Hamburg - Es war die Schock-Nachricht des Tages: "Nettolöhne: So niedrig wie vor 20 Jahren!" Mit diesem Titel machte heute die "Bild"-Zeitung auf - und verunsicherte Millionen Arbeitnehmer. Das Blatt beruft sich dabei auf "neue Zahlen des Bundesarbeitsministeriums". Fazit: "Wir arbeiten und arbeiten - und bekommen am Monatsende immer weniger Netto raus!"
Arbeitnehmer in Düsseldorf: Immer weniger Netto?
Allerdings wurden in dem Bericht Daten verglichen, die nichts miteinander zu tun haben. "Die Zahlen werden verkürzt wiedergegeben und einseitig tendenziös interpretiert", heißt es im Bundesarbeitsministerium. Die Daten, auf die sich die Zeitung beruft, stammen aus dem "Statistischen Taschenbuch", das seit 40 Jahren regelmäßig erscheint. In diesem Jahr sind die Zahlen seit Juni verfügbar.
Auch SPIEGEL ONLINE hatte über die "Bild"-Meldung berichtet. Demnach lag der Nettorealverdienst nach Abzug aller Steuern und Sozialabgaben und bei Berücksichtigung der Preisentwicklung im vergangenen Jahr nur noch bei 1320,42 Euro im Monat. Als Vergleich wurde der Nettorealverdienst des Jahres 1986 herangezogen: 1315,40 Euro. "Es ist kaum zu glauben!", kommentierte "Bild". Die Reallöhne hätten sich fast nicht geändert - trotz der Zeitspanne von 20 Jahren.
Auf den ersten Blick scheint die Argumentation logisch. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich als Farce: Für 1986 wurden ausschließlich westdeutsche Daten verwendet, für 2006 dagegen gesamtdeutsche. "Absolut unzulässig", sagen die Statistiker des Bundesarbeitsministeriums. Schließlich drücken die niedrigen Löhne im Osten das Durchschnittsniveau im wiedervereinigten Deutschland. Über die Entwicklung seit 1986 kann man deshalb beim besten Willen keine Aussage treffen.
Möglich ist dagegen eine Analyse seit der Wiedervereinigung. Schließlich hat das Statistische Bundesamt ab 1991 ausreichend Datenmaterial erhoben. Nimmt man diese Zahlen, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Der großen Mehrheit der Arbeitnehmer geht es heute deutlich besser als vor 15 Jahren.
| Nettomonatsverdienst Angestellte Ost | ||||
| 1991 in Euro |
2006 in Euro |
Veränderung nominal in Prozent |
Veränderung real in Prozent * |
|
| Einzelperson, unverheiratet | 675,17 | 1580,92 | 134,2 | 99,8 |
| Ehepaar ohne Kinder ** | 1360,52 | 3133,77 | 130,3 | 95,9 |
| Ehepaar mit Kindern *** | 969,14 | 2386,67 | 146,3 | 111,9 |
* bei einer Preissteigerung von 34,4 Prozent zwischen 1991 und 2006 Quelle: Statistisches Bundesamt** zwei Einkommen *** ein Einkommen |
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Vor allem Ostdeutschland kommt auf enorme Zuwächse. Hier hatte ein Angestellten-Ehepaar mit Kindern im vergangenen Jahr 146,3 Prozent mehr in der Tasche als 1991 - und zwar netto, nach Abzug aller Steuern und Abgaben. Auch wenn man die Preissteigerung in den letzten 15 Jahren von insgesamt 34,4 Prozent berücksichtigt, bleibt real noch ein Plus von 111,9 Prozent.
Für Arbeiter sind die Zuwächse etwas geringer als für Angestellte, auch Singles konnten ihren Verdienst nicht ganz so stark steigern wie Ehepaare mit Kindern. Doch im Prinzip gilt für alle Bevölkerungsgruppen: Am Ende steht ein dickes Plus.
| Nettomonatsverdienst Arbeiter Ost | ||||
| 1991 in Euro |
2006 in Euro |
Veränderung nominal in Prozent |
Veränderung real in Prozent * |
|
| Einzelperson, unverheiratet | 653,32 | 1269,54 | 94,3 | 59,9 |
| Ehepaar ohne Kinder ** | 1200 | 2390,25 | 99,2 | 64,8 |
| Ehepaar mit Kindern *** | 870,81 | 1888,77 | 116,9 | 82,5 |
* bei einer Preissteigerung von 34,4 Prozent zwischen 1991 und 2006 Quelle: Statistisches Bundesamt** zwei Einkommen *** ein Einkommen |
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In Westdeutschland ist die Entwicklung erwartungsgemäß moderater. Im Kern verläuft sie jedoch nach dem gleichen Muster: Trotz Steuererhöhungen und Inflation sind die Realeinkommen in den vergangenen 15 Jahren gestiegen.
| Nettomonatsverdienst Angestellte West | ||||
| 1991 in Euro |
2006 in Euro |
Veränderung nominal in Prozent |
Veränderung real in Prozent * |
|
| Einzelperson, unverheiratet | 1363,6 | 1949,08 | 42,9 | 8,5 |
| Ehepaar ohne Kinder ** | 2639,87 | 3764,85 | 42,6 | 8,2 |
| Ehepaar mit Kindern *** | 1915,53 | 2884,34 | 50,6 | 16,2 |
* bei einer Preissteigerung von 34,4 Prozent zwischen 1991 und 2006 Quelle: Statistisches Bundesamt** zwei Einkommen *** ein Einkommen |
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Einzige Ausnahme sind Arbeiter ohne Kinder. In dieser Gruppe konnten westdeutsche Single-Haushalte ihr Realeinkommen nur um 0,8 Prozent verbessern, Ehepaare nur um 1,9 Prozent. Dagegen verdienten Angestellte sowie für Ehepaare mit Kindern deutlich mehr als 1991.
