Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.05.2007
 

Deutsche Millionärskarriere

Der Dot-Com-Schwabe

Von Matthias Streitz

Als Ralph Bartel 1997 nach Amerika zog, hatte er ein paar Tausend Mark und den Traum, eine Firma zu gründen. Der erste Versuch ging schief - der zweite machte ihn zum Multimillionär. Ohne deutsche Tugenden hätte das nicht geklappt, sagt er.

Hamburg/München - Nach ganz oben hat es Ralph Bartel nicht geschafft, aber bis in den 21. Stock. Dort liegt sein Chefbüro in Midtown New York, von dort aus schaut er über den Central Park und die Madison Avenue. Ein paar Anwaltsfirmen haben sich im selben Büroturm eingemietet, IBM sitzt hier, und zwischendrin auf einer halben Etage Bartels Firma mit dem schrulligen Titel: Travelzoo.com.

In Deutschland, Bartels Heimatland, kennen nur die wenigsten diesen Namen, und verglichen mit Wettbewerbern wie Expedia und Priceline ist das Reiseportal Travelzoo tatsächlich nur ein Gnom. Aber was soll's: An der New Yorker Nasdaq sind die Aktien mit dem Kürzel TZOO in der Summe 430 Millionen Dollar wert. Und das macht Bartel, den Haupteigner, zum Multi-Multi-Millionär. Mit 41 Jahren.

"Ich habe jetzt schon mehr Geld verdient, als ich je erwartet hätte", sagte er jüngst bei einem Treffen in München. "Wenn ich zurückschaue, ist erstaunlich, wie weit man kommen kann in den USA."

Bartel wurde in Aalen geboren, einem Städtchen nah dran an der Schwäbischen Alb, und schon früh zeigte er sich als jemand, der nach Karriere drängt: Journalistik-Studium in Eichstätt, Betriebswirtschaft in St. Gallen, Doktortitel in beiden Fächern. "Meinen ersten Reporter-Beitrag in der 'Tagesschau' hatte ich mit 23", sagt Bartel, und: "Ich hatte ein gutes Selbstbewusstsein."

500 Dollar Miete bei der Lady mit Schäferhund

Anfangs konnte man meinen, dass Bartel seine Karriere als Apparatschik in einem deutschen Medienkonzern durchziehen würde, alle paar Jahre eine Hierarchiesprosse nach oben steigend. Seine letzte deutsche Stelle hatte er als Vorstandsassistent bei Gruner + Jahr. So einer wird später Chefredakteur, Verlagsleiter vielleicht.

Stattdessen schmiss Bartel 1997 hin und ging nach Amerika. Genauer gesagt nach Kalifornien zu seinem jüngeren Bruder Holger, der seinerzeit für McKinsey beriet - und heute bei Travelzoo Executive Vice President ist. "Ich hatte vielleicht 20.000 oder 25.000 Mark auf dem Konto", sagt Ralph Bartel. Und er brachte die Vision mit, eine eigene Firma zu starten, möglichst was mit Medien, auf jeden Fall im Web. Wenn das in den USA nicht ginge, wo denn dann?

Es waren Abenteurerzeiten. Dot-Com-Jünger überfielen das Silicon Valley in Scharen, trieben die Mieten ins Unbezahlbare, und Bartel quartierte sich erst mal provisorisch bei einer 78-jährigen Lady zur Untermiete ein. Das Zimmer kostete nur 500 Dollar, dafür musste er, so wollte es das Arrangement, tagtäglich ihren Hund Gassi führen. Ein deutscher Schäfer übrigens.

"Eine deutsche Idee"

Bartels Unternehmerlaufbahn begann mit einem Anfängerfehler: "Ich wollte mein Hobby zum Beruf machen." Also startete der Weinliebhaber die Seite Findyourwine.com, eine Art eBay für Napa-Valley-Ware und andere Tropfen. Angestellte gab es nicht, Bartel programmierte alles selbst - es half nichts, das Ganze rechnete sich nicht. "Es war in den USA verboten, Wein von bestimmten Bundesstaaten in andere zu verschicken, und davon wusste ich vorher nichts", sagt er. Nach einem Dreivierteljahr ließ er seine Erstlingsfirma sterben.

