Wirtschaft


  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Countrywide Der Fall der barmherzigen Bank

2. Teil: Panik bei den Kunden

Intern regierte Mozilo mit harter Hand. "Achte nicht auf deine Errungenschaften, sondern darauf, was du noch nicht errungen hast", war einer seiner berüchtigten Sprüche. Seine Mitarbeiter nannte er "Fische im Aquarium".

Eine Gruppe von Angestellten verklagte den Konzern 2003 wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen und versäumter Überstundenzahlung. Sie müssten 15-Stunden am Tag rackern, bis zu sieben Tage die Woche, ohne extra Lohn. Countrywide willigte ein, 30 Millionen Dollar nachzuzahlen.

Doch noch überwogen die positiven Nachrichten. Ebenfalls 2003 bezeichnete das Magazin "Forbes" Countrywide als die "23.000-Prozent-Aktie". Begründung: Das Unternehmen habe über 20 Jahre hinweg 23.000 Prozent Rendite erwirtschaftet. Ein brillantes Ergebnis - besser als Wal-Mart und Berkshire Hathaway, der Konzern des Investmentgurus Warren Buffet. Voriges Jahr strich Mozilo 70 Millionen Dollar Gehalt und Bonus ein.

Im Januar begann dann der Abstieg. Der Markt für Billig-Hypotheken, die "subprime loans", brach zusammen - und mit ihm der Aktienkurs von Countrywide. Seitdem hat das Unternehmen mehr als die Hälfte an Wert verloren. Gestern schloss Countrywide mit 18,95 Dollar, dem niedrigsten Wert seit vier Jahren.

Doch Mozilo selbst blieb nicht untätig: Er hat seit Januar Firmenaktien im Wert von 152 Millionen Dollar verkauft. Während die Anleger darben, sicherte sich der Chef so genügend Cash.

Auch anderswo begann das Bild zu bröckeln. Im Juli verklagte die Schwarzen-Organisation NAACP Countrywide - ausgerechnet wegen Diskriminierung. Das Unternehmen knöpfe Schwarzen für ihre Billigdarlehen höhere Gebühren ab als Weißen. "Countrywide hasst Schwarze", schrieb ein Blogger. Vom alten Geschäftsideal schien nichts mehr übrig.

"Beispiellose Geschäftsstörungen"

Bei den Verbraucher-Hotlines gingen Notrufe von Kunden ein. Sie konnten die explodierenden Raten nicht mehr zahlen, doch vom Countrywide-Kundendienst bekamen sie nur die kalte Schulter gezeigt. Zum Verhängnis wurden ihnen die "2-and-28"-Hypotheken: Zwei Jahre lang gilt ein billiger Lockzins, danach steigt er in astronomische Höhe.

Und so brach Mozilos Geschäftsmodell von unten zusammen. Die Marktlücke wurde zur Marktfalle. Vorige Woche gestand Countrywide "beispiellose Geschäftsstörungen" ein: "Diese Bedingungen können weitergehen oder sich in der Zukunft noch weiter verschlechtern."

Die Nachricht von gestern, Countrywide müsse sich von 40 Großbanken (darunter Merrill Lynch, Morgan Stanley, Citigroup und Lehman Brothers) 11,5 Milliarden Dollar pumpen, war ein erniedrigender Offenbarungseid für Mozilo. Der Metzgersohn ohne Wirtschaftsabschluss hatte "diese Wall-Street-Typen" wegen ihrer "Versnobtheit" immer verachtet. Zugleich war es eine Nachricht, die die Analysten beunruhigte. "Das macht den Eindruck, als hätten sie keine Alternativen mehr", erklärte Christopher Wolfe von der Ratingagentur Fitch.

Außerdem verschärfte Countrywide seine günstigen Darlehensbedingungen - die Grundlage seiner bisherigen Geschäftsphilosophie - und kündigte an, sich vorerst mit Billig-Hypotheken zurückzuhalten. Bei manchen Kunden brach Panik aus. Zu Dutzenden stürmten sie gestern die Filialen, um ihre Konten aufzulösen. In Los Angeles servierte ein Filialleiter den Wartenden Kaffee. Countrywides Kunden-Hotline brach zusammen, ebenso die Website.

Nach Börsenschluss kam dann noch eine Horror-Meldung: Countrywide drohe eine Sammelklage wegen Bilanzbetrugs. Das Unternehmen habe mit "wesentlichen Falschdarstellungen seinen Aktienpreis künstlich in die Höhe getrieben", erklärte die federführende Anwaltskanzlei in Oklahoma laut CNN. Ob sich die Vorwürfe bestätigen, ist nicht erwiesen. Countrywide selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Noch im April hatte Mozilo ganz auf optimistisch gemacht. "Ich glaube fest", schrieb er im Geschäftsbericht, "dass für Countrywide die besten Tage noch kommen werden." Diese Hoffnung haben die meisten mittlerweile aufgegeben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP