Von Manuel Köppl
Berlin - Es sieht aus, als könne Bernd Kurz mit seinem Leben ziemlich zufrieden sein. Der 37-Jährige hat in der Göttinger Uniklinik gerade seine Facharztausbildung für innere Medizin abgeschlossen. Er ist verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn. Doch Kurz hat Sorgen: Er habe eigentlich kaum Zeit für die Familie. "Manchmal habe ich Angst, mein Sohn kommt irgendwann und sagt: 'Papa, eigentlich warst du kaum da."
Arzt im OP: Mediziner im operativen Bereich arbeiten wöchentlich immer noch 60 Stunden und mehr
Unter den Top Ten der täglichen Ärgernisse steht für die Mediziner klar der Papierkrieg: 22 Prozent geben an, die Bürokratie störe sie am meisten. Vieles sei in deutschen Krankenhäusern einfach zu schlecht organisiert, sagt Kurz. Er selbst verbringe "einen nicht unwesentlichen Teil der Arbeitszeit damit, Patientenakten hinterher zu rennen". "Eine Katastrophe", findet er. "Einem Mediziner kann es nicht recht sein, seine Zeit mit Bürokram totzuschlagen, während Patienten auf ihn warten."
Auch Marathondienste sind in vielen Krankenhäusern offenbar nach wie vor an der Tagesordnung. Zwar versicherten 63 Prozent der befragten Chefärzte, dass die tariflich festgelegten Höchstarbeitszeiten in ihrem Krankenhaus eingehalten würden. Insgesamt sagten jedoch 59 Prozent der befragten Mediziner, dies sei nicht der Fall. "Mehr als die Hälfte der Arbeitgeber bricht damit geltendes Tarifrecht", poltert der Chef des Marburger Bundes (MB), Frank Ulrich Montgomery.
Die Stimmung vor allem unter den Jungärzten sei "grausig", sagt Montgomery. Die Zulassungsvoraussetzungen an den Universitäten seien extrem hoch, das Studium sei hart und lang - und dann erwarteten die Abgänger derart "katastrophale Arbeitsbedingungen" an den Kliniken, wie es Montgomery ausdrückt. Dieser Umgang mit den "Besten der Besten" könne Deutschland in einigen Jahren zur "arztfreien Zone" machen, so der MB-Bundesvorsitzende. Deutschland stehe "vor einer dramatischen Ärzteflucht".
Dabei hatte es vergangenen Sommer noch ausgesehen, als brächen neue Zeiten an für die Mediziner an Kliniken. Nach monatelangem Arbeitskampf hatte der Marburger Bund eigene Tarifverträge für Klinikärzte durchgesetzt. Fünf bis 20 Prozent mehr Lohn bekämen Mediziner nun, freute sich die Gewerkschaft. Schichtdienste wurden auf zwölf Stunden begrenzt, Bereitschaftsdienste auf 24 Stunden. Die Zugeständnisse der Gewerkschaft dafür: dr Verzicht auf Sonderzahlungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld und eine Verlängerung der regulären Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden.
Mit der Realität hat das Vertragswerk wenig zu tun. 40 Prozent der Mediziner bezifferten in der neuen Umfrage ihre Wochenarbeitszeit auf 60 bis 79 Stunden, weitere 38 Prozent auf 50 bis 59 Stunden. Nur 21 Prozent nähern sich mit 40 bis 49 Stunden Wochenarbeitszeit in etwa der tariflichen Regelvereinbarung. "An den Arbeitszeiten hat sich rein gar nichts geändert", beschreibt Kurz die Zustände in seiner Klinik. Im Gegenteil: "In manchen operativen Abteilungenrbeiten die Kollegen sogar noch länger als vor dem Tarifabschluss." 60 Stunden Dienst seien dort keine Seltenheit.
21 Prozent der Befragten verlängerten ihre Wochenarbeitszeit im Hinblick auf eine höhere Entlohnung zwar freiwillig: Diese Zahl könne jedoch nicht erklären, warum 78 Prozent der befragten Mediziner wöchentlich zwischen 50 und 79 Stunden arbeiteten, rügt Montgomery. "Damit leisten deutsche Ärzte im Jahr unentgeltliche Mehrarbeit im Wert von mehr als einer Milliarde Euro", sagt der MB-Bundesvorsitzende.
Marburger Bund: "Sicherlich Lehrgeld bezahlt"
Im Schnitt kommt ein deutscher Krankenhausarzt so laut Marburger Bund auf 36 Überstunden im Monat. Und bei nur zehn Prozent steht die Mehrarbeit auch auf der Gehaltsabrechnung. 61 Prozent der Überstunden werden der Umfrage zufolge gar nicht vergütet. Wenn die Mediziner einen Ausgleich erhalten, dann in Form von Freizeit (29 Prozent). Und auch das ist vielerorts nicht möglich: "Ich kann meine Überstunden zwar aufschreiben", sagt Internist Kurz. "Aber frei nehmen kann ich mir trotzdem nicht." Dafür gebe es einfach nicht genügend Personal in seiner Abteilung.
Bei den Bereitschaftsdiensten überschreiten viele Kliniken den befragten Ärzten zufolge sogar die Grenzen der Legalität. Monatlich sind jedem Mediziner eigentlich höchstens vier der maximal 24 Stunden langen Sonderschichten gestattet. 39 Prozent der befragten Ärzte gaben an, fünf bis neun Bereitschaftsdienste pro Monat zu leisten.
Immerhin: Ein wenig Besserung hat der neue Tarifvertrag offenbar gebracht. Die früher vielfach übliche Aneinanderreihung von Schicht- und Bereitschaftsdienst hatte etwa im Niedersächsischen Landeskrankenhaus in Göttingen vergangenes Jahr ein Ende. "Früher haben wir hier schon mal 36 Stunden am Stück Dienst geschoben, mit der Kaffeetasse als ständiger Begleitung. Das ist jetzt Gott sei Dank vorbei", sagt Dirk Jochem, der dort als Arzt arbeitet.
Nach den Tarif-Feiern im vergangenen Jahr dürfte sich bei den Klinikärzten dennoch Ernüchterung breit gemacht haben - auch gegenüber der Gewerkschaft, die nicht mehr herausgeschlagen hat. MB-Chef Montgomery verteidigt die Abschlüsse zwar weiter als "großen Erfolg". Doch auch er gesteht ein, man habe "Lehrgeld bezahlt". "Doch die nächsten Tarifverhandlungen stehen ja bald vor der Tür."
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