Wirtschaft



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16.08.2007
 

US-Hypothekenkrise

Der geplatzte amerikanische Traum

Von Marc Pitzke, New York

2. Teil: Die Zinsbelastung für Helen Brown explodiert

Kunden wie Helen Brown, die davon keine Ahnung hatte, gerieten dabei unter die Räder. Exakt zwei Jahre, nachdem sie den Vertrag unterschrieben hatte, explodierte im Mai dieses Jahres Browns Zinssatz von 9,4 auf 12 Prozent - und die Monatsrate auf 2000 Dollar. Mehr noch: Die Bank kündigte an, der Zinssatz werde zum November erneut steigen.

"Ich fühle mich echt betrogen"

Brown bat NovaStar um Hilfe. Vergebens. Sie bat andere Hypothekenfirmen um Hilfe. Vergebens. Sie bettelte bei Banken. Vergebens. "Jeder, den ich ansprach, sagte mir, er könne nichts für mich tun", berichtet sie. Begründung: Ihre Bonität sei zu schlecht. Brown ist verbittert: "Sie war nicht zu schlecht, um mir die ursprüngliche Hypothek zu geben!"

Jetzt steht sie vor dem Ende. Noch hat Brown keine Zahlung versäumt, doch bald weiß sie nicht mehr, wo das Geld herkommen soll. Shawn hat einen zweiten Job angenommen, aber auch das reicht kaum. Und nach zwei Monaten Rückstand leiten die Banken hier in der Regel die Zwangsversteigerung ein. "Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagt sie.

Brown will nun versuchen, eine Umschuldung zu arrangieren. Doch ob das klappt, ist offen - zumal der Schätzwert ihres Hauses gesunken ist. "Ich fühle mich echt betrogen", sagt sie.

Helen Brown ist nur ein Beispiel von Millionen - und die Lage dürfte sich eher noch verschlechtern als verbessern. "Die derzeit notleidenden Kredite bilden nur die Spitze des Eisbergs", sagt Bruce Marks, der CEO der Hilfsorganisation Neighborhood Assistance Corporation of America (NACA) in Boston, die Betroffenen wie Brown unter die Arme zu greifen versucht, zu SPIEGEL ONLINE. "Dies ist erst der Anfang." Seine Organisation allein habe bisher mehr als 50.000 Hilfsgesuche erhalten.

Jeder zweite Anrufer im Zahlungsrückstand

Jedes achte US-Hypothekendarlehen ist eine solche "subprime loan" wie die Browns - ein Ramschkredit zu haarsträubenden Bedingungen. Jeder siebte Kreditnehmer ist mit seinen Zahlungen im Rückstand, Tendenz steigend. Mancherorts sind sogar ein Viertel aller Kredite "subprime". Wiederum ein Viertel davon endet in der Zwangsversteigerung.

Die Notrufe häufen sich. Die gemeinnützige Homeownership Preservation Foundation (HPF) für Hypothekenopfer vermeldete für das zweite Quartal 2007 über 30.000 Anrufe "beunruhigter Hausbesitzer" auf ihrer "Helpline", mehr als doppelt so viele wie im ersten Quartal - und über das Sechsfache des Vergleichsquartals 2006. Jeder zweite Anrufer war über zwei Monate im Zahlungsrückstand.

Etwa der 67-jährige Rentner Don Bullis aus dem südkalifornischen Orange County. Bullis - der seine Leidensgeschichte auf einem Online-Forum erzählt - bezieht gemeinsam mit seiner Frau gerade mal 2300 Dollar im Monat. Die Hypothek für ihr Haus, mit einer Schuldlast von 338.000 Dollar, brach ihnen das Genick.

Doch dann fand der 67-Jährige World Savings. Die Hypothekenfirma, seit 2006 eine Tochter der Großbank Wachovia, bot ihm einen ARM-Kredit mit flexibler Verzinsung an. "Ich dachte", schreibt Bullis, "dass die Monatsrate 1380 Dollar betragen würde und ich, wenn das Geld mal knapp ist, weniger zahlen könnte."

Kurs ins Nichts gestürzt

Doch dann kam die Rechnung: 1380 Dollar - Mindestzahlung. Grund: Der Broker hatte das Monatseinkommen der Bullis' gegenüber World Savings auf 7000 Dollar aufgeblasen, um bessere Kreditbedingungen herauszuschlagen.

Inzwischen ist Bullis drei Monate im Verzug. Die Bank droht mit Zwangsversteigerung. Er hat seine Kreditkarten bis zum Maximum belastet, weshalb seine Bonität nun auch im Keller ist und ihm sowieso niemand mehr neuen Kredit geben würde. Er hat sogar einen Job gesucht, vergebens. "Das ist meine Geschichte", schreibt er. "Traurig, aber wahr."

Viele greifen in ihrer Verzweiflung zur Klage. Der sechstgrößte US-Bauträger Beazer, der Dutzende Familien mit scheinbar billigen Krediten in den Ruin trieb, muss sich mittlerweile gleich mehrerer Sammelklagen erwehren. Nachdem die Zeitung "Charlotte Observer" die Praktiken des Unternehmens in North Carolina enthüllt hatte, nahmen auch die US-Börsenaufsicht SEC und das FBI Ermittlungen gegen den Konzern auf. Dessen Kurs stürzte daraufhin ins Nichts.

Auch Ameriquest (AMC), eine der größten US-Hypothekenfirmen, wurde jetzt verklagt. Das Pensionärs-Ehepaar Duane und Gertrude O'Connor aus Minnesota wirft ihm Kreditbetrug vor. Sie hatten sich 2004 über AMC eine Hypothek besorgt, um ihr Haus umzuschulden. Zwei Jahre später erhöhte AMC der Anklage zufolge die Kreditforderungen auf 4025 Dollar im Monat. Nachdem die O'Connors zwei Zahlungen versäumt hätten, habe Ameriquest sofort die Zwangsverpfändung eingeleitet.

"Wir haben so hart gearbeitet"

"Erst locken sie dich in ein Haus", sagt Helen Brown. "Und dann schmeißen sie dich raus. Das ist wirklich nicht richtig." Für sie geht es nun um alles: "Wir haben so hart gearbeitet, um uns unseren Traum vom eigenen Haus zu erfüllen. Wir dürfen es jetzt nicht verlieren."

Aber auch Browns Hypothekenvermittler NovaStar geht es inzwischen miserabel. Wegen der Zahlungsunfähigkeit vieler Kunden, schlechter Schlagzeilen und schwindendem Geschäft vermeldete das Unternehmen vorige Woche einen Rekord-Quartalsverlust von 54,5 Millionen Dollar. CEO Scott Hartman tat daraufhin genau das, was auch Helen Brown versucht hat: Er ging bei den Banken hausieren, um eine Kapitalspritze zu erbetteln.

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