Auch bei Travelzoo, dem zweiten Spross, lief nicht alles perfekt. Klar, die Geschäftsidee war nicht unoriginell: Aus allen Reiseangeboten von Fluglinien oder Hotels, die bei Travelzoo eintrudeln, wählen "Redakteure" nur eine Minderheit zur Veröffentlichung aus - und stellen wöchentlich eine Top-20-Liste zusammen. Bei Travelzoo finden sich damit viel weniger Reisebausteine als bei Expedia & Co. - dafür werden sie alle, wenn auch unter Zeitdruck, auf Qualität und Verfügbarkeit geprüft. "Die Kunden wollen akkurate Information", sagt Bartel und findet, das sei doch eine "deutsche Idee".

Nur keine Schulden!

Vielleicht zu deutsch - denn anfangs war es unmöglich, Investoren zu finden. Obwohl Bartel immer wieder bei Venture-Capital-Firmen anklopfte, bei 10, 15 insgesamt, setzte keine ihr Geld aufs Spiel. Internet-Startups gab es Ende der Neunziger schließlich wie Surfer in Venice Beach - und viele waren um Jahre früher dran als Bartel. Umso mehr Geld sammelte er selbst ein, als er TZOO nach Mühen Ende 2003 doch noch an die Nasdaq gehievt bekam.

Travelzoo war ein irrer Trip, für Bartel und seine Aktionäre. 2004 schoss das Papier, von Spekulanten gejagt, auf rund 100 Dollar hoch - der kleine Nebenwert mit dem deutschen Chef war einer der Top-Performer der ganzen Nasdaq. 2005 kam der Crash auf ein Fünftel des Allzeithochs.

Allein: Zum Penny-Stock ist TZOO nie geworden. Seine Firma habe ja auch nie nennenswert Schulden gemacht, sagt Bartel. Bisher fuhr sie immer Betriebsgewinn ein, Quartal für Quartal. Ein Mix aus "amerikanischem Unternehmergeist und konservativem deutschen Finanzmanagement" - so umschreibt er seine Managerdenke.

Ein paar kleine Büros in München-Schwabing

Die Expansion ins Ausland ist der wohl gefährlichste Schritt, den er bisher gewagt hat. Ausland, das heißt Kanada, China, Großbritannien, Frankreich - und Deutschland. In München hat Travelzoo.de ein paar anonyme Mietbüros in der Elisabethstraße bezogen, bisher gibt es einen Deutschland-Chef, zwei Redakteure, die Reiseangebote filtern, und einige studentische Helfer. Die "globale Organisation", die Bartel gerne schaffen möchte, kommt hier noch recht bescheiden daher. Man wolle halt "Schritt für Schritt" und "nicht gleich mit Volldampf" in neuen Märkten starten, sagt Bartels Deutschland-Statthalter Christoph von Bülow.

Die Wall Street ist von den Übersee-Ausflügen bislang mäßig begeistert - die TZOO-Töchter im Ausland verbrennen Geld, der Quartalsprofit insgesamt ist zuletzt kaum noch gewachsen. Größere wie Priceline schicken sich an, Bartels Geschäftsidee abzukupfern. "Waterloo für Travelzoo", spottete die Börsenseite "Motley Fool" vor kurzem, und "Bei Travelzoo ist die Erde flach".

Schlagloch-Slalom

Ob das stimmt oder nicht, Bartel hat seinen Schnitt gemacht. Viele Monate vor dem jüngsten Kursknick hat er in mehreren Etappen Aktien auf den Markt geworfen. Es sei nach acht Jahren einfach Zeit gewesen, "auch an meine eigene Finanzplanung zu denken und nicht alles Geld in Travelzoo anzulegen". 240 Millionen Dollar habe er bei diesen Verkäufen erlöst, 60 Millionen Steuern dafür bezahlt. Jetzt hält er 50,2 Prozent an der Firma, plus Optionen. Auch der Bruder besitzt Aktien. Travelzoo, sagt Bartel, sei noch immer ein Familienunternehmen.

Er ist jetzt wieder öfter in Deutschland, vielleicht vier, fünf Mal im Jahr. Pläne für eine Rückkehr auf Dauer habe er nicht. In New York wohnt er mit seiner Lebensgefährtin aus Kanada, sie denken über Kinder nach. Ins Restaurant geht er gern, neuerdings öfter zu Konzerten im Lincoln Center. Aber das deutsche Fernsehen vermisse er, "die Qualität ist einfach viel besser".

Sehr deutsch ist wohl auch, dass er mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und zum Schwimmen an der 91. Straße - allen Schlaglöchern und Kamikaze-Taxis zum Trotz. Ja, er begebe sich als Radfahrer im Verkehr von Manhattan tagtäglich in Lebensgefahr.

"In New York", lacht Bartel, "ist halt alles viel kompetitiver."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP