Von Marc Pitzke, New York
New York - Führungswechsel an der Wall Street bahnen sich gerne übers Wochenende an. Der Ablauf ist stets ähnlich. Ein Konzern gerät in Schieflage, Verwaltungssrat und Aktionäre beginnen zu murren, pikante Interna werden den Medien zugespielt. Die Dinge schaukeln sich hoch, und dann, meist nach dem freitäglichen Börsenschluss, wird der Vorstandschef diskret zur Rechenschaft gebeten. Noch vor Montag ist er seinen Job los.
So auch diesmal. Das Opfer: Stan O'Neal, CEO von Merrill Lynch
Doch nun nahm O'Neals "American-Dream"-Aufstieg ein jähes Ende, nach knapp fünf Jahren im Spitzenamt: Der Verwaltungsrat von Merrill Lynch einigte sich nach Berichten der "New York Times" und des "Wall Street Journals" übers Wochenende auf seinen Rausschmiss. O'Neal sei dem aber durch "freiwilligen" Rücktritt zuvorgekommen - der übliche Formschlenker in solchen Fällen, um das Gesicht zu wahren. Eine amtliche Mitteilung seines Abgangs wird heute erwartet.
O'Neal ist das bisher höchstrangige und prominenteste Opfer der Subprime-Kreditkrise, die auch die großen Wall-Street-Häuser immer mehr in ihren Sog reißt. Allen voran Merrill Lynch: Vergangene Woche landete die Investmentbank abgrundtief in den roten Zahlen, mit einem Quartalsverlust von 2,24 Milliarden Dollar - dem höchsten in seiner Geschichte. Grund: Wegen seiner Verstrickung ins Geschäft mit Ramschhypotheken musste der Finanzkonzern allein 8,4 Milliarden Dollar abschreiben, wesentlich mehr, als O'Neal kalkuliert hatte.
"Bedeutender Bruch des Firmenprotokolls"
Im Vergleich dazu sind die anderen New Yorker Investmentbanken noch glimpflich davongekommen. Lehman Brothers
und Bear Stearns
mussten wegen des Subprime-Dramas im dritten Quartal je 700 Millionen Dollar abschreiben, Morgan Stanley
940 Millionen Dollar, Goldman Sachs
1,5 Milliarden Dollar.
Noch im August hatte O'Neal sich ganz locker gegeben: Die Hypothekenkrise sei "relativ gut eingegrenzt, und es gibt keine klaren Zeichen, dass sie in andere Unterbereiche des Kreditmarktes überschwappt", sagte er damals in einem Interview. Verhängnisvolle Worte.
Als sich das Quartalsdebakel andeutete, versuchte O'Neal zurückzurudern. Dazu tat er den ungewöhnlichen Schritt, persönlich an der Zwischenbilanz-Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten teilzunehmen, um die kochenden Gemüter zu beruhigen, auch intern. "Es wurden Fehler gemacht", gab er dabei zu und erklärte, er sei für die Misere "haftbar" zu machen.
Es half ihm wenig: Die Analysten gingen ihn scharf an, die Rating-Firma Standard & Poor's stutzte Merrills Kreditwürdigkeit noch während des leidigen Telefonats von AA- auf A+, die "Fehlleistungen des Managements" monierend. Schlechtes Omen: Zweimal wurde die einstündige Konferenzschaltung unvermittelt unterbrochen - einmal von Warteschleifendudelmusik, einmal von einem Test des Feueralarmsystems.
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