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Geschasster Banker 8,4 Milliarden Verlust - 175 Millionen Abfindung

2. Teil: O'Neals Feinde streuten Indiskretionen über den Banker

Die Resonanz auf das Quartalsergebnis war verheerend. Der Merrill-Aktienkurs kippte. "O'Neals Glaubwürdigkeit hat einen enormen Schlag erlitten", resümierte der Wirtschaftsblog "Breakingviews" des "Wall Street Journals" und attestierte O'Neal ein "dilettantisches Risikomanagement". "Köpfe werden rollen", prophezeite auch der Börsen-Blogger Todd Sullivan. Das "New York Magazine" rief eine "Stanley-O'Neal-Totenwache" aus.

Prompt formierte sich eine Front namhafter Kritiker. "Dies war eine großartige Firma, und sie wird nicht gut geführt", erklärte zum Beispiel Win Smith, der Sohn des Merrill-Mitbegründers Winthrop Smith, der seinerzeit den Machtkampf um den Chefposten gegen O'Neal verloren hatte und daraufhin unwirsch aus dem Unternehmen gekegelt worden war. "Sie braucht in Zukunft die richtige Führungskraft."

Und so machten sich die Aasgeier ans Werk. Irgendjemand - anscheinend ein Mitglied des Verwaltungssrats - lancierte am Freitag an die "New York Times", O'Neal habe, um Merrill zu retten, eine Fusion seines angeschlagenen Konzerns mit der Großbank Wachovia Chart zeigen sondiert. Mit anderen Worten: einen Ausverkauf des 93-jährigen Traditionshauses. Dazu habe er Wachovia-CEO Kennedy Thompson persönlich angerufen - und zwar ohne Rücksprache mit dem Merrill-Board. Dies, steckte der Informant der "NYT", sei "ein bedeutender Bruch des Firmenprotokolls". Der Verwaltungsrat - der einen Zusammengang mit Wachovia für "derzeit nicht wahrscheinlich" halte - erwäge deshalb nun, O'Neal zu feuern.

Ein letztes Dinner mit den Brokern

Dies ist der Stoff schönster Wall-Street-Intrigen. Für das Board war O'Neals Unbotmäßigkeit der sprichwörtliche letzte Tropfen im übervollen Fass - und die treffliche formelle Ausrede, ihn zu schassen - nach 20 Jahren im Dienst für die Traditionsfirma.

Schon länger nämlich grummeln die Verwaltungsräte und auch die Anteilseigner, dass Merrill Konkurrenten wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley hinterherhinkt. Kein Wunder, dass der 56-jährige O'Neal - der allein voriges Jahr 46,4 Millionen Dollar an Gehalt und Bonus einstrich - als Erster unter die Räder kam. Seine allseits bekannte Freude zum Investment-Risiko rächte sich nun bitter.

Doch noch etwas anderes ließ schon vorab Böses ahnen für O'Neal. Als der kühl kalkulierende Merrill-Veteran Ende 2002 nach internen Kämpfen zum CEO des Konzerns aufrückte, als erster Schwarzer überhaupt an die Spitze einer Wall-Street-Firma, da machte er sich mehr Feinde als Freunde. Er feuerte über ein Dutzend Top-Manager und ersetzte sie durch treue Vasallen, um seine wacklige Autorität zu stützen. Bald nannten sie ihn hinter vorgehaltener Hand "Mullah Omar" und seine Riege die "Taliban".

Die Abservierten tragen ihm das bis heute nach - und standen jetzt Gewehr bei Fuß, durch gezielte Indiskretionen und Querschüsse seinen Abgang zu befördern. Genauso war es vor zwei Jahren auch Philip Purcell gegangen, dem damaligen CEO von Morgan Stanley.

Schon vor Verkündung der Quartalszahlen hatte das Board O'Neal in die Zange genommen. Eine Sitzung am vorvergangenen Sonntag sei "sehr gereizt" verlaufen, steckte ein Teilnehmer dem "Wall Street Journal". Wortführer der Kritiker war nach Informationen der "Financial Times" Verwaltungsrat Armando Codina, der mächtigste Immobilienfürst Miamis und ein guter Freund von US-Präsident George W. Bush. Ironie der Geschichte: O'Neal hatte Codina 2005 selbst ins Board geholt. "Er bringt enorme finanzielle, betriebliche und strategische Erfahrung mit", hatte O'Neal ihn da gelobt. Abermals: verhängnisvolle Worte.

Dem Flurfunk zufolge begann der Rat daraufhin schon Ende vergangener Woche, einen Nachfolger für O'Neal zu suchen. Als aussichtsreichster Outsider - neben diversen internen Merrill-Kandidaten - gilt danach offenbar Larry Fink, 54, der als eher risikoscheue bekannte CEO der Investmentfirma BlackRock, an der Merrill Lynch 49 Prozent hält. Auch Börsenchef John Thain wurde genannt, soll aber abgewinkt haben.

O'Neal machte noch einen halbherzigen Versuch, die hausinternen Truppen auf seine Seite zu bringen. Er lud seine Top-Broker zum Dinner ein, ein ungewöhnlicher Zug. Doch da kursierten die Gerüchte über seinen Rausschmiss längst. Auch O'Neal selbst hatte sich da offenbar bereits mit seinem Schicksal abgefunden: Zu Beginn des Wochenendes habe er Freunden anvertraut, er erwarte das Aus, meldete der TV-Wirtschaftssender CNBC.

Die Reaktion der Börse sagte alles: Die Merrill-Aktie schloss zum Wochenende aufgrund der Rücktrittsspekulationen 8,5 Prozent im Plus. Damit erhöhte sich O'Neals vertraglich verankertes Abfindungspaket - schon so satte 159 Milionen Dollar - durch ein paar praktische Aktienoptionen um weitere 16 Millionen Dollar.

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