Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.10.2007
 

Sparpläne bei der BBC

Eine Institution wankt

Von Sebastian Borger, London

Kleiner und gesünder statt besser und größer: Radikale Sparpläne bei der BBC bedrohen eine Institution, die zu Großbritannien gehört wie Fish'n'Chips und die Downing Street. Kritiker befürchten, dass die letzte große Bastion des Qualitätsjournalismus dauerhaft beschädigt wird.

London - Bisher sprach Mark Thompson von der Zukunft seiner Anstalt gern unter dem Motto "weniger, besser, größer”. Gestern aber brachte der Generaldirektor des berühmtesten öffentlich-rechtlichen Senders der Welt seine Vision für die Zukunft der BBC auf einen anderen Nenner: Im digitalen Zeitalter gehe es darum "kleiner und gesünder” zu werden. Deshalb verkündete Thompson, 50, auf einer Betriebsversammlung ein erhebliches Schrumpfprogramm für die Institution, die zur Corporate Identity Großbritanniens gehört wie Fish & Chips oder die schwarze Tür von 10 Downing Street.

Der Eingang der BBC: Gehört zu Großbritannien wie Fish & Chips
Zur Großansicht
REUTERS

Der Eingang der BBC: Gehört zu Großbritannien wie Fish & Chips

Vielen seiner Zuhörer zieht Thompson damit buchstäblich den Boden unter den Füssen weg: Denn im Rahmen der Sparpläne soll auch das TV-Zentrum White City im Westen Londons verkauft werden. Außerdem fallen vier geplante neue Lokalradios dem Programm mit dem hübschen Titel "die kreative Zukunft bringen” ebenso zum Opfer wie zehn Prozent der bisher geplanten TV-Programme. In den kommenden Jahren würden insgesamt 2500 Stellen eingespart, verkündete der Generaldirektor. Gleichzeitig soll die Präsenz des Senders in Salford bei Manchester verstärkt werden; dort sowie bei der weltweit als erstklassige Informationsquelle geschätzten BBC-Website entstehen 700 neue Arbeitsplätze.

Die Gewerkschaften haben für kommenden Monat Streiks angekündigt. Dabei geht es weniger um den Arbeitsplatz-Abbau selbst als um Programme für veränderungs- und umzugswillige Mitarbeiter. Dass Einsparungen nötig seien, "akzeptiere ich”, sagt Gerry Morrissey von der Mediengewerkschaft Bectu.

Tatsächlich sind die Fakten eindeutig: Zwar hat die Regierung erst im vergangenen Jahr den Staatsvertrag bis 2016 verlängert und damit die Zukunft des bekanntesten öffentlich-rechtlichen Senders der Welt gesichert. Bei den Finanzverhandlungen erlitt Thompson aber zu Jahresbeginn eine schwere Niederlage. Statt wie in den vergangenen Jahren um anderthalb Prozent mehr als die Inflationsrate zu wachsen, wird die Rundfunkgebühr (derzeit 193,76 Euro pro Jahr) in Zukunft nur noch der jeweiligen Inflationsrate angepasst. Im Jahr 2012 soll sie nicht höher liegen als 216,64 Euro.

Werbung gibt es nicht

Da die Regierung der BBC zudem den Löwenanteil der Kosten an der bevorstehenden Umstellung von analoge auf digitale Signale aufgebürdet hat, kann Thompson bis 2013 2,86 Milliarden Euro weniger ausgeben als eingeplant. Bisher finanziert die BBC die beiden terrestrischen Kanäle BBC1 und BBC2. Hinzu kommen sechs digitale Programme, darunter der Nachrichtenkanal News 24, zehn landesweit ausgestrahlte Radio-Programme sowie mehr als 50 lokale und regionale Radiosender. Werbung oder Sponsoring gibt es auf all diesen Kanälen nicht – einer der wichtigsten Pluspunkte der Anstalt, wie alle Meinungsumfragen übereinstimmend ergeben.

Kritiker des Sparprogramms wenden sich vor allem dagegen, dass die Nachrichten- und Dokumentationssparte des Hauses von deutlichen Arbeitsplatz-Einsparungen betroffen sein soll. Dabei liegt die BBC in allen Umfragen nach verlässlichen Informationsquellen stets weit vor der Konkurrenz, vor Regierung oder Parlament. "Es handelt es sich um die Kernkompetenz der BBC”, gibt der konservative Schatten-Kulturminister Jeremy Hunt zu bedenken. "Man muss sehr darauf achten, dass man nicht Qualität einbüsst, wenn man Nachrichtenredaktionen zu sehr zusammenstreicht.”

Auch Thompson nennt die Nachrichten-Abteilung "den Eckpfeiler des ganzen Unternehmens”. Analog dem Beispiel führender britischer Zeitungen wie Daily und Sunday Telegraph will das BBC-Management aber TV-, Radio- und Web-Redaktionen stärker integrieren. "Wir können die Duplizierung beim Einholen und Verarbeiten von Nachrichten deutlich reduzieren”, glaubt der Generaldirektor und beteuert, die führenden BBC-Sendungen wie das Radio-Magazin Today und das Abend-Magazin Newsnight seien von den Kürzungen nicht betroffen.

Die BBC-Belegschaft ist ohnehin verunsichert, weil der Sender seit Monaten eine Glaubwürdigkeitskrise durchleidet. Wie bei der kommerziellen Konkurrenz manipulierten auch BBC-Programmverantwortliche das Ergebnis von Zuschauer-Abstimmungen und –Wettbewerben. Im Juli verdonnerte die Aufsichtsbehörde Ofcom den Sender deshalb zum ersten Mal in dessen Geschichte zu einer Geldstrafe von 74.000 Euro. Weil der Werbe-Trailer für eine Dokumentation über den Alltag der Queen manipuliert worden war, musste kürzlich der Direktor des wichtigsten TV-Kanals BBC1 den Hut nehmen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP