Von Marc Pitzke, New York
Nach über 25 Jahren Aidsforschung ist das eine beklemmende Erkenntnis. Weltweit sind heute fast 40 Millionen Menschen mit dem Aids-Virus HIV infiziert. Jeden Tag kommen rund 12.000 neue hinzu. Drei Millionen im Jahr sterben. Ein Impfstoff bleibt unerreichbar. "Das ist eine beispiellose Herausforderung", sagt Hecht.
Obwohl derzeit über 30 Versuchsreihen laufen, mit weltweit 25.000 Teilnehmern. Die meisten sind jedoch noch im Frühstadium. Die Merck-Studie war mit am weitesten fortgeschritten.
Alle großen Pharmakonzerne sind beteiligt: GlaxoSmithKline
, Merck, Novartis
, Sanofi-Aventis
, Wyeth
- doch mit vergleichsweise geringem Eigenaufwand (93 Prozent der Versuchskosten werden staatlich finanziert) und seltsam diskret. Merck-CEO Richard Clarke erwähnte den Impfstoff MRK-Ad5 vor den Aktionären auf der Hauptversammlung im April mit keinem Wort.
Kranke sind profitabler als Gesunde
Das überrascht nicht. Aktionäre wollen so etwas nicht hören. Denn auf den ersten Blick scheint eine solche Aids-Wunderwaffe zwar ein Blockbuster. Doch die wissenschaftlichen Probleme sind weiterhin so enorm, komplex und vor allem ungelöst, dass die Entwicklungskosten astronomisch bleiben.
Und die würden sich auch durch den Verkauf des Mittels kaum decken lassen. "Der Hauptgrund, aus dem Firmen ein Feld betreten, ist die Aussicht auf einen Markt", weiß Stanley Plotkin, der Chefberater von Sanofi Pasteur, der Impfstoff-Tochter von Sanofi-Aventis. Doch dieser Markt hat im Fall eines Aids-Immunmittels "große Ungewissheit", ergänzt Hecht: Die, die einen Impfstoff am dringendsten bräuchten, könnten letztlich auch am wenigsten dafür zahlen - Menschen in Entwicklungsländern, in denen 95 Prozent aller neuen HIV-Infektionen gezählt werden.
Wie das nach hinten losgehen kann, haben die Pharmakonzerne in den neunziger Jahren mit den ersten HIV-Pillen erlebt: Ihre für die Dritte Welt unbezahlbare Preisgestaltung rief Aids-Aktivisten auf den Plan und führte zu einem PR-Alptraum. Gruppen wie Act Up übten so lange Druck auf die Pharmafirmen aus, bis sie Abschläge machten und ihre Profitmarge reduzierten.
Hinzu kommt eine zynischere Erwägung: Ein Impfstoff muss nur ein paarmal im Leben verabreicht werden. Doch viele HIV-Infizierte müssen für den Rest ihrer Tage Medikamente nehmen - jeden Tag. Chronisch Kranke zu behandeln bringt dem Hersteller letztlich mehr als neue Erkrankungen zu verhindern.
Steuergutschriften für Aids-Pioniere
Diese Kritik ist nicht neu. Schon 2005 monierte Edmund Tramont, der damalige Aids-Experte der US-Gesundheitsbehörde NIH, das mangelnde Engagement der Privatwirtschaft. "Wir werden einen HIV-Impfstoff haben", sagte er. "Aber er wird nicht von einem Konzern hergestellt werden. Die fallen wie die Fliegen um, weil es für sie keinen wirklichen Anreiz gibt."
Wie könnten solche Anreize aussehen? In Großbritannien bekommen Pharma-Pioniere, die an Impfstoffen für Aids und andere Krankheiten (Tuberkulose, Malaria) arbeiten, Steuergutschriften. In den USA wird das bisher nur hypothetisch diskutiert. Ebenso wie ein spezieller Aids-Rechtsschutz, um die Firmen vor Schadensersatzklagen zu schützen.
Eine weitere Option wären "Advance Market Commitments" (AMC). Das sind Programme, mit denen sich Stiftungen und Regierungen vorab verpflichten, bestimmte Mengen an Impfstoffen zu festen Preisen einzukaufen. Mehrere Staaten und die Gates Foundation steckten bereits Anfang dieses Jahres 1,5 Milliarden Dollar in ein AMC-Pilotprojekt gegen Lungenentzündungen und Meningitis.
"Selbstloses Engagement"
Andere fordern die stärkere Einbindung kleinerer Biotech-Firmen in die Impfstoff-Suche als bisher. Diese können sich das im Gegensatz zu den Pharma-Giganten kaum leisten. Die IAVI hat deshalb gemeinsam mit der Gates Foundation einen Innovationsfonds in Höhe von zehn Millionen Dollar ins Leben gerufen, um "frische Ideen" zu provozieren. "Die Biotech-Industrie wimmelt nur so vor Erfindungsreichtum", sagt IAVI-Chef Berkley. "Den sollten wir anzapfen."
Für den Merck-Konzern dagegen, der im vergangenen Jahr 22,6 Milliarden Dollar Umsatz machte, ist die Sache erst mal erledigt. Weitere Aids-Impfstoffe hat er nicht in petto. "Es ist nichts in Sicht", sagt Merck-Vizepräsident Mark Feinberg. "Wir haben keinen anderen Impfstoff-Kandidaten, der aussichtsreich genug wäre, um weiter in klinische Untersuchungen voranzuschreiten."
Trotzdem bekam das Unternehmen allseits Lob für seine Bemühungen: "Wir applaudieren Merck für seine gewaltige Führungsrolle", erklärte die Aids Vaccine Advocacy Coalition (AVAC). "Das Unternehmen hat ein gutes Beispiel gesetzt." Doch noch jemand anderem gratulierte AVAC - den freiwilligen Testteilnehmern wie dem New Yorker Jason Foster. "Ihr selbstloses Engagement macht die Impfstoff-Forschung erst möglich."
Doch Selbstlosigkeit allein macht keinen Profit.
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