Wirtschaft



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22.05.2007
 

Migranten in Spanien

Wie Sklaven unter Plastik

2. Teil: Ein Leben in notdürftigen Hütten - wie die Immigranten in El Ejido leben

Auch die Mitarbeiter der Gewerkschaft sind immer wieder Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Bei einem Übergriff erstachen Jugendliche im vergangenen Jahr den 40-jährigen Azzouz Hosni, als dieser eine Bar verließ. Der Marokkaner war Mitglied bei der SOC. Die Gewerkschaftsmitarbeiter vermuten, dass es sich bei dem Mord um eine politisch motivierte Tat handelt. El Ejidos Bürgermeister Juan Enciso Ruiz von der konservativen Partido Popular ("Volkspartei") folgt derweil unbeirrt seiner populistischen Linie und wird nicht müde, seinen Leitspruch zu zitieren: Immigranten ja, aber außerhalb der Stadt.

Außerhalb der Stadt, das ist zwischen den Gewächshäusern. Jeden Abend kehren diejenigen, die tagsüber Arbeit gefunden haben, in ihre Unterkünfte im Plastikmeer zurück.

Die Sonne geht hinter den Gewächshäusern unter, während die Arbeiter auf ihren Fahrrädern die staubigen Hauptstraßen entlang radeln. An ihren Lenkern baumeln Wasserkanister und Plastiktüten mit Essen. Enciso Ruiz, der seit über zehn Jahren seinen Sitz im Rathaus hält, lächelt von Werbeplakaten auf sie herunter. "Vertraue dem, der dir nie den Rücken zuwenden wird - 100 Prozent im Interesse der Stadt."

Ein paar Meter weiter das Zuhause derer, die Enciso am liebsten aus seinem Blickfeld verbannen würde: Auf einem verlassenen Platz, der als Müllabladefläche dient, haben marokkanische Arbeiter Hütten aus notdürftig zusammengezimmerten Paletten gebaut. Plastikplanen überdecken die Konstruktion, einzige Einrichtung ist ein klappriges Bettgestell. Draußen schwelt eine Feuerstelle, der Gestank verfaulten Gemüses liegt in der Luft.

Fliegen schwirren über einem Haufen von verrottendem Treibhausmüll. Trinkwasser und Strom gibt es hier nicht. "Wasser zum Wäschewaschen und Kochen holen wir uns aus der Balsa". Das sind die Wasserbassins, die der Bewässerung der Gewächshäuser dienen und meist die einzige Wasserquelle der Barackenbewohner sind. Alte Pestizidkanister schwimmen in ihnen. "Prohibido bañarse" steht am Beckenrand, und Bauer Juan Alonso erregt sich, dass die Arbeiter trotzdem hineinsteigen, um Wasser zu holen. "Irgendwann schafft es einer nicht mehr heraus, das kennen wir doch, und dann ist es mein Becken, in dem er verreckt. "

Lehrer, Bauern, Fischer, Studenten - egal, welchem Beruf die Immigranten in ihrem Herkunftsland nachgingen, hier durchleben alle dasselbe. "An den Gewächshäusern kommst du nicht vorbei, sie sind für die 'Papierlosen' das Tor nach Spanien", sagt Spitou Mendy, der 17 Jahre lang Professor für Sprachen im Senegal war, bevor er hierher kam, um in den Gewächshäusern sein Glück zu suchen. "Nur hier wird es von offizieller Seite geduldet, Illegale zu beschäftigen. Kontrollen gibt es kaum, wir haben nur fünf Inspektoren für die gesamte Provinz, und die kommen eh nur, wenn es Probleme gibt. Außerdem werden die Kontrolleure vorher angekündigt und der Patrón sorgt dann dafür, dass alles sauber ist, bevor sie eintreffen."

Die Situation der Arbeiter sei fatal. Man beute sie aus. Zudem würden sie mit der ständigen Angst leben, abgeschoben zu werden, so Mendy. Obwohl der Vertrag für Tagelöhner in der Landwirtschaft auch für die 'Papierlosen' gilt, wird mit ihren Rechten Schindluder getrieben. Der Patrón überzieht willkürlich die Arbeitszeit und zahlt viel zu wenig. Die Leute spritzen Pestizide ohne Schutzkleidung und leiden an Hautausschlag und Kopfschmerzen. Manche bekommen Krebs. "Die Arbeiter weigern sich, Schutzkleidung zu tragen. Wieso sollte ich sie dazu zwingen?"

Juan Andrés, Leiter einer großen Treibhausplantage, demonstriert den Gewerkschaftsmitarbeitern zwei Gasmasken und dazugehörige Schutzanzüge in seinem Werkschrank. "Außerdem, was soll's. Wenn sie wirklich durchs Sprühen kontaminiert werden, dann sind sie es eh längst." 30 seiner Arbeiter befinden sich seit den Morgenstunden im Streik und fordern sauberes Trinkwasser, Atemschutzmasken, den vertraglich festgelegten Stundenlohn. Sie stehen in der sengenden Mittagssonne vor der Halle, Staub bedeckt ihre Füße, einige tragen Sandalen, dazu T-Shirts, abgetragene Hosen.

Der Arbeiter Mohammed hat seine Papiermaske in die Stirn geschoben. "Seit vier Monaten sprühe ich Tag für Tag Gift. Immer nur mit dieser Maske aus Papier. Manchmal arbeite ich 16 Stunden am Tag und bekomme dafür 36 Euro." Mit verschränkten Armen stehen sie ihrem Patrón gegenüber. "Mehr kann ich nicht zahlen", wettert Juan Andrés, er schwitzt, sein Bauch quillt über den Hosenbund. Mehr Geld, dafür weniger Leute, das ist sein Angebot. "Sehen sie, was die mit mir machen. Die Produktion muss heute noch raus!" Vor der Halle steht ein BMW-Luxusmodell.

Ohne Umwege auf deutsche Tische

Bei Agrupaejido, einer der größten Versteigerungsplattformen für Obst und Gemüse in der Region, herrscht sechs Tage in der Woche geschäftiges Treiben. 5000 Bauern setzen hier pro Jahr ihre Treibhausprodukte ab, die an Abnehmer in ganz Europa gehen. Über Billigdiscounter und Supermärkte landen die Produkte ohne Umwege auf deutschen Tischen. Auch wenn einige der Produkte einer Kontrolle durch lokale Behörden und Zertifizierungsinstanzen wie EurepGAP unterliegen, reicht das noch lange nicht aus, um die menschenunwürdige Situation der Arbeiter vor Ort zu verbessern.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace setzt sich schon seit langem für Umweltstandards in der Agrarindustrie ein. Seitdem hat sich auch das Bewusstsein vieler Konsumenten für die Qualität ihrer Lebensmittel geschärft. Doch während Normen für einen ökologisch verantwortungsvollen Umgang in der Landwirtschaft langsam Fuß fassen, bleibt die Sorge um menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter auf der Strecke.

Initiativen für verbesserte Arbeitsbedingungen wie die der BSCI (Business Social Compliance Initative) gibt es bereits. Doch bislang fehlt der nötige Druck auf Anbieter und Institutionen, diese auch umzusetzen.

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