Hamburg/Frankfurt am Main – Und noch ein Mahner und Warner: Nach Bundesbankchef Axel Weber hat sich heute auch Jürgen Stark in die Debatte um die steigende Teuerung eingeschaltet. Die Inflationsgefahren in Deutschland seien größer geworden, sagte das Mitglied im Rat der Notenbank EZB zur "Frankfurter Allgemeinen".
Die Turbulenzen an den Finanzmärkten hätten der Konjunktur bisher kaum geschadet, die Weltwirtschaft sei in guter Verfassung. Umso bedrohlicher erscheint da das Risiko einer Teuerung.
Damit bestimmt das Thema Preissteigerung wieder die Schlagzeilen – spätestens jetzt, da die "Bild"-Zeitung auf Seite eins den "Inflations-Alarm" ausgerufen hat. Das Boulevardblatt gibt seiner Leserschaft ein paar Verständnishilfen zum Thema mit ("Inflation (lateinisch "inflare", aufblähen gibt den Preisanstieg für Waren und Dienste (z.B. Friseur) an, wird auch Teuerungsrate genannt") – und exklamiert: "Unser Leben wird immer teurer!"
Ob eine Teuerung von zuletzt 2,4 Prozent für einen "Alarm" schon ausreicht, sei dahingestellt - immerhin hat die Zeitung aber mit Bundesbank-Präsident Axel Weber durchaus einen prominenten Kronzeugen. Der hatte, übrigens in einem Interview für den "Tagesspiegel" vom Sonntag, vor einem weiteren Anstieg der Preise im Verlauf des Jahres gewarnt. Die Inflation könne sogar bis auf eine Rate von drei Prozent steigen. Solche Werte hat sie seit den frühen neunziger Jahren nicht erklommen. "Wir machen uns Sorgen", verriet Weber.
Das Signal des Falken
Der Chef-Bundesbanker zeigt sich damit, wie es sich für einen Inflationswächter gehört, berufspessimistisch und vorsichtig. Selbst innerhalb der EZB gehört er zu den "Falken". Viele Volkswirte sind in ihren Inflationsszenarien zurückhaltender. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beispielsweise hatte erst vergangene Woche prognostiziert, die Inflation werde 2007, 2008 und 2009 auf Jahressicht unter zwei Prozent liegen – was Ausschläge nach oben in einzelnen Monaten natürlich nicht ausschließt.
Der Warner Weber führt indes einige plausible Argumente an. Besorgniserregend sei vor allem, sagt er, dass die Preise auf breiterer Front steigen, also nicht nur bei einzelnen Produktkategorien wie bei Energie und Nahrungsmitteln. Und Weber gab sich bürgernah: Die "gefühlte Inflationsrate" bei den Verbrauchern sei sogar noch höher als die offiziell gemessenen Werte, weil Güter des täglichen Bedarfs wie Butter oder Milch betroffen seien.
Man möchte da hinzufügen: Gerade Benzin ist zuletzt noch einmal deutlich teurer geworden. Nachdem der Ölpreis vergangene Woche erstmals die Marke von 90 Dollar pro Barrel überschritten hat, kletterte auch der Dieselpreis auf ein Rekordniveau von 1,23 Euro pro Liter. Ein Liter Superbenzin kostete nach Mitteilung des Hamburger Fachdienstes EID 1,39 Euro, für Heizöl mussten Kunden zu Beginn der Heizperiode 65,5 Cent pro Liter zahlen. Bei allen Produkten drohen weitere Preissteigerungen.
So spricht einiges dafür, dass die Inflationsrate noch einige Zeit auf dem Niveau des Monats September verharrt – in diesem Zeitraum war sie nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes auf 2,4 Prozent geklettert und damit den höchsten Stand seit zwei Jahren.
Die Statistiker führten den Anstieg vor allem auf die Ölpreise zurück. Aber auch für Strom mussten Verbraucher viel mehr bezahlen als noch ein Jahr zuvor: Die Preise stiegen um 7,4 Prozent. Die Nahrungsmittelpreise kletterten im Vergleich zum Vorjahr um 2,7 Prozent.
Steuerzahlerbund: Jetzt rasch fort mit dem Soli
Verbraucher bekamen dies besonders bei Speisefetten und -ölen, Milchprodukten und Eiern zu spüren. So mussten sie für Butter 43,1 Prozent mehr bezahlen und für Quark 25,9 Prozent. Gemüse verbilligte sich dagegen um 5,9 Prozent. Bei Tabakwaren (4,9 Prozent) und im Bereich Verkehr (4,6 Prozent) verzeichneten die Statistiker ebenfalls deutliche Zuwächse. Den stärksten Preisanstieg maßen sie jedoch im Bereich Bildung (plus 27 Prozent).
Kein Wunder, dass auch der Bund der Steuerzahler das Thema Inflation entdeckt, um für sich und seine Forderungen zu werben. "Durch die Inflation wird ein Großteil der Lohnerhöhungen in diesem Jahr wieder aufgefressen", sagte der Präsident des Bundes, Karl Heinz Däke, wiederum der "Bild"-Zeitung. Um die Bürger zu entlasten, müsse die Bundesregierung "kurzfristig den Soli senken, die alte Pendlerpauschale wieder herstellen und die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung unter drei Prozent senken".
Dass die EZB den Worten Webers und Starks Taten folgen lässt und rasch die Zinsen erhöht, ist übrigens unwahrscheinlich - noch ist das Lager der Falken nicht mächtig genug. "Ich gehe nicht davon aus, dass Weber derzeit im EZB-Rat die Mehrheit hat", sagt Goldman Sachs-Volkswirt Dirk Schumacher. Auch sein Kollege Michael Schubert von der Commerzbank bleibt skeptisch: "Diese Jahr dürfte es wohl nicht mehr zu Zinserhöhungen kommen."
itz/AP/AFP/Reuters/dpa/ddp
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