Von Hasnain Kazim, Nordhausen
Geschäftsführer Müller weist die Vorwürfe zurück. "Dass ich die Kollegen beschimpfe, passt natürlich zum Bild 'Heuschrecke frisst mittelständischen Betrieb'", sagt er. "Und natürlich habe ich kein nachgebessertes Angebot für die Kollegen gemacht, ich darf das ja gar nicht, solange das Insolvenzverfahren nicht abgeschlossen ist."
Insolvenzverwalter Wutzke sieht keine Zukunft für das Werk. "Wir gehen davon aus, dass sich der Betrieb nicht halten lässt", sagt er. Es werde noch nach einem neuen Investor gesucht, aber bisher sei keiner in Sicht. Die Bike-Systems-Belegschaft will dagegen von einem Interessenten wissen. "Der will aber noch auf keinen Fall namentlich genannt werden", sagt Hieronymus. Auch aus dem thüringischen Wirtschaftsministerium ist zu hören, dass sich ein potentieller Investor gemeldet habe. Noch sei aber nichts entschieden.
Bis zu einer Entscheidung bleibt der Fahrradhersteller in der Hand von Lone Star. Der texanische Fonds hat sich darauf spezialisiert, angeschlagene Firmen aufzukaufen, auseinander zu nehmen und teurer weiterzuverkaufen. "Wir nennen das ausschlachten", sagt ein Bike-Systems-Mitarbeiter. Lone Star bescheren diese Geschäfte gute Gewinne.
Gerüchte und Halbwahrheiten über Lone Star
In dieser Situation der Angst vor Arbeitslosigkeit mischen sich Gerüchte und Halbwahrheiten in die Gespräche der Nordhausener. Zum Beispiel, dass RTL einen Bericht über Bike-Systems nicht gesendet habe, weil der Sender von Lone Star unter Druck gesetzt wurde. Die RTL-Journalisten erklären auf Nachfrage, dass es einfach schwierig gewesen sei, die ganze Geschichte in einen dreiminütigen Fernsehbeitrag zu pressen und dass die Redaktion sich daher entschlossen habe, den Beitrag doch nicht zu produzieren.
Oder dass Lone Star Finanzhilfen vom Staat bekommen habe, um in Bike-Systems zu investieren. Die Thüringer Aufbaubank dementiert das. "Lone Star hat definitiv keinen Cent Steuergelder bekommen", sagt ein Sprecher. "Und hätten die etwas bekommen, hätten sie das Geld mit dem Weiterverkauf zurückzahlen müssen. Das ist gesetzlich geregelt."
Die Bike-Systems-Leute fühlen sich trotzdem betrogen. Vielleicht, hoffen sie, könne ja der Staat helfen. Demnächst wollen sie nach Erfurt zu Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU). "Bislang hat der sich bei uns nicht blicken lassen", sagt eine Monteurin. "Wir fühlen uns von der Regierung im Stich gelassen. Bisher waren nur der Wirtschaftsminister hier und sein Staatssekretär. Die kamen nur für ein Foto."
Das Wirtschaftsministerium in Erfurt hält sich in der Sache zurück. Die Zeiten der Staatswirtschaft seien vorbei, bei einer Pleite könne nicht der Steuerzahler einspringen, heißt es. "Wir hätten es gern gesehen, wenn die Mitarbeiter der von Lone Star vorgeschlagenen Lösung zugestimmt hätten", sagt ein Sprecher. "Sie sind teilweise wenig qualifiziert. Eine Weiterbildung wäre dringend nötig, damit diese Leute in anderen Betrieben unterkommen." Genügend Jobs gebe es in der Region - allerdings nicht für ungelernte Arbeitskräfte.
Inoffiziell spricht das Ministerium von "Revolvermethoden"
Inoffiziell beklagen aber auch Ministeriumsmitarbeiter die "Revolvermethoden" des Fonds. "Irgendwie kann ich das Verhalten der Bike-Systems-Leute verstehen. Die haben Angst, dass sie in die Arbeitslosigkeit rutschen und da nicht wieder rauskommen", sagt einer. "Diese Sorge ist sicherlich berechtigt. Die meisten Mitarbeiter sind ja schon seit vielen Jahren bei der Firma, wo sollen die jetzt noch hin mit über 50?"
Welche soziale Verantwortung hat ein Finanzinvestor? Welche Chance muss er einer Firma wie Bike-Systems noch einräumen, auch wenn die Bücher womöglich für eine Insolvenz sprechen? Und was nützt die Strike-Bike-Aktion am Ende?
Die "Anarchosyndikalistische Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union" sowie die Linkspartei haben noch Hoffnung. Sie drucken Flyer, schicken ihre Mitglieder zu Demonstrationen, damit die Bike-Systems-Belegschaft nicht wie ein verlorenes Grüppchen daherkommt, und reden den Kollegen Mut zu. "Wir erhalten außerdem Briefe aus ganz Deutschland, und es kommen Leute vorbei und bringen Kaffee und Kuchen oder Würstchen", sagt Hieronymus. "Neulich drückte mir ein Radfahrer 50 Euro in die Hand", erzählt Pauly. "Eigentlich bekommen wir nur positive Reaktionen."
"Ich war dabei, als hier 1986 das Licht angemacht wurde. Damals war das der VEB Ifa", sagt Dagmar Rüge. "Jetzt bleibe ich auch so lange hier, bis das Licht ausgemacht wird." Sie guckt an die Decke, als ließe sie die Bilder aus ihren über zwanzig Jahren in der Fahrradmontage Revue passieren. "Dass es mal so kommt, hätte ich nicht gedacht."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Fahrräder | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH