehrzahl der hoch bezahlten Führungskräfte fortan jede Möglichkeit nutzte, um die eigene Unverzichtbarkeit unter Beweis zu stellen. "Produkte" wurden aus dem Boden gestampft, die niemand brauchte. Softwareabteilungen legten Projekte auf, die die Abläufe in der Verwaltung komplizierter machten anstatt sie zu beschleunigen. Um den eigenen Machtbereich abzusichern, wurden virtuelle Grenzzäune gezogen, die mit fadenscheinigen Sicherheitsargumenten durchgedrückt wurden.

Minutenlang zum Nichtstun verdammt

Die Folgen wirken bis in die letzten Verästelungen des Konzerns. "Die Mitarbeiter haben keine Chance, das Serviceversprechen einzuhalten", beschrieb Betriebsrätin Kornelia Dubbel das Dilemma noch einmal auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung in der vorigen Woche. Die tägliche Arbeit sei mit dem desperaten IT-System nicht zu bewältigen. Bis zu 16 verschiedene Programme müssten geöffnet werden, um eine einzige Kundenanfrage zu bearbeiten. In dieser Zeit sei man "minutenlang zum Nichtstun verdammt", so Dubbel.

Der interne Machtkampf trieb weitere Blüten. Um die eigenen Kosten zu senken, wurden gerne mal Aufgaben an andere Abteilungen delegiert, die pro forma dafür zuständig waren. Unter dem Strich aber wurde die Lösung des betreffenden Problems für die Telekom damit nicht selten erheblich teurer.

Des Problems ist sich auch Obermann bewusst, das machte er auf einer Tagung im Januar bereits deutlich. Oft hätten sich die verschiedenen Einheiten im Konzern gegenseitig Konkurrenz gemacht, "statt mit gebündelten Kräften eine optimale Kundenbetreuung zu realisieren", sagte er im Kreis von Journalisten. Das Ergebnis sei eine im Vergleich zu den Wettbewerbern "inakzeptable Kundenzufriedenheit".

Dass der neue Telekom-Chef das Problem in den Griff bekommt, daran glaubt der Experte nicht. "Obermann versucht, das bestehende System zu reformieren. Doch er kommt dabei nicht an denen vorbei, die er eigentlich rausschmeißen müsste."

Vor diesem Hintergrund wird die Unversöhnlichkeit, mit der die Telekom-Mitarbeiter im aktuellen Streit um die Servicegesellschaft auf ihren Positionen beharren, verständlich. Ihnen geht es schlicht um die Frage, wer für die Fehler der Vergangenheit den Kopf hinhalten muss. Aus Sicht von Ver.di ist die Sache klar: Die Mitarbeiter an der Basis müssen für die Unfähigkeit des Managements büßen.

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