London- Thomson übernimmt den britischen Traditionskonzern für umgerechnet rund 13 Milliarden Euro und hat dafür die notwendige Zustimmung der Reuters-Treuhändergesellschaft, wie beide Unternehmen am Dienstag mitteilten. Reuters-Chef Tom Glocer versprach, dass Grundsätze wie Unabhängigkeit, Überparteilichkeit und Integrität der 1851 gegründeten Agentur uneingeschränkt bewahrt würden. Die kartellrechtlichen Genehmigungen für die Transaktion stehen allerdings noch aus. Auch müssen die Aktionäre noch zustimmen.
Glocer sagte, er erwarte nicht, dass dafür die Trennung von Unternehmensteilen notwendig werde. Er machte aber keine Angaben dazu, wie lange die kartellrechtliche Prüfung dauern könnte.
Die Konzerne ergänzten sich ideal, sowohl was die Produktpalette beträfe, als auch die regionale Aufstellung, erläuterten Glocer und Thomson-Chef Richard Harrington, der sich nach Abschluss der Fusion zurückziehen wird. Während Reuters vor allem in Europa und Asien stark ist, besetzt Thomson in Amerika große Teile des Marktes.
Das Geschäft mit Finanzdaten und Nachrichten für Investoren und Medien soll unter dem Markennamen Reuters geführt werden. Die restlichen Einheiten firmieren als Thomson-Reuters Professional.
Gewerkschaften und Mitarbeiter befürchten allerdings, dass der Zusammenschluss negative Auswirkungen auf die journalistische Arbeit haben wird. "Reuters war mehr als 150 Jahre eine hervorragende, unabhängige Nachrichten-Organisation. Jetzt wohl nicht mehr", sagte der Wirtschaftsexperte der BBC, Robert Peston. "Die Journalisten sind nicht zufrieden."
Nachrichten sind nur Zierde
Doch die Nachrichten stellen für Reuters ohnehin schon lange nicht mehr das Kerngeschäft dar, eher sind sie Zierde, um das Renommee zu stärken. "Das Geschäft verschiebt sich weiter in Richtung Finanzdienstleistung", sagte Christian Zabel vom Institut für Medienpolitik in Köln. Reuters macht schon jetzt 90 Prozent seines Umsatzes mit elektronischen Finanzinformationen für Börsenprofis und nicht mit Nachrichten aus aller Welt. Von den 17.000 Mitarbeitern sind nur 2400 Journalisten, Fotografen oder Kameraleute. "Wer weiß, welchen Stellenwert das journalistische Geschäft in Zukunft haben wird", sagte Zabel.
Banker und Fondsmanager sehen noch ein anderes Problem: Sie befürchten, dass bald noch mehr Anbieter vom Markt verschwinden werden. Denn auch die Konkurrenz schläft nicht. Medienmogul Rupert Murdoch verstärkte seine Bemühungen um den US-Medienkonzern Dow Jones mit dem Flaggschiff "Wall Street Journal". In einem Brief an die Eigentümerfamilie Bancroft bot er einen Sitz im Aufsichtsgremium seiner News Corp. an. Außerdem versicherte er, die Unabhängigkeit des "Wall Street Journal" zu wahren. Bislang lehnen die Bancrofts, die Sonderstimmrechte bei Dow Jones haben, das rund 3,7 Milliarden Euro schwere Angebot jedoch ab.
Die Vereinbarung von Thomson und Reuters entspricht exakt den Konditionen, die beide Konzerne jüngst öffentlich gemacht hatten. Die Reuters-Aktionäre erhalten je Anteilsschein 352,5 Pence in bar sowie 0,16 Thomson-Aktien. Gemessen an den Schlusskursen von Gestern entspricht das Übernahmeangebot einem Wert von 692 Pence je Reuters-Aktie. Reuters-Papiere tendierten heute jedoch nur rund drei Prozent im Plus bei 624 Pence. Börsianer begründen die Zurückhaltung der Investoren vor allem mit befürchteten Kartellproblemen.
Bedenken gegen die Kontrollmacht der Besitzerfamilie
Mit der Übernahme von Reuters wird Thomson im Geschäft mit Marktdaten für Finanzprofis weltweit Nummer eins vor der nicht an der Börse notierten US-Agentur Bloomberg - einst gegründet vom heutigen New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Thomson-Reuters käme laut der Agentur Inside Market Data auf 34 Prozent Marktanteil, Bloomberg auf 33 Prozent. Reuters und Thomson, die beide börsennotiert bleiben sollen, bezifferten die jährlichen Synergien auf 500 Millionen US-Dollar. Das Sparpotenzial soll binnen drei Jahren voll ausgeschöpft werden.
Hauptaktionär wird die Thomson-Familienholding Woodbridge mit etwa 53 Prozent. An Thomson hält die Milliardärsfamilie, die 1934 mit dem Kauf einer Zeitung den Grundstein für ihr Medienimperium gelegt hatte, derzeit rund 70 Prozent.
Gewerkschaftsvertreter, die Mitglieder in Großbritannien, den USA und Kanada vertreten, äußerten in einem Schreiben an die Reuters-Treuhänder Bedenken gegen die künftige Kontrollmacht eines einzigen Großaktionärs. Sie fürchten um die Unabhängigkeit der Redaktion. Woodbridge erhält die Genehmigung zur Ausübung von mehr als 15 Prozent der Stimmrechte - der eigentlich von den Reuters-Leitlinien vorgesehenen Grenze. Das Recht erlischt jedoch, sollte der Clan seine Thomson-Anteile verkaufen.
Gegründet wurde Reuters einst in London von dem in Kassel geborenen Julius Reuter. Er übermittelte damals Börsenkurse von London nach Paris über eine neue Kabelverbindung zwischen Dover und Calais. Zwei Jahre zuvor hatte sich Reuter für die Verbreitung von Marktdaten zwischen Aachen und Brüssel noch der Hilfe von Brieftauben bedient. In den folgenden mehr als 150 Jahren stieg Reuters zu einem der weltweit führenden Anbieter von Finanzdaten und Nachrichten auf.
mik/dpa/Reuters
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