Hamburg - Der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, zeigte sich zugleich zuversichtlich, den Tarifstreit zu gewinnen. "Wir stehen diesen Arbeitskampf durch", betonte er in einem Interview mit dem "Stern", das er während seiner Kur in Radolfzell gab.
Als "Volksverblödung" bezeichnete er das Angebot der Bahn, einmalig 2000 Euro zu zahlen. Dies sei Geld, das den Kollegen ohnehin schon gehöre, da die Bahn Überstunden nicht vergüte, sondern dieses Geld anlege. Den Vorwurf des "Psychoterrors" bezog Schell auf die Abmahnungen und Kündigungen gegen Lokführer wegen gefährlichen Eingriffs in den Eisenbahnverkehr. "Die Abmahnungen und die Kündigungen wird die Bahn zurücknehmen müssen", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende.
Über Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und Bahn-Personalvorstand Margret Suckale sagte Schell, sie seien "Außerirdische", die die Eisenbahnerfamilie zerstört haben. Suckale nannte er zudem eine "Super-Nanny", die treuherzig in die Kameras schaue und verkünde, dass es für Weihnachten "obendrein noch Geld gibt". Seine Kritik: "Die Manager oben an der Spitze kommen nicht aus der Bahn, sie verstehen die Zusammenhänge nicht."
Er kämpfe für Würde und Anerkennung der Lokführer - 1500 Euro Nettolohn als Anfangsgehalt seien ein Hohn. Der Posten des Bahn-Chefs sei 1994 noch mit 300.000 Euro Jahresgehalt dotiert gewesen - heute erhalte Mehdorn über 250.000 Euro im Monat, gut drei Millionen Euro im Jahr. Personalchefin Suckale komme auf 1,7 Millionen Euro im Jahr. "Ich neide Ihnen das Geld nicht. Aber Sie müssen doch mal die Augen aufmachen und fragen: Was kriegen denn die anderen? Wie komme ich mit 1500 Euro im Monat aus? Was ist das für ein Leben?"
Mord- und Bombendrohungen gegen Schell
Die Bahn wies die Kritik Schells zurück. "Außer immer neuen Beschimpfungen und Verunglimpfungen fällt den GDL-Funktionären gar nichts mehr ein", sagte Bahn-Sprecher Oliver Schumacher. "Die neuerlichen Pöbeleien des GDL-Vorsitzenden Manfred Schell sind nur noch peinlich."
Es ist nicht das erste Mal, dass Schell derbe Worte für die Bahn-Manager findet. Mehdorn bezeichnete er schon mal als "Rumpelstilzchen". Umgekehrt, sagt Schell, habe ihn Mehdorn den Chef einer Truppe genannt, die das Land terrorisiere.
Der 64-jährige Schell wurde nach eigener Darstellung zuletzt immer wieder massiv anonym bedroht: "Es gab Drohungen gegen mich, Drohungen gegen Angestellte von uns, es hieß schon: Der Nächste, der das Haus verlässt, wird abgeknallt. Es gab Bombendrohungen. Es gab Anrufe: Der Schell wird seine Rente nicht mehr erleben!"
Er lasse sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Vorwürfe, er habe sich mitten während des Arbeitskampfes in die Kur verabschiedet, wies er zurück. "In bin nicht weg, ich bin rund um die Uhr erreichbar", erklärte Schell. Falls die Bahn "mit einem neuen, einem wirklichen Angebot" komme, werde er sofort zu den Verhandlungen eilen.
Gestern hatte die Bahn ein Ultimatum der GDL ohne ein neues Tarifangebot an die Lokführer verstreichen lassen. Die GDL entschied sich dennoch, bis zum Ende der Woche nicht mehr zu streiken. Bis Freitag soll eine Entscheidung des sächsischen Landesarbeitsgerichts in Chemnitz abgewartet werden, die der GDL möglicherweise erlaubt, auch im Güter- und Fernverkehr zu streiken. Bisher waren den Lokführern Arbeitsniederlegungen nur im Nah- und Regionalverkehr erlaubt.
kaz/AP/Reuters/dpa/ddp
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