Von Anne Seith, Shenzhen
Auch Arbeitsrechtler wie Liu Kaiming berichten von solchen Zuständen, allein im vergangenen Jahr seien in der Provinz Guangdong - zu der Shenzhen gehört - 1023 Arbeiter bei Unfällen in den Fabriken ums Leben gekommen. Auch in westlichen Medien tauchen immer wieder Berichte über tödliche Explosionen oder katastrophale Zustände auf. Sogar in Fabriken, wo Briefpapier und Taschen für die Olympischen Spiele hergestellt wurden, traf eine internationale Menschenrechtsorganisation jetzt Kinder an, die teils 13 Stunden arbeiten mussten und dafür gerade einmal die Hälfte des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns bekamen. Das jüngste war 12.
Natürlich ist Kinderarbeit formal verboten, das Arbeitsrecht sei auch insgesamt "gar nicht schlecht", sagt Amnesty-Experte Pleiter. Es gibt Mindestlöhne, Sicherheitsvorschriften, pro Woche darf höchstens 48 Stunden gearbeitet werden. Allerdings bestehen die strengen Regeln fast nur auf dem Papier - denn die meisten Wanderarbeiter sind illegal beschäftigt. Das sogenannte Haushaltsregistrierungsgesetz bindet Chinesen weitgehend an ihren Wohnort. Die Genehmigung, woanders zu arbeiten, ist schwer zu bekommen - und teuer.
Rund 60 Prozent der Wanderarbeiter haben deshalb noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Sie sind der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert, weder kranken- noch unfallversichert, ihre Kinder dürfen nicht in die öffentlichen Schulen gehen.
Während die Zahl der chinesischen Dollar-Millionäre so Jahr für Jahr zunimmt und in den Großstädten eine konsumfreudige Mittelschicht entsteht, wächst auf der anderen Seite ein riesiges Lumpenproletariat heran. Dass diese Massen an Armen sich ihrem Schicksal nicht ewig mit konfuzianischer Geduld beugen werden, weiß auch die Zentralregierung. Hinzu kommt noch der Druck der internationalen Staatengemeinschaft und multinationaler Konzerne, die die katastrophalen Zustände in der Werkstatt der Welt nur bedingt ignorieren können.
Deshalb hat die Regierung ihrer Politik längst einen sozialen Touch verliehen: Die staatlichen Zeitungen berichten immer öfter über die Missstände in den Fabriken, die Zweigstellen der chinesischen Einheitsgewerkschaft All-China Federation of Trade Unions setzen sich verstärkt für die Belange der Arbeiter ein. Im März verkündete Premier Wen Jiabao neue Richtlinien mit dem Versprechen, die rechtliche Situation der Wanderarbeiter zu verbessern.
Gute Arbeitsbedingungen lassen sich auch vermarkten
Doch die oft lärmend vorgetragenen Versprechen nimmt Amnesty-Experte Pleiter nicht allzu ernst. "Zum einen ist das, was die Zentralregierung will und das was die Provinzen wollen, nicht immer das gleiche. Zum anderen dürfen die Arbeitskosten für ausländische Unternehmen auf keinen Fall zu stark steigen." Schon als der chinesische Volkskongress bei seiner letzten Sitzung den Kündigungsschutz verbesserte, protestierte etwa die amerikanische Handelskammer lautstark. Und fast täglich sind irgendwo Klagen über die angeblich rasant wachsenden Lohnkosten zu lesen.
Dabei lassen sich passable Arbeitsbedingungen durchaus verkaufen. Airmate-Geschäftsführer Justin Hsu etwa führt Besucher nur zu gern in den Wohnheimbereich seiner Mitarbeiter und hat auch schnell einige Frauen für ein Interview parat, dem er lächelnd lauscht. "Es gibt hier viele Entwicklungsmöglichkeiten", sagt eine brav während sie verlegen ihre Finger knetet. Unten strömen gerade Hunderte ihrer Kollegen aus der Kantine um die Ecke, einige haben Waffeleis in der Hand, andere hören über Handys laut blecherne Musik. Es ist ein Bild perfekter Idylle für chinesische Zustände. Am Wochenende würden oft Karaoke-Veranstaltungen organisiert oder Basketballspiele, erklärt Hsu strahlend. "Wir denken immer nach, wie wir es unseren Arbeitern gut gehen lassen können."
Manch Arbeitsrechtler hofft, man könne diese Vermarktungschancen nutzen. Der TÜV Rheinland, der in Shenzhen sonst Spielzeug und andere Konsumgüter auf deutsche Standards abklopft, glaubt sogar an ein neues, lukratives Geschäftsfeld: Das Prüf-Unternehmen führt gerade ein Sternesystem ein, bei dem auch für Arbeitsbedingungen und für umweltfreundliche Produktionsweisen Punkte verliehen werden.
Doch auch bei solchen Initiativen ist AI-Experte Pleiter skeptisch. "Vor allem große Konsumgüterhersteller achten aus Imagegründen auf die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern, alle anderen Unternehmen aber sind vor allem an niedrigen Arbeitskosten interessiert." Pleiter ist überzeugt: So lange es in China keine freie Presse und keine unabhängigen Gewerkschaften gibt, werden Arbeitsbedingungen wie bei Airmate als paradiesisch gelten.
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