Freitag, 19. März 2010

Wirtschaft



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15.06.2007
 

Nobelpreisträger Becker

"Mit Ende 50 in Rente - das sind perverse Anreize"

Er ist einer der wichtigsten Ökonomen unserer Zeit, forschte über Humankapital, Demografie und die Familie. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Nobelpreisträger Gary Becker über die Alterung der deutschen Gesellschaft, die Kinderkrippen-Pläne der Regierung - und Arbeit mit Ende 70.

SPIEGEL ONLINE: Professor Becker, Sie haben sich intensiv mit Themen wie Familienplanung und Demografie befasst. Was halten Sie vom Plan der deutschen Regierung, die Zahl der Kinderkrippen-Plätze im großen Stil zu erhöhen?

Ökonom Becker: "Abwägung zwischen Qualität und Quantität von Kindern"
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AP

Ökonom Becker: "Abwägung zwischen Qualität und Quantität von Kindern"

Gary Becker: Wenn die Politik damit bezweckt, Familien zum Kinderkriegen zu ermuntern und die deutsche Geburtenzahl zu erhöhen - dann ist das eine recht ineffiziente Methode. Deutschland hat jetzt eine Geburtenrate von knapp 1,4 Kindern pro Frau, eine der niedrigsten in Europa, nur geringfügig höher als in Spanien und Italien. Mit einem System staatlich geförderter Krippen können sie das vielleicht um 0,05 Prozentpunkte steigern. Dramatische Verbesserungen wird es nicht bringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein besseres Krippensystem könnte es für Hunderttausende Eltern leichter machen, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

Becker: Ich sage ja nicht, dass man es auf keinen Fall probieren soll. Das ist eine politische Abwägungsfrage. In der Tat arbeiten in Deutschland prozentual gesehen bisher weniger Frauen als in den USA oder Skandinavien. Angesichts der schrumpfenden Bevölkerung muss dieser Anteil steigen. Nur: Ein subventioniertes Krippensystem bringt dem Staat beträchtliche Kosten. Er muss Milliarden Euro dafür ausgeben - bei eher bescheidener Wirkung.

SPIEGEL ONLINE: Warum trauen Sie diesem Instrument so wenig zu? Viele Paare sagen, dass sie eigentlich Kinder möchten – sie finden aber schwer gute Krippen und Kindergärten.

Star- Ökonom: Gary S. Becker, Jahrgang 1930, erhielt 1992 den Nobel- Gedenkpreis für Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Tod seines Doktorvaters Milton Friedman gilt er vielen als einflussreichster Ökonom der Gegenwart.

Human- Kapitalist: Becker hat den Aktionsradius seines Fachs bedeutend ausgeweitet: Als einer der ersten wandte er moderne mathematische Methoden der Wirtschaftswissenschaft auf Alltagsphänomene an. Er untersuchte Phänomene wie Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, die Rendite von Kriminalität und die Ökonomie der Familie. Besonders bedeutend sind seine Untersuchungen zum Thema Humankapital – er zeigte, wie sich Investitionen in Bildung für Einzelne und für ganze Nationen auszahlen.

Chicago Boy: Den größten Teil seiner Karriere verbrachte Becker an der University of Chicago, wo er heute noch lehrt. Wie sein Mentor Friedman denkt er konservativ- liberal. So ist er Mitglied der von Friedrich August von Hayek gegründeten ultraliberalen Mont- Pèlerin- Gesellschaft, der er Anfang der neunziger Jahre auch vorsaß.

Becker ist Vater zweier Töchter und in zweiter Ehe verheiratet.
Becker: Zum einen glaube ich, dass Kinderbetreuung nicht Sache des Staates sein sollte. Falls es echten Bedarf gibt, wird der Markt für Betreuungsmöglichkeiten sorgen. Das ist ja kein komplexes Geschäft: Sie benötigen einen Raum oder zwei, passen auf die Kinder auf und bieten Mahlzeiten an. In den USA gibt es viele private Angebote für Kinder aller Schichten. Zum anderen - das ist das eigentliche Problem - schaffen Krippen allein keinen Anreiz, von der Ein-Kind-Familie abzugehen und zwei oder drei Kinder zu bekommen. Die meisten Eltern beschränken sich ja sehr bewusst auf ein Kind, in das sie möglichst viel investieren wollen. Ich nenne das die Abwägung zwischen Qualität und der Quantität von Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt fast zynisch - als wären Kinder wirtschaftliche Güter.

Becker: Man muss doch realistisch bleiben. Für die meisten Familien ist es eine ökonomische Entscheidung, ob sie ein Kind wollen oder mehrere. Für sie ist es rational, die Zahl der Kinder zu begrenzen. Das kann mitunter in Konflikt mit gesamtgesellschaftlichen Zielen stehen.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen wir akzeptieren, dass der Staat eingreifen muss, damit mehr Kinder zur Welt kommen – was sollte er dann aus Ihrer Sicht tun? Betreuungsurlaub ausbauen?

Becker: Mehr Ganztagsschulen zu schaffen wäre etwas, das vielen deutschen Frauen mit Kindern sicher helfen könnte. Langen, staatlich bezahlten Betreuungsurlaub, wie es ihn in Schweden gibt, halte ich für eine schlechte Idee. Das ist ein verschwenderisches System, das die Sozialkassen belastet. Wenn Sie wirklich die Geburtenrate steigern wollen, ist es das beste, Familien direkte Fördergelder zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Für was?

Becker: Für ihr zweites und drittes Kind. Das wäre am einfachsten und würde besser funktionieren als bezahlter Erziehungsurlaub oder staatlich geförderte Kinderbetreuung. In Frankreich gibt es solche Zahlungen in gewissem Maß bereits. Und Frankreich ist das Land in Westeuropa mit der höchsten Geburtenrate. Es kommt ja selten vor, dass ich die Franzosen für ihre Sozialpolitik lobe – aber diese Idee geht in die richtige Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Prämien für besonders reproduktionsfreudige Eltern sind politisch heikel. In Deutschland werden sich manche an das "Mutterkreuz in Gold" erinnert fühlen werden.

Becker: Ich sage ja nur: Ökonomisch gesehen wären solche Zahlungen für zweite und dritte Kinder das wirkungsvollste Instrument. Wenn sie aus politischen Gründen ausscheiden, sollte man prüfen, ob man eine solche Förderung zumindest indirekt einführen kann. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die Staaten in Europa künftig viel stärker intervenieren werden, um die Geburtenhäufigkeit zu steigern.

St. Gallen Symposium
Das Interview wurde während des Symposiums geführt, das alljährlich von Studenten der Schweizer Universität St. Gallen abgehalten wird. Die dreitägige Tagung stand in diesem Jahr unter dem Titel "The Power of Natural Resources".
SPIEGEL ONLINE: Ist eine schrumpfende Bevölkerung wirklich das Katastrophenszenario, als das sie oft dargestellt wird? Oder ist die Aufregung übertrieben?

Becker: Viele Ökonomen sagen, Bevölkerungsrückgang sei gar nicht schlimm. Ich bin davon nicht überzeugt. Im Gegenteil, meiner Meinung nach ist in einer modernen Gesellschaft eine moderat wachsende Bevölkerung wirtschaftlich vorteilhaft. Zum Beispiel haben Hersteller von Medikamenten weniger Anreize, neue Wirkstoffe zu entwickeln, wenn die Bevölkerung schrumpft. Denn dann zahlen sich Innovationen nicht so schnell aus. Unbestreitbar ist, dass der Bevölkerungsrückgang die Sozialsysteme belastet. Deswegen werden sie das Rentenalter steigern müssen. Japan hat das schon gemacht, Männer gehen dort im Schnitt mit 68 in Rente.

SPIEGEL ONLINE: Auch Deutschland will das gesetzliche Rentenalter auf 67 anheben.

Becker: Ich kenne das deutsche Gesetz in Teilen. Die darin vorgesehene Übergangsfrist ist viel zu lang und muss verkürzt werden. Sehen Sie mich an, ich bin Ende Siebzig und arbeite immer noch Vollzeit. Das ist sicher nichts für jedermann. Aber wir alle leben länger, bleiben geistig und körperlich länger gesund. Wie kann man da, wie in vielen Ländern Europas, die Menschen ermutigen, mit Ende 50 in Rente zu gehen? Das sind perverse Anreize.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Europa seine demografische Krise lösen wird?

Becker: Wenn die Geburtenrate so bleibt, wird ein Volk wie die Italiener in fünf, sechs Generationen verschwinden. Ob die Gesellschaften Europas das Problem lösen, hängt auch davon ab, ob sie mehr Einwanderung erlauben oder nicht. Aus meiner Sicht ist das die wirksamste Art, die Bevölkerungszahl zu stabilisieren oder sogar zu steigern. Es ist auch die billigste: Die Einwanderer sind auf Kosten anderer Ländern ausgebildet worden, kommen nun zu Ihnen, zahlen Steuern und entlasten die Sozialsysteme.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest dann, wenn es junge, gesunde, hoch qualifizierte Einwanderer sind.

Becker: Deshalb spreche ich mich auch für eine Art Punkte-System aus. Wer gut ausgebildet ist, bekommt mehr Punkte und darf eher einwandern als andere. Länder wie Neuseeland und Australien praktizieren das mit Erfolg. In den USA und Europa wird nicht genug auf die Qualifikation von Einwanderern geachtet.

SPIEGEL ONLINE: Irgendwann könnte es zwischen Ländern wie den USA und den Staaten Europas ein Wettrennen um die klügsten Einwanderer geben.

Becker: Zu einem gewissen Grad gibt es das schon. Die USA hatten bisher immer Vorteile dabei, Wissenschaftler oder Software-Experten anzuwerben. Auch deshalb, weil wir eine lange Tradition der Einwanderung haben. Meine Frau etwa ist aus Iran eingewandert, sie lehrt an der Universität. Für sie war es leicht, in den USA heimisch zu werden. Ihr Bruder ist Arzt in Deutschland - dort begegnet man Fremden oft mit weniger Offenheit. Leider haben die Vereinigten Staaten einen Teil dieses Vorteils verspielt, indem sie nach 9/11 die Einreise für ausländische Studenten erschwert haben. Da haben die USA einen schrecklichen Fehler gemacht.

Das Interview führte Matthias Streitz

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