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29.10.2007
 

Reise nach Indien

Merkel wirbt für eine unterschätzte Wirtschaftsmacht

Von Hasnain Kazim

Indien ist eine Wirtschaftsmacht - doch viele deutsche Unternehmen verkennen das und investieren dort nicht. Das Ergebnis: Indische Studenten, Wissenschaftler und Unternehmer interessieren sich kaum für Deutschland. Kanzlerin Merkel will das mit ihrer ersten Indien-Reise ändern.

Hamburg - Es sprachen zu viele Gründe gegen Deutschland: die schwierige Sprache, der restriktive Zugang zum Arbeitsmarkt, das gewöhnungsbedürftige Klima. Abhijit Nilegaonkar aus Pune entschied sich, obwohl er in Indien Deutsch gelernt hatte, nach langem Hin und Her für ein Studium der Informatik in den USA. "Als ich mich über Möglichkeiten in Deutschland informierte, hatte ich das Gefühl, dass andere Länder uns Inder mit offeneren Armen empfangen als Deutschland", sagt er. Jetzt studiert der 20-Jährige an der University of Missouri-Rolla. "Ich habe meine Entscheidung nicht bereut", sagt er. Es ist eine Entscheidung gegen Deutschland.

Indisches Verkehrschaos (in Hyderabad): Abschreckung für deutsche Unternehmen
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REUTERS

Indisches Verkehrschaos (in Hyderabad): Abschreckung für deutsche Unternehmen

Aber auch umgekehrt ist das Interesse mäßig - noch. Volkswagen, Europas größter Autokonzern, ist in Indien, einem der am stärksten wachsenden Automärkte der Welt, kaum vertreten. VW lässt erst seit September den Passat im indischen Skoda-Werk fertigen, im Straßenbild spielt die Marke Volkswagen keine Rolle.

VW-Chef Martin Winterkorn sagt, der Konzern stehe vor der Grundsteinlegung eines Werks in Indien - Jahre nachdem andere ausländische Automobilbauer damit begonnen haben, in Indien zu produzieren. Die Entscheidung für Indien ist nach Ansicht indischer Auto-Experten sehr spät gefallen - möglicherweise zu spät, da einheimische Hersteller wie Tata und Mahindra den Markt längst beherrschen. Volkswagen hat sich so sehr auf China konzentriert und war dort zeitweise zum Marktführer avanciert, dass es den anderen großen Markt Asiens offenbar vergessen hat.

Indische Studenten, die nicht nach Deutschland wollen, deutsche Unternehmen, die Indien spät entdecken - die indisch-deutschen Wirtschafts- und Wissenschaftsbeziehungen sind eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Obwohl Indien Anfang der neunziger Jahre seinen Markt allmählich öffnete und die dortige Wirtschaft seither jährlich zwischen fünf und zehn Prozent wächst , fließt ausländisches Geld immer noch langsam: Marode Verkehrswege, permanente Stromausfälle, korrupte Beamte, ein handlungsunfähiges Justizsystem, all das schreckt Firmen ab, sich dort zu engagieren.

Indien ist Handelspartner Nummer 29

"Viele Unternehmer, die Indien auf eigene Faust erkundeten, wendeten sich angesichts der enormen Armut und der sehr fremden Mentalität der Menschen ab", sagt ein deutscher Unternehmensberater in Neu-Delhi. "Teilweise ist das heute noch so. Die wissen gar nicht, was denen entgeht. Indien hat zwei Gesichter: ein altes, armes und ein modernes, wohlhabendes."

Umgekehrt blicken Inder, wenn es um Wirtschaft und Beruf geht, überwiegend ins englischsprachige Ausland. Zur ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien besteht eine traditionell enge Wirtschaftsverbindung, für indische Ärzte, Ingenieure und IT-Spezialisten sind die USA erste Wahl. Die Einwanderungshürden sind niedriger als in Deutschland, vor Ort finden sie indische Gemeinschaften vor, so dass ihnen ein Leben fern des Heimatlandes sehr viel leichter fällt. "Vielen Indern ist dabei gar nicht bewusst, welche Möglichkeiten sie in Deutschland haben", sagt der Unternehmensberater.

Indien, drittgrößte Wirtschaftsmacht Asiens hinter Japan und China, steht auf der Liste der wichtigsten Handelspartner Deutschlands sowohl beim Import als auch beim Export nur auf Platz 29 - noch hinter Ländern wie Norwegen, Rumänien oder der Slowakei. "Damit kann die deutsche Wirtschaft nicht zufrieden sein", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute vor ihrer Abreise nach Neu-Delhi. Das Potential der gemeinsamen Wirtschaftsbeziehungen sei "bei weitem nicht ausgereizt". Jahrelang sei der Fokus stark auf China ausgerichtet gewesen, sagte Merkel. Indien verdiene viel mehr Beachtung.

Merkel reist mit 140-köpfiger Delegation

BASF-Chef Jürgen Hambrecht, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sagt, angesichts der Größe Indiens und des stark wachsenden Konsums durch eine größer werdende Mittelschicht seien die Deutschen in Indien "noch nicht adäquat positioniert". Das gelte für das Handelsvolumen von insgesamt 10,5 Milliarden Euro sowie für die Direktinvestitionen. "Großbritannien, die USA, Japan oder auch die Niederlande investieren deutlich mehr", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Deutschlands Anteil an Investitionen in Indien beträgt gerade mal 3,6 Prozent."

Merkels Reise soll dieses Missverhältnis beenden. Im Mittelpunkt ihrer viertägigen Indien-Tour steht daher der Ausbau der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Begleitet wird sie von einer 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation, der Topmager wie Hambrecht, aber auch Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und Airbus-Chef Thomas Enders angehören. Zudem reisen Wissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU), mehrere Wissenschaftler sowie Bundestagsabgeordnete nach Neu-Delhi sowie nach Bombay. Insgesamt umfasst die Delegation 140 Personen.

Merkel sagte am Wochenende, Ziel ihrer Reise sei es, neue Kontakte für die deutsche Wirtschaft zu knüpfen. Zudem will sie gemeinsam mit Ministerpräsident Manmohan Singh einen "Wissenschaftszug", den "Science Express", starten, der in 56 Städten Indiens für die Kooperation beider Länder werben soll. "Wir werden dafür sorgen, dass mehr indische Studenten in Deutschland ihre Ausbildung genießen", sagte Merkel. Damit Studenten wie Abhijit Nilegaonkar sich künftig nicht für die USA, sondern für die Bundesrepublik entscheiden.

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