| Nettomonatsverdienst Arbeiter West | ||||
| 1991 in Euro |
2006 in Euro |
Veränderung nominal in Prozent |
Veränderung real in Prozent * |
|
| Einzelperson, unverheiratet | 1162,13 | 1571,27 | 35,2 | 0,8 |
| Ehepaar ohne Kinder ** | 2129,95 | 2902,08 | 36,3 | 1,9 |
| Ehepaar mit Kindern *** | 1519,99 | 2271,51 | 49,4 | 15,0 |
* bei einer Preissteigerung von 34,4 Prozent zwischen 1991 und 2006 Quelle: Statistisches Bundesamt** zwei Einkommen *** ein Einkommen |
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Allerdings: Alle diese Rechnungen haben einen großen Nachteil. "Das Ergebnis hängt entscheidend davon ab, welches Basisjahr man nimmt", erklärt Thorsten Schulten, Tarifexperte bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. In den frühen Neunzigern zum Beispiel trieb der Wiedervereinigungsboom die Löhne nach oben. Später haben steigende Abgaben den Zuwachs wieder geschmälert.
In einem Langfrist-Vergleich lässt sich das nicht darstellen. Doch interessanter sei ohnehin die jüngste Vergangenheit, sagt Schulten. "In den letzten Jahren haben wir tatsächlich Reallohnverluste gehabt. Auch in diesem Jahr bewegen wir uns nur um die Null herum."
Vokabular des Steuerzahlerbunds
Insofern kann der Experte dem "Bild"-Bericht zustimmen. Strittig ist allerdings die Interpretation. So hat die Boulevardzeitung als Hauptschuldigen für die Misere die öffentliche Hand ausgemacht. "Der Staat greift dreister in die Tasche", behauptet das Blatt im gewohnten Vokabular des Steuerzahlerbunds.
Tatsächlich jedoch ist die Belastung der Arbeitnehmer in jüngster Zeit gesunken. "Erstmals seit 1995 liegt der Gesamtsozialversicherungsbeitrag unter 40 Prozent", erklärt das Bundesarbeitsministerium zu Recht. Auch die Einkommensteuer wurde in den vergangenen Jahren nicht erhöht - sondern gesenkt.
Doch warum bleibt real dann so wenig übrig? Es kann nur eine Erklärung geben: Die Bruttolöhne sind in den letzten Jahren fast nicht gestiegen. Dort, wo es geringe Zuwächse gab, wurden sie von der Inflation aufgefressen.
"Die Lohnabschlüsse sind hinter der Preisentwicklung zurückgeblieben", lässt Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) mitteilen. Gleichzeitig seien die Unternehmens- und Vermögenseinkommen gestiegen - seit dem Jahr 2000 um satte 42 Prozent. "Hier gibt es in Deutschland eine deutliche Unwucht."
Mit anderen Worten: Die Politik ist nicht zuständig, sondern die Wirtschaft. In überraschend deutlicher Form mischt sich Müntefering denn auch in die Tarifautonomie ein und gibt Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden Ratschläge für die Lohnpolitik: "Auch wenn dies in der Verantwortung der Tarifpartner liegt: Lohnentwicklung sollte wieder mehr von der guten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung profitieren."
Der "Bild"-Bericht kommt Müntefering trotzdem gelegen. Erinnert er doch daran, wie ungünstig sich die Realeinkommen in Deutschland entwickeln. Und das lässt sich politisch ganz im Sinne des Arbeitsministers ausschlachten: Die Einführung von Mindestlöhnen sei "unabdingbar".
Korrektur: In der ersten Fassung dieses Textes war von einer "Geheimstudie" aus dem Arbeitsministerium die Rede, aus der "Bild" zitiert. Diese Interpretation ist so nicht richtig. Die "Bild"-Zeitung hat in ihrem Text nicht von einem Geheimpapier gesprochen, sondern sich auf "neue Zahlen des Bundesarbeitsministeriums" berufen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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Welche Arbeitnehmer? Robotbandstraßen brauchen nur Wartung und die Wartungsroboter sind wir auch schon am entwickeln. Die paar Spezialisten haben AT Verträge und was man sonst so braucht gibt der Hartz IV Pool locker her, in dem [...] mehr...
Das unterschiedliche Lohnniveau in unterschiedlichen Branchen hängt überwiegend damit zusammen, dass der Anteil der Lohnkosten am Endpreis unterschiedlich hoch ist. Dort, wo die Lohnkosten nur 20% des Endpreises ausmachen, sind [...] mehr...
Bravo, der Beitrag findet meine volle Zustimmung. Insbesonders der DGB hat sich ständig an der Gesellschaft in einer Art versündigt, dass er für alle Zeit abseits in die Schmuddelecke gestellt gehört ( geächtet ) Ich darf nur an [...] mehr...
Das halte ich für ein völlig unprobates Mittel: Nahezu jede Fa. versteht es heute blendend, die Bilanzen derart zu gestalten, dass " ausschüttbare Gewinne " nicht mehr erscheinen. mehr...
Wenn die Wirtschafr brummt, dürfen die Werktätigen doch auch nicht mehr kriegen: das würde den Aufschwung doch abwürgen. mehr...
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