Von Nils-Viktor Sorge, Kamp-Lintfort
Kamp-Lintfort - Mit einem Ruck hebt Alois Brelih sein Bein und schwingt es über den Sims des zersplitterten Fensters. Schon steht er drin in dem Haus, in dem er 20 Jahre lang gelebt hat. "Ach du lieber Himmel", entfährt es ihm.
Die bunten Tapeten hängen von den Wänden, Heizkörper sind herausgerissen und liegen auf dem Boden. Der ist übersät mit Scherben und Zigarettenstummeln. Mittendrin liegt ein großer schwarzer Plüschhund mit verklebtem Fell. Manchmal schlüpfen offensichtlich Jugendliche herein – davon zeugen die zusammengerückten Polstergarnituren.
Brelih, der hier früher Hausmeister war, stapft durch die Wohnungen eines verlassenen Hochhauses mitten in Kamp-Lintfort. Die Stadt liegt am Niederrhein, im Herzen Westdeutschlands. Und das leerstehende Gebäude ist nicht das einzige hier.
Die "Weißen Riesen", wie die Sechzehngeschosser in Kamp-Lintfort heißen, wurden Anfang der siebziger Jahre gebaut. Wie in zahlreichen anderen westdeutschen Städten waren sie die Antwort auf das Bevölkerungswachstum der Ballungszentren. Fahrstühle, Garagen und eingebaute Waschmaschinen versprachen modernes Wohnen. Dass Teile einer historischen Bergarbeitersiedlung für sie weichen mussten, störte in Kamp-Lintfort damals fast niemanden.
"Anfang der siebziger Jahre waren diese Häuser schon was", sagt Bürgermeister Christoph Landscheidt (SPD). Von seinem Schreibtisch im Rathaus blickt er aus dem Fester auf das, was die meisten hier nur noch "Schandfleck" nennen. Wie Mahnmale ragen die drei Häuser in den Himmel. Die zerschlagenen Fenster in der angegrauten Fassade wirken wie tote Augen.
Alte Werbefilme mit spielenden Kindern
Seit ein paar Jahren ist klar: Die Weißen Riesen mit ihren mehr als 200 Wohnungen sollen weg. Möglichst alle drei und möglichst schnell. Landscheidt ist zuversichtlich, dass er noch im Sommer die Weichen dafür stellen kann – an einem runden Tisch mit den Eigentümern, die wohl endlich verkaufen wollen.
Ein komplettes Hochhaus-Ensemble soll verschwinden und Platz machen für Neues. Mit dem Startschuss für diese radikale Maßnahme wäre Kamp-Lintfort der Pionier beim Rückbau westdeutscher Großsiedlungen.
Bereits Ende der achtziger Jahre verloren die Häuser deutlich an Attraktivität. Früher zog es noch Einwanderer aus Osteuropa, vor allem aus Jugoslawien, in die Wohnungen. Heute kommen auch sie nicht mehr. Vielerorts scheint niemand mehr in den Plattenbauten leben zu wollen.
Dabei galten die Gebäudekomplexe einst als Wohnform der Zukunft – auch im Westen. Im Internet kursieren noch alte Werbefilme der Wohnbaugesellschaften, die mit tobenden Kindern zwischen den Kolossen werben.
"Als derartige Siedlungen und Hochhäuser gebaut wurden, ging man fälschlicherweise davon aus, dass in ihnen das Zusammenleben und so etwas wie ein Gemeinwesen problemlos gedeihen können", sagt David Frössler, Projektleiter der Agentur Stadtumbau NRW. Oft habe es angesichts des rasanten Wirtschaftswachstums auch gar keine Alternative zu den Beton-Riesen gegeben.
Trend zur Verwahrlosung
Doch die Abwärtsspirale begann sich schon bald zu drehen, nachdem die Häuser fertig waren. "Der Trend zur Verwahrlosung war nach wenigen Jahren nicht zu übersehen", sagt Sabine Wachtendonk, die eine der ersten Mieterinnen in Kamp-Lintforts "Weißen Riesen" war. Öfter seien Fassadenplatten abgefallen und nicht wieder angebracht worden. In der Tiefgarage fühlte sie sich immer unsicher.
Nachdem die ersten Bewohner - so wie Wachtendonk - in die umliegenden Dörfer zogen, folgten ihnen in den Stadtwohnungen oft Sozialmieter nach. Für sie fand die Kommune anderswo schwer Unterkunft, und die Vermieter hatten sichere Einkünfte. "Doch wenn man nur noch sozial schwierige Mieter in ein Haus steckt, kann man sich leicht vorstellen, was passiert", sagt Bürgermeister Landscheidt.
Heute sind Stadtteile wie Osterholz-Tenever (Bremen), Osdorfer Born (Hamburg), Hochheide (Duisburg) und Kielstraße (Dortmund) mit ihren zigtausenden Wohnungen ein Symbol für die kurzlebige Wohnungspolitik der späten Wirtschaftswunderzeit. Fast überall hat sie die gleichen Folgen wie in Kamp-Lintfort.
Frössler nennt die Gebäude ein "Wahrzeichen des Verfalls" oder "Enklaven sozial Benachteiligter". Viele warten nur noch auf den Abriss oder die Sprengung – wenige Jahrzehnte nach der feierlichen Einweihung. "Bei heruntergewirtschafteten Häusern ist in der Regel der Totalabriss die wirtschaftlichste Variante", sagt Frössler.
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