Berlin/Frankfurt am Main – Für einen Banker wurde der neue WestLB-Chef Alexander Stuhlmann gestern Abend erstaunlich deutlich. Die deutsche Finanzbranche sei in einer "nicht unkritischen Situation", erklärte er am Rande einer Veranstaltung der WestLB in Berlin. Für die Banken werde es schwerer, Geld am Kapitalmarkt zu besorgen. An den Märkten sei zu spüren, dass ausländische Partner nicht mehr so leicht Kreditlinien zur Verfügung stellten. Aus diesem Grund könnten weitere deutsche Institute in Schwierigkeiten geraten.
WestLB-Chef Stuhlmann: Skepsis aus dem Ausland gegenüber deutschen Banken
Dagegen erwartet Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) nach eigener Aussage von den Turbulenzen an den Finanzmärkten keine größeren Beeinträchtigungen des deutschen Bankensystems. "Ich glaube, dass die Beteiligten die Situation in Griff haben, jedenfalls hat das Management in den vergangenen drei bis vier Wochen gut funktioniert", sagte Steinbrück heute in Berlin.
Auch die Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Lage dürften gering sein, ergänzte Steinbrück. "Erkennbar gibt es derzeit und auch in absehbarer Zeit nach Aussagen von Experten keine Übersprungeffekte auf die Realwirtschaft, was sehr wichtig ist, damit Konjunktur, Beschäftigung und Wachstum nicht in Mitleidenschaft gezogen werden."
Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) sieht derzeit keine weiteren Schieflagen bei deutschen Instituten. "Weder
wir noch die Aufsichtsinstitutionen haben eine Indikation für weitere Fälle", sagte der Geschäftsführende Vorstand des BdB, Manfred Weber, dem "Handelsblatt" (Mittwochsausgabe). "Auf keinen Fall sollten wir jetzt Probleme herbeireden und die Märkte damit zusätzlich verunsichern", empfahl Weber mit Blick auf die Diskussion um die angeblich krisenhafte Lage am deutschen Bankenmarkt.
Weber räumte ein, die Rettungsaktionen für die IKB und die SachsenLB seien keine positiven Nachrichten für den Finanzplatz
Deutschland gewesen. Entscheidend sei jedoch, dass durch entschlossenes Handeln Schaden abgewendet werden konnte. Er gehe davon aus, dass sich die Lage an den Märkten auf Sicht Schritt für Schritt normalisieren werde.
Paulson sieht kein Ende der Krise
Ganz anders äußerte sich wiederum der amerikanische Finanzminister Henry Paulson. Er befürchtet, dass die Weltwirtschaft mit Turbulenzen an den Finanzmärkten leben muss. "Es wird noch eine Zeit lang dauern, bis das überwunden ist", sagte Paulson dem US-Fernsehsender CNBC am Dienstag. Gleichwohl bekräftigte er seine Auffassung, dass die Verfassung der US-Wirtschaft nach wie vor gut sei. Die Finanzmärkte würden sich wieder erholen.
In den vergangenen Wochen war es aufgrund der Krise am Markt für US-Hypothekenkredite zu Turbulenzen an den weltweiten Finanzmärkten gekommen. Mehrere deutsche Banken wurden in Mitleidenschaft gezogen: Die Düsseldorfer IKB Deutsche Industriebank und die Sachsen LB gerieten in Schieflage.
Angesichts der andauernden Verunsicherung der Finanzmärkte werden auch die Befürchtungen immer lauter, dass sich die Hypothekenkrise zur handfesten Konjunkturbremse entwickelt. So veröffentlichte heute das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ein besorgniserregendes Konjunkturbarometer. Danach beurteilen die befragten Anleger und Analysten die Aussichten für die gesamte Wirtschaft so negativ wie seit Monaten nicht mehr. Der Index der ZEW-Konjunkturerwartungen sank im August überraschend deutlich auf minus 6,9 Punkte von plus 10,4 im Vormonat. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform sieht vor allem auf deutsche Mittelständler Probleme zukommen. "Ein Wiederansteigen der Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist nicht auszuschließen", sagte der Präsident von Creditreform, Uwe von Padberg, dem "Handelsblatt".
Der Konjunkturindex des Münchener Ifo-Instituts dagegen ermittelte beste Aussichten für die Weltkonjunktur. Sowohl die Einschätzung der derzeitigen wirtschaftlichen Lage als auch die Erwartungen für die nächsten sechs Monate hätten sich weiter aufgehellt, teilten die Forscher mit. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn schränkte allerdings ein, die Befragung sei bereits abgeschlossen worden, bevor die Hypothekenkrise ans Licht gekommen sei.
kai/mik/Reuters/ddp/dpa-AFX/dpa
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