Von Anne Seith, Shenzhen
Shu Ye hat Glück gehabt, findet sie. Mit schüchternem Lächeln zeigt sie das kleine Zimmer, das sie sich mit zehn anderen Arbeiterinnen teilt: Stählerne Doppelbetten, statt Matratzen gibt es nur dünne Bastmatten, die Kleidung hängt aus Platzmangel an Wäscheleinen auf dem Balkon. Dort ist auch das steinerne Waschbecken, an dem sich ein paar andere Mädchen jetzt nach der Arbeit kurz mit Wasser die Haare kämmen.
Für die nördlich von Hongkong gelegene Industriestadt Shenzhen sind die Verhältnisse traumhaft. Das zeigt schon ein kurzer Blick auf die schäbigen Baracken in nächster Nachbarschaft des Fabrikgeländes von Airmate. Im Vergleich dazu ist das Wohnheim, in denen der taiwanische Ventilatoren-Hersteller seine über 7000 Arbeiter unterbringt, auffällig gut in Schuss. In Shu Yes Raum gibt es sogar einen Fernseher auf dem gerade eine Hochglanzsoap läuft. Und die 20-Jährige verdient 1000 Yuan im Monat, rund 100 Euro. Das sind 200 Yuan mehr als es das Gesetz vorschreibt. "Drei Jahre will ich mindestens noch hier bleiben", sagt Shu Ye deshalb. Wie fast alle Arbeiter bei Airmate schickt sie fast ihren ganzen Lohn an ihre Familie.
Shu Ye hat einen Arbeitsvertrag und der Geschäftsführung zufolge auch eine Krankenversicherung - und damit mehr als die meisten Wanderarbeiter, die aus den verarmten ländlichen Regionen im Inland in die neuen Boomstädte strömen, wo sie sich als Bauarbeiter oder Fabrikarbeiter verdingen. Dabei sind sie diejenigen, die die Wolkenkratzer in Glitzer-Metropolen wie Shanghai hochziehen, die im sogenannten Perlflussdelta um Shenzhen herum Computer, Spielzeuge oder auch Feuerzeuge für die ganze Welt zusammenbauen.
Allein in Shenzhen arbeiten 10 Millionen Wanderarbeiter, schätzt Liu Kaiming vom Shenzhen Contemporary China Research Centre. In ganz China sind es Amnesty International zufolge rund 200 Millionen. Ein solch gigantisches Heer an Billigarbeitskräften hat kein anderes Land zu bieten, wie etwa der Chef des taiwanischen PC-Herstellers Acer, J. T. Wang, unverblümt zugibt. Man könne "in China sehr schnell Tausende Arbeiter in einer Woche anheuern – oder sie auch ohne jegliche Probleme wieder entlassen. Arme junge Männer warten immer vor der Tür, um in den Industriezentren um Shenzhen und Shanghai zu arbeiten", sagt er.
Die Arbeitsbedingungen, unter denen die Wanderarbeiter schuften, erinnerten oft an "modernen Formen der Sklaverei", sagt Amnesty-China-Experte Dirk Pleiter. Horror-Nachrichten, wie die, die gerade aus der nördlichen Provinz Shanxi kamen, überraschen ihn nicht: Dort wurden 31 Arbeiter über ein Jahr lang in einer Ziegelei gefangen gehalten, wo sie bis zum Umfallen ackern mussten - ohne Lohn, nur für Wasser und Brot. Die Polizei stürmte das Gelände erst, nachdem ein Mann von den Wächtern der Fabrik zu Tode geprügelt worden war. Berichten chinesischer Zeitungen zufolge hatten viele Arbeiter schwere Verbrennungen am ganzen Körper - sie mussten die Ziegel ungekühlt auf dem Rücken transportieren. Einige waren so verwirrt, dass sie ihren eigenen Namen vergessen hatten.
Ein Extremfall? "Es ist zu befürchten, dass so etwas durchaus öfter vorkommt", sagt Pleiter. Die Schikanen, die viele Wanderarbeiter Tag für Tag erleben, hat die Organisation in einem detaillierten Bericht zusammengetragen. Der liest sich wie die dunkelsten Kapitel der Geschichte der industriellen Revolution. Da ist von Fabrikleitern die Rede, die die Arbeiter misshandeln und systematisch Lohn zurückhalten, die Geldstrafen für Zuspätkommen oder Widerworte verlangen, die Sicherheitsvorschriften nicht einmal ansatzweise einhalten.
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