Die Lokführer der Deutschen Bahn bekommen einen eigenständigen Tarifvertrag und deutlich mehr Gehalt. Diese Lösung, für die GDL-Chef Manfred Schell kämpft und mit deren Durchsetzung sich der 64-Jährige kurz vor seinem Ruhestand ein Denkmal setzen würde, scheint unwahrscheinlich: Die Bahn lehnt vor allem ein Abweichen vom Gesamttarifvertrag ab. Ein neuer Spartentarifvertrag würde bedeuten, dass Entlohnung und Arbeitszeit von Lokführern unabhängig von den Regelungen für die übrigen Bahnmitarbeiter festgeschrieben werden. Die Konzernspitze befürchtet ein Auseinanderbrechen des Tarifgefüges, die Arbeitgeberseite müsste regelmäßig separate Tarifverhandlungen mit der GDL führen.
Das will das Unternehmen verhindern, denn damit wäre der Grundsatz der Tarifeinheit - für alle tarifgebundenen Arbeitsverhältnisse eines Betriebes gilt ein Tarifvertrag - dahin. Erstmals setzte die Vereinigung Cockpit, der Berufsverband der Verkehrsflugzeugführer und Flugingenieure, 1999 eine tarifpolitische Eigenständigkeit der Piloten durch; es folgten die Krankenhausärzte und die Fluglotsen.
Die GDL will dem diesem Trend folgen. Die Lokführer vergleichen sich gelegentlich mit den Piloten. "Das ist eine eher unrealistische Einschätzung", sagt der Ökonom und Verkehrsexperte Kay Mitusch von der TU Berlin. "Piloten und Lokführer müssen zwar ähnlich wenig tun, weil Technik die Steuerung von Flugzeugen beziehungsweise Zügen übernimmt. Aber Piloten müssen alle paar Monate zu Schulungen in Simulatoren, sie werden regelmäßig getestet und können ihre Fluglizenz verlieren, wenn sie die Test nicht bestehen", sagt Mitusch. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lokführer eine solche vergleichbare Position haben, dass ein eigener Tarifvertrag gerechtfertigt wäre." Sinn machte ein eigenständiger Tarifvertrag nur, wenn die Aufgabe der Berufsgruppe innerhalb einer Branche herausrage.
Die GDL beharrt dennoch auf ihren Forderungen - und verlangt zudem eine üppige Einkommenserhöhung, und zwar bis zu 31 Prozent Plus. Diese Forderung gilt ausschließlich für die angestellten Lokführer der Deutschen Bahn; für Zugbegleiter, die sich auch unter den GDL-Mitgliedern finden, verhandelt die Gewerkschaft derzeit nicht. Allerdings hat Gewerkschaftsvize Claus Weselsky Anfang der Woche angedeutet, man werde die 31-Prozent-Forderung "im Lauf der Verhandlungen" verändern. Im Klartext: Die Lokführer wären auch mit einer kleineren Lohnerhöhung zufrieden. Hauptsache, es gibt einen eigenständigen Tarifvertrag.
Mit dieser Position hat die GDL die Zielmarke klar festgelegt: Setzt sich die Gewerkschaft mit einem eigenen Tarifvertrag nicht durch, sondern erreicht nur höhere Löhne, ist sie dennoch auf ganzer Linie gescheitert.
kaz
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