Hamburg - Welche Euphorie herrschte noch vor wenigen Wochen: Der Deutsche Aktienindex (Dax) hatte gerade sein Allzeithoch von 8151 Punkten erreicht, und so mancher Analyst hoffte bereits auf mehr. 8500 Punkte, 9000 Punkte, sogar 10.000 Punkte - bis zum Jahresende schien alles möglich.
Heute ist davon nichts mehr übrig. Dax
, MDax
, TecDax
- alle wichtigen Indizes stürzen ab, sind heute zwischen zwei und 4,5 Prozent im Minus.
Auch der FTSE
in London, der CAC
in Paris, der EuroStoxx
- allesamt dick in den roten Zahlen. Nasdaq
und Dow Jones
in New York starten nach unten, erholten sich allerdings zum Handelsschluss. Und auch asiatische Börsen bleiben nicht verschont, der Nikkei
fiel heute Morgen um zwei Prozent.
Der Grund für die Verluste ist immer derselbe: die Hypothekenkrise in den USA. Weil sich Banken und Hedgefonds mit schlechten Krediten übernommen haben, droht der gesamten Finanzbranche ein Abwärtsstrudel.
Platzen jetzt die Börsenträume der Anleger? Ja, sagen Experten. Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co: "Die Krise ist noch nicht überwunden. Der belastende Faktor wird uns noch Wochen begleiten."
Die enormen Kursgewinne, die viele für die kommenden Monate vorausgesehen hatten, rücken in weite Ferne. Manche Beobachter hätten für den Dax "zum Teil sehr optimistische Erwartungen" gehabt: "Ich glaube nicht, dass man diese Prognosen aufrechterhalten kann", sagt Becker. Merck Finck & Co hält exakte Vorhersagen, wie viele Institute sie machen, ohnehin für problematisch - zu oft haben Ereignisse wie die jetzige Krise den Markt komplett umgewirbelt.
Die einstige Hoffnung, dass der Dax zum Jahresende einen Stand von 8500 Punkten oder mehr erreicht, halten Experten für verfehlt. Johannes Reich, Leiter des Aktienbereichs beim Bankhaus Metzler: "Ich glaube, dass die Hypothekenkrise noch nicht zu Ende ist." Ein Problem seien jene Unternehmen, die keinen Veröffentlichungspflichten unterliegen. "Welche Risiken in ihren Büchern schlummern, ist weitgehend unklar." Für Reich geht es in dem betroffenen Marktsegment um mehrere hundert Milliarden Euro. "Da ist es nicht unwahrscheinlich, dass noch einige Akteure Probleme haben könnten." Wenn Schwierigkeiten jedoch hervortreten, dann kann das auch Folgen für andere Unternehmen haben - beispielsweise kreditgebende Banken. "Querverbindungen sind denkbar", sagt Reich.
Etwas optimistischer ist die HypoVereinsbank. Ihr Mutterhaus UniCredit hatte zuletzt im Juni eine Dax-Prognose abgegeben, der zufolge zum Jahresende ein Stand von 8100 Punkten zu erwarten ist. "Dieses Bild ist nach wie vor intakt", sagt Gerhard Schwarz, Aktienstratege der Bank. "Wir hatten ohnehin die Erwartung, dass der Dax im zweiten Halbjahr nicht mehr so stark steigt wie bisher."
Sehr viel weiter nach unten dürfte es nach Einschätzung der UniCredit jedenfalls nicht mehr gehen. Ein Niveau von rund 7200 Punkten finden die Experten von der Bewertung her wieder interessant: Ab hier werde das "Chance-Risiko-Verhältnis wieder sehr attraktiv", sagt Schwarz. Mit anderen Worten: Bei 7200 Punkten lohnt sich wieder ein Einstieg, weil dann auf Sicht der kommenden Monate eher mit steigenden als mit fallenden Kursen zu rechnen ist. Schwarz: "Ich denke, dass man diese Regionen langsam erreicht."
Dafür spricht: Der Wirtschaft an sich geht es nach wie vor gut - das betont auch Reich vom Bankhaus Metzler. Sowohl die Industrieunternehmen als auch die Dienstleister machen ordentliche Gewinne, ihre Wachstumsaussichten sind gut. Die entscheidende Rolle spiele allerdings die Psychologie, sagt Reich. "Die Märkte übertreiben gerne. Es ist immer viel Emotionalität mit im Spiel."
Parallelen zum Ende der New Economy
Welche Folgen die Krise für die Konjunktur hat, ist umstritten. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erwog schon eine Korrektur der Wachstumsprognosen. Bisher belässt man es aber bei der alten Vorhersage: "Ich bin noch unentschieden", sagt Konjunkturexperte Roland Döhrn. Zwei besondere Risiken sehen Ökonomen:
Der Experte geht aber davon aus, dass letzteres Problem in Deutschland nachrangig ist. Auch andere Wirtschaftsforscher warnen vor Panik: "Wenn die Finanzkrise nicht völlig aus dem Ruder läuft, kommt die Realwirtschaft glimpflich davon", sagt Gernot Nerb vom Münchner ifo-Institut. Der Investitionszyklus sei in vollem Gange, aktuell habe sich die Stimmung im Euroraum sogar gebessert. "Eine Änderung unserer Wachstumsprognose ist nicht nötig."
Für Becker von Merck Finck & Co. ist das kein Argument. Der Analyst findet die realen Wirtschaftsdaten zwar ebenfalls in Ordnung, im zweiten Quartal hatten schließlich viele Unternehmen ihre Gewinnerwartungen sogar übertroffen - wegen der Hypothekenkrise würden diese Zahlen allerdings "von Ängsten überlagert". Becker zieht sogar Vergleiche zum Ende der New Economy vor sieben Jahren: "Es gibt Parallelen."
Heute wie damals stelle sich das Problem als schleichender Prozess dar. "Das geht nicht von heute auf morgen." Die Unternehmensbewertungen seien derzeit zwar okay - anders als um die Jahrtausendwende. "Dafür gibt es aber eine Unterbewertung der Risiken. Und diese Blase platzt jetzt."
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