Paris/Frankfurt am Main - Bislang gaben sich die europäischen Großkonzerne unbeeindruckt: Der hohe Euro-Kurs, so die gängige Meinung, habe vorerst keinen direkten Einfluss auf die laufenden Geschäfte. Doch nun schlägt der Luftfahrtkonzern Airbus Alarm: Vorstand Fabrice Bregier forderte heute die Europäische Zentralbank (EZB) auf, den Kurs der Gemeinschaftswährung durch geeignete Maßnahmen wie Zinssenkungen wieder auf ein annehmbares Maß zu drücken.
Geschehe dies nicht, müsse Airbus wegen der Euro-Rekorde möglicherweise mehr einsparen als bislang geplant. Bregier sagte, ein Kursanstieg auf 1,45 Dollar würde "unmittelbar" dazu führen, dass keine Investitionen in neue Programme mehr möglich wären.
Deutsche Wirtschaftsverbände hatten dagegen gelassen reagiert, als der Euro gestern erstmals die wichtige Marke von 1,40 Dollar übersprungen hatte. Auch heute setzte die Gemeinschaftswährung ihren Aufwärtstrend fort. Das Tageshoch lag bei 1,4122 Dollar - schon wieder ein neuer Rekord.
Airbus will im Rahmen seines Sanierungsprogramms bis 2010 fünf Milliarden Euro einsparen und anschließend zwei Milliarden Euro jährlich. "Noch steht Airbus nicht mit dem Rücken zur Wand, da wir für einige Jahre abgesichert sind", sagte Bregier. Sollte der Euro aber langfristig über 1,40 Dollar bleiben, müsste Airbus seine Sparpläne anpassen.
Das derzeitige Airbus-Sparprogramm "Power8" basiert auf einem Euro-Kurs von 1,35 Dollar. Ein Kursanstieg von zehn Cent kostet Airbus früheren Angaben zufolge ungefähr eine Milliarde Euro. "Wenn der Euro dauerhaft bei 1,45 Dollar bliebe, dann würde das heißen, dass wir eine Milliarde Euro zusätzliche Einsparungen unter "Power8" finden müssten", sagte Bregier im Radiosender BFM.
Bei einem Kursanstieg des Euro leidet die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Firmen im internationalen Handel. Im Fall von Airbus profitiert davon vor allem der US-Erzrivale Boeing. Zudem sinkt grundsätzlich der Euro-Wert der in Dollar erzielten Umsätze.
Sollte die EZB keine geeigneten Maßnahmen ergreifen, um den Euro-Kurs zu senken, müsse Airbus selbst aktiv werden, sagte Bregier. Der Konzern werde sich dann verstärkt um Zulieferer aus dem günstigeren Dollar-Raum bemühen. Mit anderen Worten: Die europäische Zulieferindustrie würde geschwächt. Zurzeit bezieht Airbus die Hälfte seiner Teile aus dem Dollar-Raum.
Für Airbus ist der Wechselkurs von enormer Wichtigkeit, da die Flugzeuge in Dollar verkauft werden, aber in Euro produziert und abgerechnet. Bregiers Vorstoß kommt insofern überraschend, als sich Airbus-Chef Tom Enders zuletzt entspannter gezeigt hatte. Enders hatte von weitergehenden Einschnitten erst ab 1,50 Dollar oder mehr gesprochen.
Die EZB regiert gereizt
Bregiers Linie entspricht eher der Auffassung von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Dieser hatte sich in den vergangenen Tagen mehrfach für exportorientierte Unternehmen wie Airbus stark gemacht und die EZB aufgefordert, sich an der Zinssenkung der US-Notenbank Fed ein Beispiel zu nehmen.
Die Europäische Zentralbank selbst reagierte gereizt auf die Äußerungen aus Frankreich. Nicht allen Politikern sei klar, was die Unabhängigkeit der Zentralbank bedeute, sagte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. EZB-Ratsmitglied Lorenzo Bini Smaghi klagte, die permanenten Kommentare von Politikern zur Devisenentwicklung unterminierten die Glaubwürdigkeit und die Effektivität der EZB. Die Notenbank werde dann reagieren, wenn es ihr angemessen erscheine.
wal/Reuters/AFP/dpa/ddp
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