Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.07.2007
 

Sat.1 streicht Nachrichten

"Haben Sie einen Job für uns?"

Von Carolin Jenkner

ProSiebenSat.1 setzt auf Unterhaltung statt Information: Ab heute gibt es Wiederholungen von Gerichtsshows statt News. Die Mitarbeiter der Nachrichtensendungen verstehen die Welt nicht mehr - die Quoten ihrer Sendungen waren gut.

Berlin – Mareile Höppner sieht man die Enttäuschung auf den ersten Blick nicht an. Sie sieht immer noch so aus, als könnte sie gleich vor die Kamera treten und die Nachrichten "Sat.1 am Mittag" moderieren: Dezent geschminkt, Sommerkleid, die Frisur sitzt perfekt. Sie muss es aussprechen, damit man ihr den Unmut anmerkt. "Es ist einfach eine Enttäuschung", sagt sie.

Moderatorin Höppner als Model bei der Fashion Week in Berlin: Laut Forsa war sie die "erotischste Newsfrau Deutschlands"
Zur Großansicht
DDP

Moderatorin Höppner als Model bei der Fashion Week in Berlin: Laut Forsa war sie die "erotischste Newsfrau Deutschlands"

Um 12.30 Uhr am Montag hatten die Mitarbeiter von "Sat.1 am Mittag" einen Termin bei Senderchef Matthias Alberti. Der verkündete ihnen im distanzierten Ton, die gerade ausgestrahlte Sendung sei ihre letzte gewesen. Höppner sagt, sie habe nicht einmal Zeit sich von ihren Zuschauern zu verabschieden. "Statt Information kommt dann 'Richterin Barbara Salesch'", erzählt die 30-Jährige."Eine Wiederholung."

32 Mitarbeiter des Mittagsmagazins sitzen am Abend auf einer Bierzeltgarnitur im Berliner Szene-Biergarten Prater im Stadtteil Prenzlauer Berg. Der Tagesfrust wird mit Pils und Zigaretten übertüncht. Niemand von ihnen weiß so recht, wie es weitergeht.

Konzernweit sind bis zu 200 Jobs gefährdet, heißt es beim Sender, davon etwa 60 bei Sat.1 - rund ein Viertel der Belegschaft. Vor Monaten hatten Finanzchef Lothar Lanz und Permira-Deutschland-Chef Thomas Krenz noch versichert, es werde keinen Jobabbau geben. Doch Konzernchef Guillaume de Posch will die Rendite in den nächsten Jahren von derzeit 22,2 Prozent auf bis zu 30 Prozent steigern. Auf dem Konzern lasten zudem über vier Milliarden Euro Schulden. Der nun geplante Job-Abbau im Informationsbereich geht auf Empfehlungen der Unternehmensberatung McKinsey zurück.

Bei ProSiebenSat.1 heißt es: "Die Maßnahmen haben nichts mit den neuen Eigentümern KKR und Permira zu tun." Vielmehr gebe es seit längerem Überlegungen zu Kostenoptimierungen. Bis November werden die "Sat.1 am Mittag"-Macher noch bezahlt, so lange laufen die Verträge. Am Nachbartisch sitzen die Kollegen von "Sat.1 am Abend". Sie haben es ein bisschen besser: Die meisten haben unbefristete Verträge und hoffen, noch irgendwo anders im Unternehmen unterzukommen.

An welchem der beiden Tische man auch lauscht: Die Enttäuschung ist unüberhörbar. "Wir haben Samstag auf SPIEGEL ONLINE erfahren, dass die Sendung eingestellt werden soll", sagt ein Redakteur, der nicht genannt werden will. "Haben Sie vielleicht einen Job für uns?" Aus Enttäuschung wird Zynismus. "Willkommen auf unserer Abschiedsfeier", sagt ein anderer. Seit gut zehn Stunden wissen sie von ihrer Kündigung, seit vier Stunden sitzen sie im Biergarten. Das Thermometer zeigt auch um 23 Uhr noch 30 Grad an.

Mareile Höppner kann die Kündigung nur teilweise verstehen. "Es ist nachvollziehbar, dass ein großer Konzern sich entwickeln muss", sagt sie. "Aber ein quotenstarkes Format einzustellen, ist nicht in Ordnung." Es ist gar nicht lange her, da wurde Mareile Höppner laut einer Forsa-Umfrage zur "erotischsten Newsfrau Deutschlands" gewählt. Jetzt fühlt sie sich vor den Kopf gestoßen und weiß nicht, wie es weitergeht.

Neben ihr sitzt Stefan Wichmann, 39. Er war bis gestern Redaktionsleiter bei "Sat.1 am Mittag". "377 Sendungen haben wir zusammen gemacht", erzählt er. "Jeden Morgen sind wir aufgestanden, um ein gutes Magazin zu machen." Sendung Nummer 378 wird es nicht geben. Wenn Stefan Wichmann heute aufwacht, wird ihm etwas fehlen. Er rechnet vor, wie gut die Quote war: "Wir lagen vier Prozent über dem Senderdurchschnitt, waren bei den Zuschauern beliebt – und haben sie gut informiert. Das alles geht jetzt flöten für diese Unterhaltungsgeschichten."

Ein kleiner Funke Hoffnung bleibt noch. "Vielleicht können wir das Programm von außen weiterführen", sagt Wichmann. Also Outsourcing wie bei der Münsterschen Zeitung? Erst alle rauswerfen und dann zu schlechteren Bedingungen wieder anstellen? "Wir hoffen auf jeden Fall noch, dass es irgendwie weitergeht", meint Wichmann. Dann überlegt er einen Moment. "Wir sind voller Tatendrang", sagt er. "Wir wollen gutes Programm machen, egal für welchen Sender."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 154 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.07.2007 von Schwappi: Es gibt....

....ja immer noch die anspruchsvolle Nachrichtensendung auf RTL II ;o) So lange die Einschaltquoten durch einige wenige Tausend Personen ermittelt werden und keine qualifizierte Erhebung durch einen wechselnden Personenkreis [...] mehr...

18.07.2007 von Dancing: mal sehen

Jeder bekommt das Fernsehen bzw. die Nachrichten, die er verdient. Wenn jetzt die Quoten abstürzen würden, gäbs auch bald wieder Nachrichten im Unterschichten-TV (oder was die für Nachrichten halten). Aber mal sehen, ich schätze, [...] mehr...

18.07.2007 von tanni95: Alles zurück!...

...es werden ja gar keine "Nachrichten"sendungen gestrichen, sondern nur zwei Boulevardmagazine, die fälschlicherweise als Nachrichtensendungen bezeichnet werden. Was mich aber wirklich erstaunt ist, dass wohl 50 oder [...] mehr...

18.07.2007 von inci:

bevor das passiert, gibt es eher die interaktive fernbedienung "betty" serienmäßig und ersatzlos ab werk...... http://www.betty-tv.de/de/betty/home/index.php und etwas genauere info zu dem tollen neuen produkt, [...] mehr...

18.07.2007 von Häretiker: Hallo Niels 1986,

allein diese Behauptung beweist doch, dass Sie nicht wirklich wissen was in den ÖR läuft! ;-)) mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP