Sonntag, 22. November 2009

Wirtschaft



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10.10.2007
 

Forschungsstandort D

Experten warnen Deutsche vor Nobelpreis-Übermut

Von Susanne Amann

Forschungsgroßmacht Deutschland? Kaum kriegen zwei heimische Forscher Nobelpreise, scheinen Pisa-Schock und Gejammer über schlechte Unis vergessen. Doch deutsche Erfinder sind nur noch in bestimmten Branchen führend – in anderen hinken sie hinterher.

Hamburg - Die Überraschung war nicht gespielt: "Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt", kommentierte die Frau des frisch gekürten Nobelpreisträgers Gerhard Ertl heute die Ehrung ihres Mannes. Und bringt damit auf den Punkt, was wahrscheinlich viele gedacht haben: Gleich zwei Preise für zwei deutsche Wissenschaftler innerhalb von zwei Tagen - das passt erst mal so gar nicht zu dem dauernden Gejammer über schlechte Forschungsbedingungen, fehlende Innovationen und den Rückstand deutscher Wissenschaftler im weltweiten Vergleich.

Nobelpreisträger Ertl: Ungewohnter Rummel
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AP

Nobelpreisträger Ertl: Ungewohnter Rummel

Kein Wunder also, dass sich heute alle im Erfolg Ertls und seines Kollegen Peter Grünberg sonnten, der gestern den Nobelpreis für Physik bekommen hatte. So äußerte sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erfreut, "dass es uns gelungen ist, die Auszeichnung in beiden Disziplinen zu erhalten". Damit würden die Wissenschaftler in Deutschland insgesamt geehrt. Auch Bundespräsident Horst Köhler erklärte, die Auszeichnung werfe ein helles Licht auf die Wissenschaft in Deutschland.

Die Nobelpreise stärkten die Aufbruchstimmung in der deutschen Wissenschaft, die auch international zu spüren sei, fügte Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) hinzu. Und auch der Geehrte selbst machte klar: "Die deutsche Forschung war immer gut." Vielleicht könnte man in anderen Ländern besser trommeln. Aber: "Wenn man eine gute Idee hat, dann wird man auch dafür unterstützt."

Der Enthusiasmus erstaunt ein bisschen, wird der deutsche Forschungs- und Innovationsstandort doch meistens mit "zu bürokratisch", "zu wenige Mittel" und "zu wenig Anwendung in der Wirtschaft" beschrieben. "Natürlich sind die beiden Preise der Beweis, dass Spitzenforschung auch aus Deutschland kommen kann", sagt Frank Stäudner vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Er warnt allerdings davor, dass das nur für bestimmte Branchen gelte, etwa die Automobilindustrie oder den Maschinenbau. "In der Spitzentechnologie, also etwa bei der Halbleitertechnik, hinken wir ziemlich hinterher."

"Ausgründungen und Kooperationen sind schwierig"

Auch der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, warnt vor übertriebenem Optimismus. "Wir liegen bei Zitationen in Fachmedien derzeit nach den USA und Japan auf Platz drei - haben also trotz der deutlich höheren Forschungsausgaben in diesen Ländern eine Spitzenposition." Während in China nur zehn Patente auf 10.000 Wissenschaftler kämen, seien das in Deutschland derzeit 1500. Damit das aber so bleibe, müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden. "Ausgründungen und der Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist nach wie vor schwierig."

Die Gründe dafür sind vielfältig: Nach wie vor ist es in Deutschland für Wissenschaftler nicht einfach, für eine Zeit lang die Seiten zu wechseln und in der Industrie zu arbeiten. "Das Beamtenrecht ist zu schwerfällig, jeder Wissenschaftler würde zum Beispiel alle Rentenansprüche verlieren - das kann kein Unternehmen auffangen", sagt Stäudner. Außerdem sei das gesellschaftliche Klima in den USA offener für Unternehmensgründungen, die Risikobereitschaft sei höher.

Das zeigt sich nirgends so deutlich wie beim Einsatz von Risikokapital: Laut dem "Global Venture Capital Insights Report" von Ernst & Young dümpelt das Anlagevolumen in Deutschland, das die Investoren in Wagnisfinanzierungen stecken, seit 2002 zwischen 700 und 500 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Frankreich wuchs das Volumen zwischen 2003 und 2006 von 500 Millionen auf 800 Millionen Euro. "Bei den 26 Gründungen im Biotechnologiebereich im Jahr 2004 erfolgte keine einzige mit Venture Capital", kritisiert auch Max-Planck-Präsident Gruss.

"Der Nobelpreis für Grünberg hat gezeigt, dass der schnelle Transfer in die wirtschaftliche Verwertung möglich ist", sagt Patrick Heuer von der Fraunhofer-Gesellschaft. Er warnt trotzdem davor, die Hände in den Schoß zu legen. "Wir müssen alle Chancen, die sich aus der Grundlagenforschung ergeben, konsequent nutzen und wirtschaftlich umsetzen."

Dabei ist es nicht so, dass die deutschen Wissenschaftler nicht genügend Ideen hätten - denn die Qualität der Wissenschaftler ist gut. "Die Unternehmen sind mit den Absolventen hoch zufrieden, die Hochschulen leisten hier gute Arbeit", sagt Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Allerdings begeisterten sich zu wenige Schulabgänger für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge, und man habe ein "große Risikogruppe am unteren Rand". "Da sind zu viele, die aus den Schulen ohne Ausbildungsreife kommen."

"Mit den Gehältern können wir die Besten nicht holen"

Dazu kommt auch: Noch immer ist die Zielvorgabe nicht erreicht, drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung auszugeben. In diesem Jahr liegen die Ausgaben bei 2,5 Prozent. "Viel Forschung findet in Deutschland außerhalb der Universitäten statt", sagt IW-Experte Plünnecke. Das zeige nicht zuletzt der Erfolg der Max-Planck-Gesellschaft, die seit 1985 zehn Nobelpreise gewonnen habe. "Aber auch deutsche Unternehmen wie Daimler, Siemens, Bayer und BASF sind tatsächlich sehr gut aufgestellt", sagt Max-Planck-Chef Gruss.

Wie gut, das zeigt eine aktuelle Statistik der Europäischen Union: Danach hat der deutsche Autokonzern Daimler im vergangenen Jahr mit 5,2 Milliarden Euro von allen Unternehmen in der EU am meisten für Forschung und Entwicklung ausgegeben. VW, zweitgrößter deutscher Autoproduzent, liegt auf Platz fünf. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung haben danach weltweit zuletzt um zehn Prozent auf 372 Milliarden Euro zugenommen. In der EU war der Zuwachs mit 7,4 Prozent auf 121 Milliarden Euro allerdings etwas geringer.

Dass der Wettbewerb um die klügsten Köpfe inzwischen längst nicht mehr nur unter den deutschen Universitäten ausgefochten wird, weiß auch Max-Planck-Chef Gruss. "Große Gedanken mache ich mir deshalb tatsächlich um die persönliche Ausstattung der Wissenschaftler. Denn mit den derzeitigen Gehältern können wir die Besten in Zukunft wohl kaum holen oder halten."

Forschungsexperte Stäudner vom Stifterverband der deutschen Wissenschaft freut sich auch aus einem ganz anderen Grund über die beiden Nobelpreise für deutsche Forscher: "Die Politik gibt das Geld für Dinge aus, die der Bürger will. Wenn die Nobelpreise wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken, dass unser Wohlstand in Deutschland von Wissenschaft und Forschung abhängt, kann das uns nur dienen."

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