Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.08.2007
 

Angst vor neuer Hypothekenpleite

Panikartige Aktienverkäufe in Asien

Der Dow unter 13.000, der Nikkei verliert in zwei Tagen fast fünf Prozent - die Verluste an den Weltbörsen nehmen bedrohliche Ausmaße an. Und in den USA droht der nächste Hypotheken-Bankrott. Die Notenbanken setzen auf eine Doppelstrategie: Geld geben und Gesundbeten.

Tokio/Singapur/Washington - Die Weltbörsen interpretierten die widersprüchlichen Signale auf ihre Weise – die Ängste vor den weltweiten Folgen der US-Hypothekenkrise bekamen neue Nahrung. Besonders zu spüren bekamen die asiatischen Börsen die Unsicherheit, sie mussten Tagesverluste hinnehmen, die annähernd so hoch waren, wie die nach den Anschlägen auf die USA im September 2001.

Börsenbarometer in Tokio: "Das Vertrauen der Märkte schrumpft"
DPA

Börsenbarometer in Tokio: "Das Vertrauen der Märkte schrumpft"

"Das Vertrauen der Märkte schrumpft, und die Akteure können sich nicht beruhigen", sagte Kazuhiko Shibata von der Dresdner Bank in Tokio. Weiterhin falle es den Marktteilnehmern schwer, die Tiefe der Krise und die damit verbundenen Risiken auszuloten. Einige Anleger verkauften mehr nach Gefühl als nach realistischer Einschätzung. "Das sind schon fast Panik-Verkäufe", ergänzte Yoshinori Nagano von Daiwa Asset Management. Er gehe allerdings davon aus, dass der Höhepunkt des Verkaufstrends bald erreicht sein werde.

In Tokio schloss der Nikkei-Index der 225 führenden Werte zwei Prozent tiefer bei 16.148 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index notierte 1,67 Prozent schwächer bei 1567 Zählern. Zeitweise hatten die beiden Indizes um jeweils rund drei Prozent nachgegeben. In Seoul knickte der Leitindex gar um fast sieben Prozent ein. Der Markt in Singapur fiel um 3,7 Prozent, die Börse in Taiwan um 4,6 Prozent und die in Hongkong um 3,7 Prozent.

Berichte von panikartigen Verkäufen

Der stärkere Yen belastete zudem Exportwerte. Die Titel des Autobauers Toyota büßten 4,4 Prozent ein. Die Papiere des Unterhaltungselektronikkonzerns Sony gaben 3,6 Prozent ab.

Im Finanzsektor sorgten erneut Hiobsbotschaften aus den USA für schlechte Stimmung: Dieses Mal waren es Spekulationen über Finanzprobleme bei der Hypothekenbank Countrywide. Der Aktienkurs der US-Hypothekenbank war nach Gerüchten über Finanzierungsprobleme abgestürzt. Die Papiere notierten gestern zeitweise gut 21 Prozent tiefer und schlossen 13 Prozent im Minus bei 21,29 Dollar. Das Unternehmen hat Händlern zufolge Schwierigkeiten, sich kurzfristig Geld zu beschaffen. Sollte sich die Liquiditätskrise verschärfen, stehe die Firma vor der Insolvenz, schrieb ein Analyst von Merrill Lynch.

Ein Countrywide-Sprecher lehnte eine Stellungnahme dazu ab und erklärte, dass das Management damit beschäftigt sei, das Unternehmen in einem sich ändernden Umfeld zu führen. Das Unternehmen hatte zuletzt versucht, die Investoren zu beruhigen und die Zuversicht geäußert, dass die Geschäfte wieder besser laufen, sobald die Krise auf dem Hypothekenmarkt vorbei sei. Allerdings hatte Countrywide erst am Dienstag darauf verwiesen, dass die Zahl der Zwangsversteigerungen im Juli auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen ist.

Risiken kaum auszuloten

Im Sog der Countrywide-Spekulationen verloren in Tokio die Aktien der zweitgrößten japanischen Bank Mizuho Financial mehr als sieben Prozent. Die Titel von Branchenprimus Mitsubishi UFJ gaben 3,7 Prozent nach.

In New York war der Dow-Jones-Index der Standardwerte gestern erstmals seit April unter die Marke von 13.000 Punkten gefallen. Er schloss 1,29 Prozent im Minus bei 12.861 Zählern. Der breiter gefasste S&P-500-Index verlor 1,39 Prozent auf 1406 Zähler. Der Technologie-Index Nasdaq gab 1,61 Prozent auf 2458 Punkte nach.

Der Chef der Federal Reserve von St. Louis, William Poole, sagte gestern Abend ausdrücklich, dass eine außerordentliche Zinssenkung wegen der Krise am Kreditmarkt nicht auf der Tagesordnung steht. "Zu diesem Zeitpunkt kann man noch nicht sagen, ob die Turbulenzen am Markt den Kurs der Wirtschaft fundamental geändert haben", sagte der Notenbanker. "Offensichtlich sind Auswirkungen festzustellen. Aber wir müssen uns auf wirkliche Belege stützen." Er habe seine Einschätzung zu den Konjunktur-Aussichten nicht wesentlich geändert.

Gleichzeitig stellte die amerikanische Notenbank erneut mehrere Milliarden Dollar für den Geldmarkt zur Verfügung, um die Auswirkungen der Hypothekenkrise zu dämpfen. Seit dem 9. August addieren sich diese Interventionen der Notenbank auf ein Volumen von 71 Milliarden Dollar. Die Fed will verhindern, dass Liquiditätsengpässe die Zinsen am Geldmarkt über den Richtwert von zurzeit 5,25 Prozent heben. Diesen Zinssatz der Federal Funds Rate berechnen die Banken, wenn sie einem anderen Institut kurzfristig Kredite bereitstellen.

Die meisten deutschen Aktien sind nach sehr negativen Vorgaben sehr schwach in den Handel gestartet. Der Dax sank in den ersten Minuten unter die Marke von 7300 Zählern und verlor 2,01 Prozent auf 7.296,17 Zähler. Für den MDax mittelgroßer Werte ging es um 2,14 Prozent auf 9743,48 Punkte nach unten. Der TecDax sank um 2,79 Prozent auf 848,00 Zähler.

mik/Reuters/AFP/AP/dpa-AFX

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP