Aus Fort McMurray berichtet Hubert Boening
Fort McMurray - Im Nordosten Albertas, am Zusammenfluss von Athabasca und Clearwater River, liegt das ehemals verschlafene Pelzhandelscamp Fort McMurray. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden große Ölsandvorkommen entdeckt - damit begann die industrielle Entwicklung. Heute ist die von Wald und Mooren eingeschlossene Stadt mit mehr als 80.000 Einwohnern Zentrum der Ölsandindustrie Albertas.
Athabasca-Ölsandfelder bei Fort McMurray: Ölkonzerne werben sich untereinander die Fachkräfte ab
In den traditionellen Ölförderländern lagert das Öl in flüssiger Form in der Erde und kann mit konventioneller Technik wirtschaftlich gewonnen werden. Für den Abbau von Ölsand hingegen wird aufwendige, robuste Technik gebraucht. Die kanadischen Ölsande sind dunkel und riechen stark nach Teer. Sie bestehen aus Lehm, Quarzsand, Wasser und bis zu zwölf Prozent zähflüssigem Bitumen. Erst in den vergangenen Jahren ermöglichten neue Technologien und ein anhaltend hoher Ölpreis den wirtschaftlichen Abbau.
Arbeiter werden eingeflogen, wohnen gratis in Camps
Mit den Förderanlagen kam der wirtschaftliche Aufschwung Albertas, mit all seinen Folgen. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Die Ölkonzerne werben sich untereinander die Fachkräfte ab. Auch andere Branchen sind betroffen. Die Versorgungs- und Dienstleistungsunternehmen können mit den hohen Löhnen der Ölkonzerne nicht mithalten und müssen ihre Leistungen reduzieren - wegen Personalmangels. "Ganz Alberta ist eine Dienstleistungswüste", beschwert sich Ramses Shehata, Vorsitzender der Geschäftsführung der ThyssenKrupp Fördertechnik. Er nimmt seit Jahren von Calgary aus die Interessen des Stahlgiganten wahr.
| Die zehn ölreichsten Länder | ||
| 1 | Saudi-Arabien | 35.478 |
| 2 | Kanada | 24.126 |
| 3 | Iran | 18.630 |
| 4 | Irak | 15.430 |
| 5 | Kuwait | 13.717 |
| 6 | Arabische Emirate | 12.851 |
| 7 | Venezuela | 11.190 |
| 8 | Russische Föderation | 8.163 |
| 9 | Libyen | 5.465 |
| 10 | Nigeria | 4.915 |
| Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007 | ||
Die deutschen Fachkräfte fühlen sich am Anfang in die industrielle Mondlandschaft heimischer Braunkohlereviere versetzt. Nicht verwunderlich - denn genau wie Braunkohle wird ein großer Teil der Ölsandvorkommen im Tagebau gewonnen. Ein verwirrendes System von Fördertechnik, Rohrleitungen, Wasserbecken und Industrieanlagen prägt die Landschaft. An der Abbaukante hebt sich das Schwarz des Ölsandes vom satten Grün der noch unangetasteten Landschaft ab.
Die größten Bagger der Welt, deren Schaufeln je 100 Tonnen Ölsand auf einmal aus den Flözen kratzen, entladen den Sand mit lautem Getöse in bereitstehende, gigantische Muldenkipper. Ein Caterpillar 797 hat ein Eigengewicht von 200 Tonnen und kann bis 400 Tonnen Ölsand aufnehmen. Die Kipper-Reifen kommen auf eine Höhe von vier Metern.
Über ein Netz holpriger Industriestraßen wälzen sich diese schlammverkrusteten Monster, von zwei Motoren mit zusammen 3500 PS Leistung angetrieben, den nahe gelegenen Brecheranlagen entgegen. Die zerkleinerten Ölsandklumpen werden mit heißem Wasser zu einer halbflüssigen Mixtur vermischt und über Pipelines in Extraktionsanlagen gepumpt. Hier wird das Bitumen von Sand, Ton und Wasser getrennt, bevor es dann in sogenannten Upgrader zu handelsüblichem Leichtöl aufbereitet wird. Im Durchschnitt bracht man zwei Tonnen Ölsand, um ein Barrel Rohöl herzustellen.
Extremes Klima stellt hohe Anforderungen
Die Förderung und Weiterverarbeitung des Ölsandes erfolgt unter extremen klimatischen Bedingungen. Im Sommer, bei Temperaturen bis zu 35 Grad Celsius, ist das Gemisch aus Bitumen, Sand und Ton plastisch und klebrig. Die 600 Tonnen schweren Kipper haben große Mühe, auf dem auftauenden, schlüpfrigen Boden die Brecheranlagen zu erreichen. Im langen und sehr kalten Winter müssen die Kipper riesige gefrorene Ölsandblöcke aufnehmen und zu den Zerkleinerungsanlagen transportieren. Zukünftig sollen mobile Brecheranlagen, die den Baggern auf der Abbautrasse folgen, die zahlreichen Trucks überflüssig machen.
| Die zehn größten Erdölförderer | ||
| 1 | Saudi-Arabien | 525,0 |
| 2 | Russische Föderation | 485,0 |
| 3 | USA | 313,6 |
| 4 | Iran | 198,0 |
| 5 | China | 186,0 |
| 6 | Mexiko | 185,5 |
| 7 | Kanada | 152,0 |
| 8 | Venezuela | 151,0 |
| 9 | Arabische Emirate | 137,7 |
| 10 | Norwegen | 130,0 |
| Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007 | ||
Dank dieser Techniken wird sich Kanada in den nächsten zehn Jahren zu einem der größten Erdölexporteure der Welt entwickeln. Für den energiehungrigen Nachbarn USA ist das Land schon heute verlässlicher Erdöllieferant. Da Kanada gegenwärtig über zu wenig eigene Raffinerien verfügt, wird etwa 70 Prozent der Ölproduktion als synthetisches Rohöl in die USA exportiert.
Vor drei Jahrzehnten überstiegen die Förderkosten von 40 Dollar je Barrel Rohöl noch häufig die am Weltmarkt erzielbaren Verkaufspreise. Heute dagegen ermöglichen innovative Werkstoffe und Technologien eine Halbierung der Förderkosten. Die Rohölpreise liegen inzwischen weit über den Kosten.
Noch lukrativer wird das Geschäft, wenn die Weltmarktpreise die Marke von 100 Dollar je Barrel Rohöl erreichen. Auf die Bemerkung, hier gebe es wohl Lizenzen zum Gelddrucken, antwortet ein kanadischer Ingenieur lapidar: "Gelddrucken geht zu langsam."
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