"Wenn ich durch das Werk gehe und mir unsere Führungskräfte anschaue, dann wird mir angst", so einer der Betriebsräte in einer süddeutschen BMW-Niederlassung, "das sind zwar adrette und smarte Leute, nett und freundlich, aber nur auf Erfolg getrimmt. Ich habe das Gefühl, die meisten von ihnen sind völlig austauschbar, alle irgendwie gleich, ohne Ecken und Kanten."
Die These des Betriebsrats, Manager hätten heute kein Profil mehr, ist starker Tobak. Doch der Trend zum Einheitsmanager nimmt offenbar zu. Zahlreiche Studien und Interviews, die ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit über die Beziehung von Führungskräften zu ihren verschiedenen Rollen geführt habe, bestätigen die Entwicklung: In den vergangenen 20 Jahren ist eine stetige Angleichung von Lebensläufen festzustellen.
Für Unternehmen kann das fatale Folgen haben: Sie beschäftigen ausgebrannte Manager, die Angst vor Entscheidungen haben. Sie verlieren ihre Differenzierungsmerkmale im Wettbewerb, weil Entscheidungsprozesse zu uniform und Zieldefinitionen ihrer Führungskräfte zu unflexibel sind.
Die Schablone, in die sich Führungskräfte pressen lassen, wird schon bei der Ausbildung angelegt: Das Top-Management in großen und in mittelständischen Unternehmen besteht heute fast ausschließlich aus Akademikern. Eine Studie unter 700 Mittelständlern in Deutschland zeigte, dass 80,9 Prozent der westdeutschen Geschäftsführer und 93,7 Prozent ihrer ostdeutschen Kollegen studiert hatten. In der Schweiz haben insgesamt etwa 70 Prozent studiert, in Deutschland etwa 95 Prozent.
Am liebsten promoviert
Ähnliches gilt für die Promotion: Während in Deutschland etwa 50 Prozent der Manager einen Doktortitel tragen, sind es in der Schweiz nur etwa 25 Prozent. Eine andere Untersuchung, die sogenannte "erwartete Musterbildungswege" von Top-Managern vergleicht, kam zu ähnlichen Ergebnissen: In den USA haben 5,6 Prozent und in Frankreich 4,1 Prozent promoviert - in Deutschland nicht weniger als 58,5 Prozent! Ein akademischer Abschluss ist damit zur Conditio sine qua non geworden, um eine Spitzenposition in einem deutschen Unternehmen zu erreichen. Darüber hinaus gehört ein Doktortitel zur erwünschten Ausstattung. Andere Ausbildungswege sind indes schon fast zum Hindernis geworden. Damit vergrößert sich die Kluft zwischen der Managementriege und den Mitarbeitern. Die Folge: Führungskräfte haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Anliegen zu kommunizieren, und werden von ihren Mitarbeitern nicht akzeptiert.
Der Boom bei MBAs
Mittlerweile haben die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften die Managementetagen erobert. Spezifisches Fachwissen spielt eine eher untergeordnete Rolle. An ihre Stelle ist die Fähigkeit zur Selbstvermarktung getreten.
Der kanadische Managementvordenker Henry Mintzberg stellte in seinem 2005 erschienenen Buch "Manager statt MBAs" fest, dass der Schwerpunkt der Ausbildung auf Finanzen, Marketing und Buchhaltung liege, soziale Situationen kämen so gut wie nie vor. Alles, was MBAs können, so Mintzberg, sei im Büro zu sitzen, Daten zu sammeln, Kennzahlen und Kontrollverfahren zu entwerfen und bürokratische Strukturen entstehen zu lassen, die jeglicher unternehmerischer Vision widersprechen, ja sie sogar ad absurdum führen.
Der Trend zu wirtschafts- und rechtswissenschaftlich gebildetem Führungsnachwuchs lässt sich begründen. Weitreichende Berichtspflichten, die internationale Rechnungslegungsvorschriften mit sich brachten, haben Qualifikationen im Bereich Controlling und Finanzierung aufgewertet. Das Bestreben, die neuen Anforderungen zu erfüllen, ist nachvollziehbar, jedoch lassen sich Bedenken anmelden.
Besonders innerhalb der Belegschaft von sehr technisch ausgerichteten Unternehmen stößt diese Entwicklung auf Unverständnis - gerade bei den technisch versierten Produktionsmitarbeitern. "Wie sollen wir innovative Autos bauen, wenn wir jetzt einen Finanzfuzzi an der Spitze haben, der nicht die einfachsten technischen Zusammenhänge versteht?", fragt sich ein langjähriger Audi-Mitarbeiter am Standort Ingolstadt.
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