Von Wolfgang Kaden
Es handelt sich bei Vorstandsbezügen eben nicht um Markt-, sondern um Macht-Einkommen. Um noch einmal das Beispiel BMW/Daimler zu bemühen: Bei den Münchenern entscheiden über die Saläre der Vorstände die Großaktionäre in Person der Geschwister Quandt; und die haben es lieber etwas bescheidener.
In Stuttgart bei Daimler, wie in den meisten Konzernen mit breit gestreuten Aktien, befinden Aufsichtsräte über die Bezahlung, die erstens zum überwiegenden Teil vom Vorstandsvorsitzenden persönlich ausgesucht wurden und zweitens in der Regel ebenfalls angestellte Manager sind oder waren. Da herrscht ein gemeinsames Interesse von Gebenden und Nehmenden, das allgemeine Gehaltsgefüge in immer luftigere Höhen zu hieven. Man hat die Macht, und man nutzt sie fürs eigene Konto.
Es darf gemutmaßt werden, dass solch ungeniertes Aneignen von Unternehmens-Ressourcen in der Deutschland AG seligen Angedenkens nicht möglich gewesen wäre. Da achteten allseits respektierte Meinungsführer wie Hermann Josef Abs oder später Hans L. Merkle auf die Einhaltung der wichtigsten Regeln. Solche Autoritäten fehlen heute.
Löhne stagnieren, Managergehälter steigen
Nur nebenbei soll hier erwähnt werden, dass in den Aufsichtsratspräsidien, wo über die Bezahlung der Vorstände vorentschieden wird, stets auch ein Repräsentant der Arbeitnehmerbank sitzt; dass die Gehaltsexzesse ja durchaus eine Möglichkeit wären, in der sich die Mitbestimmung bewähren könnte. Doch auch hier, wie insgesamt bei der Unternehmenskontrolle, versagt die Mitbestimmung. Die Gewerkschafter lassen die Gehaltserhöhungen der Vorstände in der Regel widerspruchslos passieren.
Sie muss es ja auch nicht bekümmern, welche Fernwirkungen die fröhliche Gehältersause der Unternehmensfürsten haben kann. Genauso wenig, wie es offenkundig die Managerkaste interessiert, in welchem gesellschaftlichen und politischen Umfeld sie ihre Dagobert-Duck-Festspiele treiben.
Erinnern wir daran: Die OECD warnt vor "Altersarmut" in Deutschland. Die Reallöhne in Deutschland stagnieren seit mehr als einem Jahrzehnt, erst das jüngste Konjunkturhoch drehte leicht den Trend. Fakt ist, wie der SPIEGEL in einer Titelgeschichte schrieb: "Deutschland driftet auseinander", der Abstand zwischen Arm und Reich wird größer.
Die Politiker - schlecht bezahlt und von den meisten Managern verachtet - kämpfen seit Anfang dieses Jahrzehnts einen verbissenen Kampf, um den Wohlfahrtsstaat auf ein bezahlbares Niveau herunterzufahren und die öffentlichen Haushalte sowie die Sozialkassen vor dem Kollaps zu bewahren. Nur mühsam gelingt es ihnen, den Bürgern, ihren Wählern, die Einsicht in das Unvermeidliche zu vermitteln.
Machtmissbrauch der Unternehmenselite
Doch die sind immer weniger bereit, Verständnis zu zeigen. Seit Jahren sinkt hierzulande die Zustimmung zur marktwirtschaftlichen Ordnung mit beängstigender Regelmäßigkeit. Der Regierungspartei SPD geben laut neuester Umfrage nur noch 24 Prozent ihre Stimme, die Populisten der Links-Partei hingegen wären, wenn jetzt gewählt würde, die drittstärkste Fraktion im Bundestag. Der Druck, den die SED-Nachfolgepartei um Oskar Lafontaine und Gregor Gysi ausübt, zwingt die Sozialdemokraten zunehmend in die Reformverweigerung. Er sorgt dafür, dass eine so unsinnige Forderung wie die nach einem Mindestlohn demnächst zu einem Wahlkampfschlager aufgeputzt wird.
Okay, es wäre abwegig, für diese wenig erfreulichen Trends allein die angestellten Unternehmensführer und das Ärgernis ihrer Bezüge haftbar zu machen. Das Land hat über seine Verhältnisse gelebt, die Rückkehr zu bezahlbaren Sozialleistungen und wettbewerbsfähigen Personalkosten in den Unternehmen kann nicht ohne Widerstand vieler Betroffener durchgesetzt werden. Dass all dies seinen Niederschlag in Wahlergebnissen findet, ist sicherlich unvermeidlich.
Aber Politik lebt zu einem nicht geringen Teil von Symbolen. Und risikofrei erworbene Gehälter, die das Drei- oder Vierhundertfache eines gewöhnlichen Arbeitnehmersalärs ausmachen, stehen für einen Machtmissbrauch der Unternehmenselite. Ein Missbrauch, der all jenen, die zum Maßhalten mahnen, die Arbeit nicht unwesentlich erschwert, und den radikalen Parteien wunderbare Vorlagen liefert.
"Eine Ordnung, die nicht mehr als gerecht empfunden wird, hat unter demokratischen Verhältnissen keine Zukunft", vermerkte einmal die "FAZ" in einem Leitartikel. Fraglos eine notwendige Mahnung an das Unternehmensestablishment, das zu vergessen scheint, dass die Rahmenbedingungen einer marktwirtschaftlichen Ordnung von der Gesellschaft gebilligt werden müssen, sollen sie dauerhaft Bestand haben.
Womöglich sind das aber alles Überlegungen, mit denen die Köpfe der Topmanager überfordert werden. Es wird ja gern gesagt und stimmt wohl auch, dass die sich - heute in Hongkong, morgen in New York - mental längst in Sphären weit außerhalb jenes Landes bewegen, aus denen ihr Unternehmen erwachsen ist. Und dennoch: Wenn in diesen Zeiten so gern über Unternehmensethik geredet und geschrieben wird - dürfen wir da nicht auch von den angestellten Unternehmern ein bisschen Mäßigung bei der privaten Vermögensbildung und ein Mindestmaß an Verantwortungsgefühl erwarten?
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